Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Elfenbeinküste: Müll oder Schokolade

Die seit län­ge­rem schwe­len­de Welt­wirt­schafts­kri­se, die aktu­el­le Covid-19-Pan­de­mie und die US-Sank­tio­nen brin­gen die glo­ba­li­sier­ten Wirt­schafts­be­zie­hun­gen in Tur­bu­len­zen. Zer­ris­se­ne Lie­fer­ket­ten und betrof­fe­ne Pro­duk­ti­ons­stät­ten wer­den neu ein­ge­rich­tet, vor allem in Süd­ost­asi­en. Afri­ka steht in der glo­ba­len Wert­schöp­fungs­ket­te neo­ko­lo­ni­al am Anfang und am Ende. Am Anfang bie­tet der Kon­ti­nent als Roh­stoff­lie­fe­rant Ess­ba­res wie »Süd«-Früchte und Kakao oder Kost­ba­res wie Dia­man­ten und Mine­ra­li­en auf dem Welt­markt zu wohl­fei­len Prei­sen an. Am Ende der impe­ria­li­sti­schen Wert­schöp­fungs­ket­te häuft sich auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent der Abfall aus west­li­cher Indu­strie zu Ber­gen, sei es Wie­der­ver­wert­ba­res wie gefro­re­ne Fleisch­re­ste, gebrauch­te Kla­mot­ten oder IT-Schrott, zu eben­so wohl­fei­len Prei­sen gehan­delt, oder aber zu Ent­sor­gen­des wie Che­mie­ab­fäl­le oder Gift­müll dubio­ser Geschäftemacher.

Das US-Modell

Har­ry Sul­li­van, von 2016 bis 2018 Direc­tor for Afri­ca im US-Außen­mi­ni­ste­ri­um, stell­te in einer Pres­se­kon­fe­renz 2018 ein »vor­bild­li­ches Bei­spiel« für die US-Afri­ka-Part­ner­schaft vor: In Togo kauft die – von Ame­ri­ka­nern 2003 gegrün­de­te – Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Ala­fia von ört­li­chen Koope­ra­ti­ven die für Kos­me­tik gesuch­te Kari­té-But­ter auf, um sie an das US-ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men Who­le Foods Mar­ket Inc. zur Ver­ar­bei­tung in Sei­fen, Sham­poos und Hand­wasch­mit­teln zu ver­kau­fen. Was er nicht sag­te: Im Jahr 2017 hat­te Ama­zon die Bio-Natur­kost-Ket­te für 13,7 Mil­li­ar­den Dol­lar auf­ge­kauft. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaf­ter in Togo ließ es sich im Dezem­ber des glei­chen Jah­res nicht neh­men, das reprä­sen­ta­ti­ve Ala­fia-Regio­nal­bü­ro in Bagui­da, dem noblen Vor­ort der togoi­schen Haupt­stadt Lomé, ein­zu­wei­hen. Heu­te kann Har­ry Sul­li­van als Vize-Bot­schaf­ter in Togo an sei­ner wei­te­ren Kar­rie­re basteln.

Am ande­ren Ende der Wert­schöp­fungs­ket­te wer­den aus Klei­der­ab­fäl­len Mono­pol­pro­fi­te gesi­chert. So ver­wan­delt die 1932 gegrün­de­te Secon­da­ry Mate­ri­als and Recy­cled Tex­ti­les Asso­cia­ti­on, SMART, gesam­mel­ten Tex­til­müll in Dol­lar. Um die Grö­ßen­ord­nung des Geschäfts nur anzu­deu­ten: Allein die 2011 gegrün­de­te Schwei­zer SMART-Recy­cling AG mit Sitz in Nods mach­te im Jahr 2018 Rekla­me, mit »Get cash for clothes« schon 50 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken Umsatz gemacht zu haben.

Das Geschäft droh­te zu lei­den, als 2016 die Ost­afri­ka­ni­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft, EAC, Restrik­tio­nen beschloss, um die loka­le Tex­til­in­du­strie auf­zu­bau­en und zu schüt­zen. Impor­tier­te gebrauch­te Kla­mot­ten, also Tex­til­müll, soll­ten mit Zoll belegt wer­den. Ven­tures Afri­ca, das nige­ria­ni­sche Online-Wirt­schafs­ma­ga­zin, führ­te am 3. März 2020 eine Stu­die der US-Agen­tur für Inter­na­tio­na­le Ent­wick­lung USAID an, der zufol­ge 20 Pro­zent der gesam­ten US-Direkt­ex­por­te von Gebraucht­klei­dung in die EAC erfol­gen. Eine wider­sprüch­li­che Ent­wick­lung: An Second-hand-Kla­mot­ten hän­gen nicht nur Märk­te mit x-Tau­sen­den Kun­den, son­dern auch Tau­sen­de von Jobs.

Als Tan­sa­nia, Burun­di und Rwan­da Zoll­erhö­hun­gen 2018 umsetz­ten, droh­te US-Außen­mi­ni­ster Rex Til­ler­son, die Zoll­ver­gün­sti­gun­gen gemäß dem Afri­ca Growth Oppor­tu­ni­ty Act, AGOA, der 6000 Pro­duk­te zoll­frei stellt, für den Export zu strei­chen, was sei­ne Wir­kung nicht ver­fehl­te: Tan­sa­nia und Ugan­da nah­men ihre Zoll­ge­set­ze wie­der zurück.

Wie wohl Mike Pom­peo reagie­ren wird, wenn die EAC-Län­der ihren im Febru­ar 2020 in Zan­zi­bar ange­pass­ten Plan auf ihrem wegen Coro­na mehr­mals ver­scho­be­nen Gip­fel­tref­fen anneh­men? Um 25 bis 35 Pro­zent sol­len die Zoll­ge­büh­ren für in vier »Bän­der« ein­ge­stuf­te Impor­te erhöht wer­den. 1294 Pro­duk­te, dar­un­ter Zucker, Mehl, Reis und Milch, wur­den benannt, aber erst zu 327 Tari­fen bestehe Über­ein­stim­mung, wäh­rend 401 Tari­fe im Streit lägen, so Ven­ture Afri­ca.

Ein Weg aus der Armut: Höhe­re Wert­schöp­fung durch Weiterverarbeitung

Die neo­li­be­ra­le Poli­tik von Welt­bank, Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds und EU, Kre­di­te mit der Auf­la­ge von »Anpas­sungs­re­for­men« zu ver­ge­ben, präg­te die neo­ko­lo­nia­le Ära seit den 80er Jah­ren. Staats­un­ter­neh­men wur­den pri­va­ti­siert. Die erzwun­ge­ne Öff­nung der Märk­te führ­te die loka­le Indu­strie in den Bank­rott. Die afri­ka­ni­schen Län­der gerie­ten in den 80er/​90er Jah­ren in eine Schul­den­fal­le, die es ver­hin­der­te, die aus inlän­di­schen Vor­kom­men stam­men­den Roh­stof­fe wei­ter­zu­ver­ar­bei­ten und indu­stri­el­le Güter herzustellen.

Die seit dem Jah­re 2000 im drei­jäh­ri­gen Rhyth­mus abwech­selnd in Chi­na und in Afri­ka statt­fin­den­den Foren sino-afri­ka­ni­scher Zusam­men­ar­beit (FOCAC) und ihre jähr­li­chen Kali­brie­rungs­mee­tings haben den Kon­ti­nent ver­än­dert – weni­ger durch die Grö­ße des Kapi­tal­zu­flus­ses der Direkt­in­ve­sti­tio­nen, hier nimmt weit abge­schla­gen Chi­na den vier­ten Platz hin­ter den USA, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich ein, son­dern viel­mehr durch den Auf­bau von Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, kom­bi­niert mit der Grün­dung einer Viel­zahl von Indu­strie­zo­nen als Inku­ba­tor indu­stri­el­ler Entwicklung.

Für die Elfen­bein­kü­ste ver­si­cher­te sich im Jahr 2012 Prä­si­dent Alas­sa­ne Ouatta­ra im Rah­men des 5. FOCAC-Forums chi­ne­si­scher Inve­sti­tio­nen in Infra­struk­tur­pro­jek­te in Höhe von 5 Mil­li­ar­den Dol­lar – dar­un­ter aktu­el­le Groß­pro­jek­te für den Hafen­aus­bau von Abidjan, für die Infra­struk­tur des Abidja­ner Stadt­teils Yopou­gon, für ein Was­ser­kraft­werk am Sas­san­dra-Fluss, so der Wirt­schafts­aus­blick von Ger­man Tra­de & Invest vom 6. August 2020.

Der Auf­bau eines spe­zi­el­len agro­in­du­stri­el­len Sek­tors kommt in der Elfen­bein­kü­ste vor­an: Scho­ko­la­de aus eige­ner Pro­duk­ti­on – dank FOCAC wird ein ivo­ri­scher Traum Wirk­lich­keit. Cémoi, der fran­zö­si­sche Cho­co­la­tier, hat­te 2015 die Fabri­ka­ti­on für den regio­na­len Markt auf­ge­nom­men. Ben­ja­min Sexy, Regio­nal­di­rek­tor von Cémoi, mach­te die Rech­nung auf: »Nur 30 bis 50 Gramm Scho­ko­la­de pro Ein­woh­ner wird kon­su­miert, gegen­über acht Kilo­gramm in Euro­pa und 500 Gramm in Chi­na.« (L’Usine nou­vel­le, 16.6.2016). Nach Zah­len der Inter­na­tio­na­len Kakao-Orga­ni­sa­ti­on ICCO pro­du­zier­te die Elfen­bein­kü­ste im Jahr 2017 2,1 Mil­lio­nen Ton­nen Kakao (44 Pro­zent des Welt­markts), was gera­de 3,3 Mil­li­ar­den Dol­lar im Han­del ein­brach­te, wäh­rend allein in den USA die Scho­ko­la­den-Mono­po­le 22 Mil­li­ar­den Dol­lar umsetz­ten (The Afri­ca Report, 8.9.2020). Dass nur drei Pro­zent der glo­ba­len Ein­nah­men aus der Scho­ko­la­de in Afri­ka gene­riert wer­den, will der ivo­ri­sche »Con­seil Café-Cacao« (CCC) ändern.

Wie Jeu­ne Afri­que am 25. Juni berich­te­te, hat CCC über den Part­ner Chi­na Light Indu­stry Design (CNDC) bei der Chi­na Exim Bank einen Kre­dit von etwa 330 Mil­lio­nen Dol­lar auf­ge­nom­men, der über die Gewin­ne der neu­en Unter­neh­men und aus der Kakao-Steu­er abge­tra­gen wer­den soll. Ein Fabrik­kom­plex wird in den näch­sten zwei Jah­ren in der ivo­risch-chi­ne­si­schen Indu­strie­zo­ne PK-24 bei Abidjan errich­tet, ein zwei­ter am Hafen von San Pedro. Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters infor­mier­te am 22. Sep­tem­ber, dass dadurch die Wei­ter­ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät um 14 Pro­zent auf 710.000 Ton­nen erwei­tert wer­de. Chi­na garan­tie­re die Abnah­me von 40 Pro­zent des Out­puts der bei­den Fabri­ken, um im Rah­men sei­ner »dual circulation«-Strategie die hei­mi­sche Nach­fra­ge zu sti­mu­lie­ren. CCC-Gene­ral­di­rek­tor Yves Koné plant bereits für das Know­how eine Berufs­schu­le für Scho­ko­la­den­her­stel­lung und Patis­se­rie und eine Berufs­aka­de­mie für die Aus- und Fort­bil­dung der Ausbilder.

Das Pro­jekt ent­hält auch die Errich­tung zwei­er gro­ßer Lager­häu­ser, die ins­ge­samt bis zu 300.000 Ton­nen auf­neh­men, um nicht sofort ver­kau­fen zu müs­sen und so die Abhän­gig­keit vom Welt­markt und sei­nen wohl­fei­len Prei­sen zu ver­min­dern und höhe­re Prei­se für die Kakao­far­mer zu erzie­len. Prä­si­dent Alas­sa­ne Ouatta­ra hat am 1. Okto­ber ein Wahl­ge­schenk ange­kün­digt, die gesetz­li­che Erhö­hung des Abnah­me­prei­ses pro Kilo Kakao­boh­nen um 21 Pro­zent auf 1000 CFA-Franc (1,52 Euro). »Genug zum Über­le­ben, aber nicht genug zum Leben«, so Mous­sa Koné, der Vor­sit­zen­de des Bau­ern­ver­ban­des »Syn­di­cat natio­nal agri­co­le pour le pro­g­res en Cote d’Ivoire« in Le Mon­de vom 2. Oktober.

Die Abhän­gig­keit vom Welt­markt und sei­nen wohl­fei­len Prei­sen zu ver­min­dern, ist erklär­tes Ziel der Prä­si­den­ten der Elfen­bein­kü­ste und Gha­nas, Alas­sa­ne Ouatta­ra und Nana Aku­fo-Addo. Bei­de Län­der pro­du­zie­ren 65 Pro­zent aller Kakao­boh­nen des Welt­mark­tes. Am 26. März 2018 instal­lier­ten sie mit der »Dekla­ra­ti­on von Abidjan« eine Koope­ra­ti­on nach dem Modell der erd­öl­pro­du­zie­ren­den Län­der, eine Kakao-OPEC. Der ivo­ri­sche CCC und der Cocoa Board von Gha­na ver­ein­bar­ten im Juli 2019 einen Mecha­nis­mus für die Kakao­far­mer zum Aus­gleich des (nied­ri­ge­ren) Welt­markt­prei­ses. Außer­dem stell­ten sie den Ver­kauf ein, so dass nach nur einem Monat Ver­hand­lun­gen die Händ­ler und Scho­ko­la­den­mul­tis zukünf­tig eine Prä­mie akzep­tier­ten: 400 Dol­lar pro Ton­ne auf alle Verkaufsverträge.

Ein Anfang auf einem wei­ten Weg.