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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sein letztes Bild

Bin ich in die fal­sche Aus­stel­lung gera­ten? Die­se Bil­der – wie von Braque sehen sie nicht aus, die leuch­ten­den Far­ben, schwung­voll beweg­ten Lini­en, das Licht­flir­ren – alle stam­men von 1906/​07, eini­ge in L›Estaque, in der Nähe von Mar­seil­le, gemalt. Im Okto­ber 1906 war Paul Cézan­ne – ein Vor­bild auch für Braque – gestor­ben. Cézan­ne hat­te oft in L›Estaque gear­bei­tet. Was hier in Ham­burg im Buce­ri­us Kunst Forum gezeigt wird, ist chro­no­lo­gisch geord­net, nennt sich »Geor­ges Braque – Tanz der For­men« (bis 24. Janu­ar 2021, der­zeit coro­nabe­dingt geschlossen).

Die Aus­stel­lung beginnt mit der fau­vi­sti­schen Peri­ode. Braque bewun­der­te die Expres­si­vi­tät, das Farb­glü­hen der Bil­der von Hen­ri Matis­se. Die fau­vi­sti­schen Wer­ke Braques – im Salon des Indé­pen­dants 1907 aus­ge­stellt – fan­den ihren Lieb­ha­ber in dem deut­schen Kunst­samm­ler Wil­helm Uhde, der in Paris leb­te. Er und der Gale­rist Dani­el-Hen­ry Kahn­wei­ler waren die ersten För­de­rer. Doch schon bald zer­stör­te Braque vie­le sei­ner Wer­ke des Anfangs, weil danach für ihn das völ­lig Ande­re kam: der Kubismus.

Wie der Fau­vis­mus wur­de auch der Kubis­mus zuerst als Spott­na­me ange­se­hen und in Frank­reich mit K geschrie­ben, einem Buch­sta­ben, der als urdeutsch galt – wie Kai­ser. Braque wur­de zu »Bracke« ent­stellt – wohl im Hin­blick auf die vie­len deut­schen Kunst­händ­ler und Samm­ler, neben Uhde, Kahn­wei­ler, Carl Ein­stein und Alfred Flecht­heim. Schon Cézan­ne hat­te die Redu­zie­rung der Natur auf die ein­fa­chen For­men wie Zylin­der, Kugel und Kegel emp­foh­len und die Far­ben Ocker und Braun wie modern­des Laub. Braques Bil­der »Die Musik­in­stru­men­te« (1908) und die Land­schaf­ten von 1909 und 1910 sind alle im Herbst ent­stan­den und auf düste­re Töne beschränkt.

Ab 1909 arbei­te­ten Braque und Picas­so zusam­men. Der Kata­log (Hirm­er Ver­lag, 218 Sei­ten, 29,90 Euro) nennt es eine kubi­sti­sche »Seil­schaft«, die bis 1914 hielt. Kei­ne Land­schaf­ten mehr, »Still­le­ben mit Gei­ge« (1911), Frau oder Mann mit Gitar­re – kubi­sti­sche Wer­ke, wie man sie kennt. Braque expe­ri­men­tier­te und misch­te auch mal Sand oder Säge­mehl in die Far­be. Zier­lei­sten oder Holz­ma­se­run­gen schei­nen auf oder Fet­zen von Zei­tun­gen. Die Per­spek­ti­ve war ver­schwun­den, die Bil­der wirk­ten oft wie durch ein Pris­ma gesehen.

1914 ist erst ein­mal Schluss. Braque wird ein­ge­zo­gen und schnell zum Ober­leut­nant beför­dert. Am 11. Mai 1915 führt er sei­ne Ein­heit unter schwe­rem Artil­le­rie­be­schuss nach Neu­ville-Saint-Vaast, wo ihn Gra­nat­split­ter tref­fen und Helm und Schä­del durch­boh­ren. Durch eine Tre­pan­a­ti­on kann er gera­de noch geret­tet wer­den. Zeit­wei­se erblin­det, erlangt er am 13. Mai wie­der das Bewusst­sein: an sei­nem Geburts­tag. In Braques »Gedan­ken und Refle­xio­nen über die Male­rei«, Ende 1917 erschie­nen, steht kein Wort über den Krieg. Er been­det den Text mit dem Satz: »Nobles­se rührt aus gefass­tem Gefühl.« Chri­sto­pher Green sieht im Kata­log dar­in eine Form der »Gefühls­be­herr­schung«, die es dem Künst­ler ermög­lich­te, wei­ter­hin Wer­ke zu schaf­fen. Sei­nem neu­en Gale­ri­sten Léon­ce Rosen­berg, der als Offi­zier (und Frei­wil­li­ger) ein Bewun­de­rer der Mili­tärs war, schrieb Braque in einem Brief am 23. August 1917: »Mir scheint, der Krieg ist mir hin­sicht­lich mei­ner Kunst zugu­te­ge­kom­men, glau­be ich.« Er mal­te Still­le­ben – aber das genüg­te ihm nicht. Im August 1916 stand er einer Aus­bil­dungs­kom­pa­nie vor, bekam Orden, lehr­te Dis­zi­plin und – so der Kata­log: »Schick­te jun­ge Män­ner in die Schützengräben.«

Nach dem Krieg erklär­ten Kunst­kri­ti­ker den Kubis­mus für tot. »Retour à l’ordre«, war die neue Paro­le. Zurück zur Ord­nung. Künst­ler ver­such­ten eine neue Form des Klas­si­zis­mus zu fin­den. Braque mal­te wei­ter Still­le­ben. Doch 1922 etwas ganz ande­res, das Bil­der­paar: »Kane­pho­re« (Korb­trä­ge­rin). Im schma­len Hoch­for­mat (180,5 cm x 73 cm). Ganz in Erd­far­ben, braun-beige mit wenig Moos und Weiß stan­den die etwas kom­pak­ten Jung­frau­en bar­bu­sig mit ihren Obst­scha­len auf dem Kopf im Pari­ser Salon d›Automne. Der deut­sche Tex­til­ma­gnat Gott­lieb Fried­rich Reber kauf­te sie. Braque ent­warf auch Büh­nen­bil­der und Kostü­me für Bal­let­te, zwi­schen 1924 und 1926. Dann wie­der Still­le­ben, dane­ben Radie­run­gen zu Hesi­ods »Theo­go­nie«.

Braque, der sich öffent­lich nicht poli­tisch äußer­te, zog sich, so der Kunst­kri­ti­ker Jean Gre­ni­er, in eine Art »akti­ver Pas­si­vi­tät« zurück. Sei­ne Bil­der wur­den im Deutsch­land der Nazis als »ent­ar­tet« ange­pran­gert, beschlag­nahmt und spä­ter oft zwangs­ge­tauscht gegen alte Mei­ster für deut­sche Muse­en. Das Gemäl­de »Der Mann mit Gitar­re« (1914), in der Aus­stel­lung zu sehen – Her­mann Göring bekam es für sei­ne Pri­vat­samm­lung. Eini­ge düste­re Gemäl­de aus den Kriegs­jah­ren ent­stan­den. »Still­le­ben mit Schä­del« und »Vani­tas«. Braque mein­te dazu, nur die Form allein habe ihn interessiert.

War­um trägt »Der Mann an der Staf­fe­lei« von 1942 einen Hut? Er scheint aus dem Fen­ster zu sehen, auf das schwar­ze Kreuz des Fen­sters, bereit dazu, weg­zu­ge­hen. »Das Wohn­zim­mer« (1944) mit schwar­zem Tisch lenkt den Blick auf ein schon geöff­ne­tes Fen­ster. Nach­dem sich das Ehe­paar Braque im Jahr 1940 zuerst in die Nähe von Bor­deaux, dann an den ver­schie­den­sten Orten in Frank­reich auf­ge­hal­ten hat, auf der Flucht, zie­hen sie Ende Juli wie­der nach Paris. Carl Ein­stein, von der Gesta­po ver­folgt, hat­te sich im Juli das Leben genom­men. Der Gale­rist Paul Rosen­berg (Bru­der von Léon­ce) geht im Sep­tem­ber nach New York ins Exil. Dach­ten Geor­ges und Mar­cel­le Braque auch daran?

Welt­wei­te Aner­ken­nung fin­det Braque nach 1945. Vie­le Aus­stel­lun­gen, Prei­se, eine eige­ne Aus­stel­lung im Lou­vre, die das erste Mal einem leben­den Künst­ler aus­ge­rich­tet wird. Und ein Auf­trag für ihn, ein Decken­ge­mäl­de im Lou­vre zu gestal­ten. Er denkt an den Him­mel und bevöl­kert ihn mit Vögeln. Er, der Maler der Innen­räu­me, ent­deckt die Außen­welt wie­der. Eini­ge Gemäl­de mit sti­li­sier­ten Vogel­mo­ti­ven. So »Der Vogel und sein Nest« (1955): Das weiß­ge­fie­der­te Wesen bewacht sein Nest mit drei Eiern in tief­dunk­ler Nacht. Klei­ne schma­le hori­zon­tal beton­te Bil­der am Schluss der Aus­stel­lung. Land­schaf­ten, wie Erin­ne­rungs­blit­ze auf­leuch­tend. Kei­ne mat­ten Herbst­far­ben, ein leuch­ten­des »Raps­feld« (1956/​57), dar­über ein unru­hi­ger blau­er Him­mel. Oder »Die Steil­kü­ste« (1960/​61). Die Rück­kehr an die Orte sei­ner Jugend. Mit dickem Farb­auf­trag, wie ein Sich-Selbst-Bestä­ti­gen der Erin­ne­rung. Und dann das letz­te Bild, viel grö­ßer: »Die Jät­ma­schi­ne« (1961/​63). Auf einem ocker­far­be­nen Feld mit hel­len und röt­li­chen Pflan­zen – ein paar dunk­le Vögel drü­ber – steht groß und dro­hend ein Gefährt, fast mit­tel­al­ter­lich anmu­tend. Dar­auf liegt etwas Dun­kel­blau­es. Ein Sack? Oder etwas Leben­di­ges? Ein tief­schwar­zer Hori­zont mit einer wei­ßen Wol­ke oder ist der Him­mel da auf­ge­ris­sen? 1963 starb Braque mit 81 Jahren.