Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Trauma als Leitmotiv der Lyrik Paul Celans

»Schwar­ze Milch der Frü­he wir trin­ken sie abends /​ wir trin­ken sie mit­tags und mor­gens wir trin­ken sie nachts /​ wir trin­ken und trin­ken /​ wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng …« – mit die­sen Zei­len beginnt das wohl berühm­te­ste deut­sche Gedicht des 20. Jahr­hun­derts: »Todes­fu­ge« von Paul Celan. Das Gedicht – bekannt auch durch die Zei­le »… der Tod ist ein Mei­ster aus Deutsch­land« – wird gele­sen, rezi­tiert, ana­ly­siert oder zitiert, dabei war es der ein­fühl­sa­me Ver­such, das Grau­en des Holo­causts mit lyri­schen Mit­teln auf einer abstrak­ten Ebe­ne zu beschrei­ben. Ent­stan­den unter dem unmit­tel­ba­ren Ein­druck der Ermor­dung sei­ner Eltern durch die Natio­nal­so­zia­li­sten, woll­te Celan damit Ador­nos Dik­tum, es lie­ße sich nach Ausch­witz kei­ne Lyrik mehr schrei­ben, wider­le­gen. Das Gedicht, das zu einem Zeit­do­ku­ment und einer Zeu­gen­aus­sa­ge wur­de, hat Celan von der halb­öf­fent­li­chen Lesung auf einer Tagung der Grup­pe 47 im Mai 1952, die ein Rein­fall war, bis zu sei­nem Lebens­en­de über ein Vier­tel­jahr­hun­dert ver­folgt. Dabei muss­te sich Celan auch mit dem Vor­wurf der Beschö­ni­gung des Grau­ens auseinandersetzen.

Paul Ant­schel – erst nach 1945 nann­te er sich Celan (aus der rumä­ni­schen Schreib­wei­se Ancel wur­de per Ana­gramm der fran­zö­si­sche Autoren­na­me Celan) – wur­de am 23. Novem­ber 1920 im rumä­ni­schen Czer­no­witz gebo­ren, das bis zum Ende des Ersten Welt­kriegs zur öster­rei­chisch-unga­ri­schen Mon­ar­chie gehört hat­te. Hier besuch­te er die Schu­le und das Gym­na­si­um. Er war in meh­re­ren Spra­chen, dar­un­ter Deutsch, Rumä­nisch, Fran­zö­sisch, Eng­lisch, zu Hau­se und spä­ter auch als Über­set­zer tätig. Mit 16 Jah­ren schrieb er erste Gedich­te. Im Novem­ber 1938 rei­ste er nach Paris, um sich dort auf ein Medi­zin­stu­di­um vor­zu­be­rei­ten. Wäh­rend eines Zwi­schen­stopps in Ber­lin nahm er bereits die Pogrom­stim­mung gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung wahr. Als er im Juli 1939 in den Som­mer­fe­ri­en nach Czer­no­witz zurück­kehr­te, begann wenig spä­ter der Zwei­te Welt­krieg, was sei­ne Rück­kehr nach Paris ver­ei­tel­te. Um der dro­hen­den Depor­ta­ti­on zu ent­ge­hen, mel­de­te sich Celan zum Arbeits­dienst, wo er zur Zwangs­ar­beit im Stra­ßen­bau her­an­ge­zo­gen wur­de. Im August 1944 kehr­te er nach Czer­no­witz zurück und nahm sein Stu­di­um wie­der auf. Hier erfuhr er ver­mut­lich erst vom Tod sei­ner Eltern.

1945 ging Celan nach Buka­rest; als Ver­lags­lek­tor über­setz­te er rus­si­sche Lite­ra­tur ins Rumä­ni­sche. 1947 floh er dann nach Wien, wo er Anschluss an Künst­ler­krei­se fand und Inge­borg Bach­mann traf. Ein Jahr spä­ter sie­del­te er nach Paris über, das sei­ne zukünf­ti­ge Hei­mat wer­den soll­te. Zunächst schlug er sich mit Gele­gen­heits­ar­bei­ten durch. Ab 1959 war Celan dann Lek­tor für Deut­sche Spra­che und Lite­ra­tur an der Éco­le Nor­ma­le Supé­ri­eu­re. 1952 hei­ra­te­te er die Male­rin und Gra­fi­ke­rin Gisè­le de Lestran­ge, was ihm den Erwerb der fran­zö­si­schen Staats­bür­ger­schaft drei Jah­re spä­ter erleich­ter­te. In Paris lern­te Celan auch das Schrift­stel­ler­ehe­paar Yvan und Clai­re Goll ken­nen und über­setz­te eini­ge Gedich­te des jüdi­schen Dich­ters. Spä­ter erhob Clai­re Goll gegen Celan öffent­li­che (letzt­lich nicht bestä­tig­te) Pla­gi­ats­vor­wür­fe, was ihn psy­chisch schwer bela­ste­te. So muss­te sich Celan 1962 erst­mals in eine psych­ia­tri­sche Kli­nik bege­ben. Depres­sio­nen, Angst­zu­stän­de und Ver­fol­gungs­phan­ta­sien erzwan­gen in den fol­gen­den Jah­ren wei­te­re Kli­nik­auf­ent­hal­te. 1967 kam es schließ­lich zur Tren­nung von sei­ner Frau. Zwei Jah­re spä­ter rei­ste Celan zum ersten und ein­zi­gen Mal nach Jeru­sa­lem und ver­ar­bei­te­te die dar­aus gewon­ne­nen Ein­drücke in sei­nem post­hum erschie­ne­nen Gedicht­band »Zeit­ge­höft« (1976). Die Umstän­de und das Datum von Celans Tod sind bis heu­te nicht geklärt: Ver­mut­lich beging er am 20. April 1970 Selbst­mord, indem er sich in die Sei­ne stürz­te. Sein Leich­nam wur­de erst Tage spä­ter und zehn Kilo­me­ter fluss­ab­wärts aus einem Fluss­fil­ter gebor­gen. Am 12. Mai 1970 wur­de Celan auf dem Fried­hof Thi­ais bei Paris bestat­tet. Am sel­ben Tag starb in Stock­holm mit Nel­ly Sachs (1891–1970) eine wei­te­re gro­ße jüdi­sche und deutsch­spra­chi­ge Lyrik­per­sön­lich­keit. Die bei­den Schick­sals­ver­wand­ten hat­ten über einen Zeit­raum von 16 Jah­ren, von 1954 bis Ende 1969, in einem regen und freund­schaft­li­chen Brief­wech­sel gestanden.

Viel wur­de über Celans Selbst­mord spe­ku­liert. War es die gera­de erfolg­te Ver­öf­fent­li­chung des Gedich­tes »Er« des rumä­ni­schen, deutsch­spra­chi­gen Dich­ters Imma­nu­el Weiss­glas (1920–1979), angeb­lich aus dem Jah­re 1944, in dem sich Moti­ve der »Todes­fu­ge« befan­den? War der dünn­häu­ti­ge Celan von der Sor­ge neu­er­li­cher Pla­gi­ats­vor­wür­fe erfasst? Einem wei­te­ren »Ruf­mord« wäre er, des­sen war er sich bewusst, nicht gewach­sen gewe­sen. Weiss­glas selbst sah in der »Todes­fu­ge« kein Pla­gi­at, son­dern die Ant­wort »Höl­der­lin­scher Prä­gung« auf sein Gedicht; die Anschul­di­gun­gen gegen­über sei­nem Lands­mann und ehe­ma­li­gen Klas­sen­ka­me­ra­den hat er als »scha­kal­ar­ti­ges Schnüf­feln« zurückgewiesen.

Ein Höhe­punkt in Celans lyri­schem Schaf­fen war 1960 die Ver­lei­hung des Georg-Büch­ner-Prei­ses. Sei­ne Dicht­kunst – rät­sel­haft, dun­kel und oft zart-ver­letz­lich – war immer von sei­ner Bio­gra­fie geprägt: dem Ster­ben der Eltern im KZ, der eige­nen Ver­fol­gung und Ghet­toi­sie­rung sowie dem zufäl­li­gen Über­le­ben, das er als per­sön­li­che Schuld ansah. Mit die­sen Erfah­run­gen woll­te er ein jüdi­scher Dich­ter in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sein. Doch als die­ser ging er kaum in das Bewusst­sein sei­ner Leser ein. Dazu der Spa­gat zwi­schen Mut­ter­spra­che und Mör­der­spra­che. So blieb Celan in der Lite­ra­tur­sze­ne der Nach­kriegs­zeit ein Außen­sei­ter, ein im Exil in Paris leben­der deutsch­spra­chi­ger Jude, der zwar Inter­es­se und Bewun­de­rung weck­te, aber irgend­wie nicht dazu­ge­hör­te. Er fühl­te sich aus­ge­grenzt, saß zwi­schen den Stüh­len und hat­te kaum engen Kon­takt mit ande­ren Autoren, mit Aus­nah­me von Inge­borg Bach­mann, mit der ihn eine wech­sel­vol­le Lie­bes­be­zie­hung verband.

In die­sem Jahr ist sowohl der 50. Todes­tag als auch der 100. Geburts­tag von Paul Celan. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Sparr hat eine »Bio­gra­phie« sei­nes bekann­te­sten Gedich­tes vor­ge­legt, in der er des­sen Geschich­te rekon­stru­iert. Im Hör­ver­lag erschien zudem eine Dop­pel-CD mit aus­ge­wähl­ten Gedich­ten und Pro­sa aus den Jah­ren 1952 bis 1967, die der Autor selbst in den 1950er bezie­hungs­wei­se 1960er Jah­ren ein­ge­le­sen hat.

Tho­mas Sparr: »Todes­fu­ge. Bio­gra­phie eines Gedichts«, Deut­sche Ver­lags-Anstalt, 336 Sei­ten, 20 €. Paul Celan: »Todes­fu­ge. Gedich­te und Pro­sa 1952-1967«, Dop­pel-CD, Lesung, Der Hör­ver­lag, 18 €