Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Klassenbewusster Durchblick

Ver­lag und Redak­ti­on Ossietzky schlos­sen sich vor fünf Jah­ren mei­nen Wün­schen, gerich­tet an die Adres­se des damals acht­zig­jäh­ri­gen Ralph Hart­mann, an, als ich ihm und sei­ner unbeug­sa­men Lebens­ge­fähr­tin Eve­li­ne viel Kraft und etli­che erfreu­li­che Jah­re (Sto-Lat!) im Krei­se der Fami­lie und Freun­de wünsch­te (Ossietzky 19/​2015). Bei­de, bereits damals von schwe­rer Krank­heit gezeich­net, sind heu­te nicht mehr unter uns. Ralph ist am 18. Okto­ber kurz nach sei­nem 85. Geburts­tag gestor­ben. Er hin­ter­lässt eine unver­wech­sel­ba­re Lebens­spur eines sozia­li­sti­schen Diplo­ma­ten der DDR in Kuba und vor allem in Jugo­sla­wi­en, eines wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ters der PDS-Abge­ord­ne­ten­grup­pe in Bonn, eines klu­gen Autors von Büchern zu aktu­el­len Fra­gen des »Ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses« bei­der deut­scher Staa­ten und nicht zuletzt von unzäh­li­gen sprit­zig ver­fass­ten Bei­trä­gen zu natio­na­len und welt­po­li­ti­schen Pro­ble­men in die­ser Zeitschrift.

Gestützt auf das fun­dier­te spe­zi­fisch fach­li­che Wis­sen sowie Fremd­spra­chen­kennt­nis­se, die Ralph wäh­rend des sechs­jäh­ri­gen Hoch­schul­stu­di­ums am Mos­kau­er Staat­li­chen Insti­tut für Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen erwor­ben hat­te, reif­te er im Lau­fe sei­ner lang­jäh­ri­gen Tätig­keit im Aus­wär­ti­gen Dienst nicht nur zu einem »Bevoll­mäch­tig­ten«, son­dern auch zu einem »Außer­or­dent­li­chen« Ver­tre­ter des deut­schen Arbei­ter-und-Bau­ern-Staa­tes in der Sozia­li­sti­schen Föde­ra­ti­ven Repu­blik Jugo­sla­wi­en, zuletzt als Doy­en des Bel­gra­der CD (Corps Diplo­ma­tique). Die Wahr­neh­mung der natio­na­len Inter­es­sen der DDR erfolg­te stets unter respekt­vol­ler Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen sei­nes Auf­ent­halts­lan­des und des­sen leid­vol­ler Geschich­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges. Umso schmerz­li­cher emp­fand er vie­le Jah­re spä­ter die völ­ker­rechts­wid­ri­ge Aggres­si­on der NATO gegen Jugo­sla­wi­en unter akti­ver Betei­li­gung Deutsch­lands. 2004 schrieb er:

»Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat es Dut­zen­de von Krie­gen gege­ben, an deren Fol­gen noch heu­te Men­schen lei­den. Von all die­sen Krie­gen war der gegen Jugo­sla­wi­en … der feig­ste« und wei­ter: »Die Aggres­si­on ver­folg­te vie­le Zie­le. Das ein­zi­ge Land in Euro­pa, in dem die rote Fah­ne, wenn auch arg zer­schlis­sen, immer noch weh­te und das sich gegen­über der Welt­bank und dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds wider­spen­stig gezeigt hat­te, soll­te end­gül­tig zer­schla­gen, die Ost­erwei­te­rung der NATO vor­an­ge­trie­ben und der tra­di­tio­nel­le Ein­fluss Russ­lands auf dem Bal­kan zurück­ge­drängt wer­den.« (Ossietzky 5/​2004)

Ralph Hart­mann ver­füg­te nicht nur über aus­ge­präg­te ana­ly­ti­sche Fähig­kei­ten, natio­na­le und inter­na­tio­na­le Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen zu erken­nen, son­dern ver­moch­te die­se auch in ori­gi­nell ver­fass­ter Spra­che dar­zu­le­gen. Sein Spür­sinn für drin­gend Not­wen­di­ges, für Grund­sätz­li­ches, für Ursäch­li­ches und sich dar­aus Erge­ben­des ver­setz­te ihn in die Lage, wis­sens­wer­te Bei­trä­ge zu aktu­el­len Fra­gen zu for­mu­lie­ren, aber auch eine erfolg­rei­che Autoren­schaft von meh­re­ren inter­es­san­ten quel­len­ge­stütz­ten Büchern zu mei­stern. Man wird nun­mehr sei­ne viel­fäl­ti­ge »Hand­schrift« ver­mis­sen. Blei­ben über sei­nen Tod hin­aus wer­den aber die wert­vol­len Erkennt­nis­se in sei­nen Büchern.

In einer Wid­mung im Buch »Die Liqui­da­to­ren« erin­ner­te mich Ralph 1997, wie wir im »wie­der­ge­won­ne­nen Vater­land« Anfang der 1990er Jah­ren zwi­schen B und B dis­ku­tie­rend gereist sind. Der leb­haf­ten Dis­kus­sio­nen auf der Auto­bahn zwi­schen Bonn und Ber­lin erin­ner­ten wir uns spä­ter häu­fig. Sie ver­kürz­ten zwar die Distanz nicht, die wir an Wochen­en­den zurück­le­gen muss­ten, um zu unse­ren jewei­li­gen Fami­li­en zu gelan­gen, aber wir nutz­ten die Strecke der­ma­ßen inten­siv, dass die Zeit wie im Flu­ge ver­ging. Nicht sel­ten ver­tra­ten wir durch­aus auch kon­tro­ver­se Stand­punk­te, so dass die 650 Kilo­me­ter nicht aus­reich­ten, um sich über unse­re Stu­di­en­zeit am Insti­tut, über das völ­lig ver­än­der­te Russ­land, über Jugoslawien/​Balkan, die Nord-Süd-Pro­ble­ma­tik, die Ost-West-Bezie­hun­gen, den »Kal­ten Krieg«, dem die PDS-Abge­ord­ne­ten in der Bon­ner Par­la­ments­ar­beit aus­ge­setzt waren, die Rol­le Deutsch­lands in der Welt­po­li­tik und nicht zuletzt über die Frie­dens­fra­ge »abschlie­ßend« zu ver­stän­di­gen. Die Fort­set­zun­gen folg­ten dann prompt auf dem Rück­weg. Natür­lich tausch­ten wir uns auch über Per­sön­li­ches aus und über unse­re Ein­drücke im Bon­ner All­tag. Es waren zwei­fel­los lehr­rei­che Fahr­ten, die sich mit der Zeit immer mehr als wohl­tu­en­de Ergän­zung unse­rer Arbeit als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter in der PDS-Bun­des­tags­grup­pe erwiesen.

»Die Geschich­te der DDR ist Teil unse­res eige­nen Lebens, wir haben sie erlebt und mit­ge­stal­tet« (»Mit der DDR ins Jahr 2000, Sei­te 46). Die DDR ermög­lich­te dem Arbei­ter­sohn aus Zwickau wie etli­chen sei­ner Art­ge­nos­sen eine beruf­li­che Ent­wick­lung als Diplo­mat, die heu­te in Deutsch­land kaum denk­bar ist. Sie bestimm­te sei­nen Wer­de­gang im ersten Lebens­ab­schnitt, und sie ver­setz­te ihn in die Lage, sich als glü­hen­der Sozia­list in Wort und Tat wei­te­re drei Jahr­zehn­te für eine sozi­al gerech­te und fried­li­che Welt ein­zu­set­zen. Ralph Hart­mann war zutiefst davon über­zeugt, dass das der­zei­ti­ge Deutsch­land nicht das letz­te Wort deut­scher Geschich­te sein wird.

Als Reprä­sen­tant eines Staa­tes, der sich in sei­ner vier­zig­jäh­ri­gen Geschich­te an kei­nem ein­zi­gen Krieg betei­lig­te, war für Ralph das The­ma Frie­den nicht erst seit der NATO-Aggres­si­on 1999 ein erst­ran­gi­ges Anlie­gen. Als Zehn­jäh­ri­ger erleb­te er nach dem Zwei­ten Welt­brand des vori­gen Jahr­hun­derts den anfäng­li­chen Frie­den. Ihm war es ver­gönnt, im Frie­den zu leben, dem Frie­den zu die­nen und für einen dau­er­haf­ten Frie­den in der Welt zu schrei­ben. Davon zeugt nicht zuletzt sei­ne hoch­ak­tu­el­le Anspra­che vor 35 Jah­ren vor DDR-Bür­gern in Räu­men der Bel­gra­der Bot­schaft, an der auch eine Abord­nung der sowje­ti­schen Bot­schaft teilnahm.

»Noch nie war die Betrach­tung eines Jubi­lä­ums des Sie­ges über den Faschis­mus so vie­len Ver­fäl­schun­gen, Dis­kus­sio­nen und Kon­tro­ver­sen aus­ge­setzt wie die des 40. Jah­res­ta­ges. Das ist alles ande­re als ein Zufall. Gera­de in der gegen­wär­ti­gen inter­na­tio­na­len Situa­ti­on, da impe­ria­li­sti­sche Kon­fron­ta­ti­ons­po­li­tik die Völ­ker aufs neue den Gefah­ren eines Welt­bran­des aus­setzt, ist es unver­meid­lich und höchst aktu­ell, sich des Zwei­ten Welt­krie­ges und sei­ner Leh­ren zu erin­nern. Die Haupt­leh­re die­ses Krie­ges aber heißt: alle Kräf­te zusam­men­füh­ren, um eine nuklea­re Kata­stro­phe, mit der selbst der furcht­ba­re Zwei­te Welt­krieg nicht ein­mal annä­hernd ver­gli­chen wer­den könn­te, zu ver­hin­dern. Die Kräf­te des Frie­dens, der Ver­nunft, des Rea­lis­mus zu stär­ken und die des Krie­ges zu zäh­men, das vor allem gebie­tet die Erin­ne­rung an den 8. Mai 1945.« (»Mit der DDR ins Jahr 2000«, Sei­te 58)

Ralph Hart­mann erblin­de­te infol­ge sei­ner schwe­ren Erkran­kung nach meh­re­ren Ope­ra­tio­nen, behielt den­noch bis zuletzt einen klas­sen­be­wuss­ten Durchblick.

 

Ralph Hart­mann schrieb kon­ti­nu­ier­lich für Ossietzky. Er gehör­te zu den belieb­te­sten Autoren. Nach­dem er kei­ne Bei­trä­ge mehr für das Heft lie­fern konn­te, erreich­ten die Redak­ti­on vie­le besorg­te Anru­fe und Brie­fe. Die Redak­ti­on Ossietzky trau­ert um ihren Autor und Mitstreiter.