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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Demokratiegefährder

Die aktu­el­le Sor­ge vie­ler Men­schen vor einer Über­wa­chung und vor der Repres­si­on demo­kra­ti­schen Enga­ge­ments hat in Deutsch­land eine lan­ge Vor­ge­schich­te. Die bekann­te­ste Form der Ver­fol­gung vor allem lin­ker Akti­vi­tä­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land war der soge­nann­te Radi­ka­len­er­lass vom 28. Janu­ar 1972, der sich die­sen Monat zum 50-mal jährt. Er war eine Reak­ti­on der Bun­des- und Lan­des­re­gie­run­gen sei­ner Zeit auf die Link­s­ent­wick­lung infol­ge der Stu­den­ten- und Jugend­be­we­gung nach 1968. Die Dis­kri­mi­nie­rung und Stig­ma­ti­sie­rung vor allem lin­ker Kri­tik an den Macht­ver­hält­nis­sen vor allem von Kom­mu­ni­sten, die als »Ver­fas­sungs­fein­de« bezeich­net und mit Berufs­ver­bo­ten belegt wur­den, schüch­ter­te eine gan­ze Genera­ti­on kri­ti­scher Bür­ger ein.

Davon Betrof­fe­ne kri­ti­sie­ren in einer noch nicht ver­öf­fent­lich­ten Pres­se­er­klä­rung den Koali­ti­ons­er­trag der neu­en Bun­des­re­gie­rung, der die unde­mo­kra­ti­sche Pra­xis von damals auf­greift und expli­zit wei­ter­füh­ren will: »Wir, Betrof­fe­ne der Berufs­ver­bots­po­li­tik in der Fol­ge des Radi­ka­len­er­las­ses von 1972 haben mit Ent­set­zen zur Kennt­nis genom­men, dass im Koali­ti­ons­ver­trag der neu­en Ampel­ko­ali­ti­on Pas­sa­gen ent­hal­ten sind, die eine Wie­der­be­le­bung eben die­ser Berufs­ver­bots­po­li­tik befürch­ten las­sen. So heißt es gleich zu Beginn des Koali­ti­ons­pa­piers wört­lich: ›Um die Inte­gri­tät des Öffent­li­chen Dien­stes sicher­zu­stel­len, wer­den wir dafür sor­gen, dass Ver­fas­sungs­fein­de schnel­ler als bis­her aus dem Dienst ent­fernt wer­den kön­nen.‹ Und spä­ter wird unter der Rubrik ›Inne­re Sicher­heit‹ prä­zi­siert: ›Die in ande­ren Berei­chen bewähr­te Sicher­heits­über­prü­fung von Bewer­be­rin­nen und Bewer­bern wei­ten wir aus und stär­ken so die Resi­li­enz der Sicher­heits­be­hör­den gegen demo­kra­tie­feind­li­che Ein­flüs­se.‹ Es wird ehr­li­cher­wei­se nicht ein­mal der Ver­such unter­nom­men, die­se Maß­nah­me mit den tat­säch­lich bedroh­li­chen rech­ten Unter­wan­de­rungs­ver­su­chen von Poli­zei und Bun­des­wehr zu begrün­den. Statt­des­sen wer­den in plump­ster extre­mis­mus­theo­re­ti­scher Manier ›Rechts­ex­tre­mis­mus, Isla­mis­mus, Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien und Links­ex­tre­mis­mus‹ gleich­ge­setzt. (…) Wie damals wird der recht­lich völ­lig unbe­stimm­te Begriff ›Ver­fas­sungs­feind‹ ver­wen­det. Aus­ge­rech­net der tief in die rech­te Sze­ne ver­strick­te Inlands­ge­heim­dienst soll vor­schla­gen dür­fen, wer als ›Ver­fas­sungs­feind‹ ange­se­hen und ent­spre­chend behan­delt wer­den soll. Dies kommt einem Sui­zid der Demo­kra­tie und des Rechts­staa­tes gleich.«

Der Beschluss der Regie­rungs­chefs der Bun­des­län­der und des Bun­des­kanz­lers Wil­ly Brandt vom 28. Janu­ar 1972, auch Radi­ka­len­er­lass genannt, trug den Titel »Grund­sät­ze zur Fra­ge der ver­fas­sungs­feind­li­chen Kräf­te im öffent­li­chen Dienst«, und er regelte:

  1. Im Bund und in den Län­dern »darf in das Beam­ten­ver­hält­nis nur beru­fen wer­den, wer die Gewähr dafür bie­tet, dass er jeder­zeit für die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes ein­tritt; Beam­te sind ver­pflich­tet, sich aktiv inner­halb und außer­halb des Dien­stes für die Erhal­tung die­ser Grund­ord­nung einzusetzen. (…)
  2. Jeder Ein­zel­fall muss für sich geprüft und ent­schie­den wer­den. Von fol­gen­den Grund­sät­zen ist dabei auszugehen:
  3. Ein Bewer­ber, der ver­fas­sungs­feind­li­che Akti­vi­tä­ten ent­wickelt, wird nicht in den öffent­li­chen Dienst eingestellt.
  4. Gehört ein Bewer­ber einer Orga­ni­sa­ti­on an, die ver­fas­sungs­feind­li­che Zie­le ver­folgt, so begrün­det die­se Mit­glied­schaft Zwei­fel dar­an, ob er jeder­zeit für die frei­heit­li­che und demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ein­tre­ten wird. Die­se Zwei­fel recht­fer­ti­gen in der Regel eine Ableh­nung des Einstellungsantrages.«

Der Chef­re­dak­teur der ZEIT nann­te die Berufs­ver­bo­te 1978 eine »Per­ver­si­on des Grund­ge­set­zes«. Die­se Bewer­tung traf ange­sichts der weit­rei­chen­den Wir­kung des Radi­ka­len­er­las­ses auf direk­te Opfer und die Viel­zahl ein­ge­schüch­ter­ter Men­schen zu. Um das zu ver­an­schau­li­chen, sei­en hier dazu sta­ti­sti­sche Anga­ben des Ber­li­ner Senats in einer (im Okto­ber 2020 ver­öf­fent­lich­ten) Ant­wort auf eine Anfra­ge aus der Links­par­tei zitiert:

»Im Zeit­raum von 1972 bis 1991 wur­den von den Ver­fas­sungs­schutz­äm­tern per Regel­an­fra­ge rund 3,5 Mil­lio­nen Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber bzw. Anwär­te­rin­nen und Anwär­ter für den öffent­li­chen Dienst im gesam­ten Bun­des­ge­biet einer Sicher­heits­über­prü­fung unter­zo­gen (…). In ca. 11.000 Fäl­len kam es zu Ver­fah­ren, ca. 1.250 Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber wur­den nicht ein­ge­stellt. Im glei­chen Zeit­raum wur­den ca. 260 bereits ver­be­am­te­te oder ange­stell­te Mit­ar­bei­te­rin­nen oder Mit­ar­bei­ter aus dem öffent­li­chen Dienst ent­las­sen. Von die­sen Maß­nah­men betrof­fen waren vor allem Leh­re­rin­nen und Leh­rer (rund 80 Pro­zent) und Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer (rund 10 Pro­zent), aber auch Justiz­an­ge­stell­te (rund 5 Pro­zent), Post- und Bahn­mit­ar­bei­te­rin­nen und -mit­ar­bei­ter, Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te, Offi­zie­re, Sekre­tä­rin­nen und Sekre­tä­re, Sozi­al­päd­ago­gin­nen und Sozi­al­päd­ago­gen, Biblio­the­ka­rin­nen und Biblio­the­ka­re, Ärz­tin­nen und Ärz­te, Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger, Kran­ken­schwe­stern und Kran­ken­pfle­ger, Bade­mei­ste­rin­nen und Bade­mei­ster, Labo­ran­tin­nen und Laboranten.«

Nach der oben genann­ten Auf­li­stung wur­den fast aus­schließ­lich Mit­glie­der und Sym­pa­thi­san­tin­nen und Sym­pa­thi­san­ten der DKP und deren Neben­or­ga­ni­sa­tio­nen sowie soge­nann­ter K-Grup­pen (z. B. KBW, KPD), ver­ein­zelt aber auch Ange­hö­ri­ge der SPD und Mit­glie­der des Sozia­li­sti­schen Hoch­schul­bun­des auf­grund »ver­fas­sungs­feind­li­cher Akti­vi­tä­ten« aus dem öffent­li­chen Dienst oder Vor­be­rei­tungs­dienst entfernt.

Die mit den Berufs­ver­bo­ten zusam­men­hän­gen­den Pro­zes­se und Skan­da­le wir­ken bis heu­te demo­kra­tie­ge­fähr­dend. Ein beson­ders skan­da­lö­ses Bei­spiel dafür ist der Berufs­ver­bots­pro­zess gegen die Anti­fa­schi­stin und Frie­dens­ak­ti­vi­stin Sil­via Gin­gold, in des­sen Ver­lauf das Gericht eine Ver­fas­sungs­schutz-Erkennt­nis (VS von Hes­sen – AZ vom 7.10.16 L13-257-S-530.005-30/16) mit ein­brach­te, der zufol­ge sich die VVN, der Sil­via Gin­gold als Toch­ter von Wider­stands­kämp­fern ange­hört, auf das kom­mu­ni­sti­sche Faschis­mus-Ver­ständ­nis bezie­he, wie die Tat­sa­che offen­ba­re, dass sie den Schwur der Häft­lin­ge des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Buchen­wald zum Ende ihrer Pei­ni­gung als Auf­trag bis heu­te verstehe.

Die zen­tra­le Stel­le des Schwurs von Buchen­wald ist: »Wir stel­len den Kampf erst ein, wenn auch der letz­te Schul­di­ge vor den Rich­tern der Völ­ker steht! Die Ver­nich­tung des Nazis­mus mit sei­nen Wur­zeln ist unse­re Losung. Der Auf­bau einer neu­en Welt des Frie­dens und der Frei­heit ist unser Ziel.«

Die dama­li­ge Vor­sit­zen­de der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaf­ten sag­te 2017 zur Auf­ar­bei­tung der Berufs­ver­bo­te und zum Wider­stand gegen den auch hier­mit erfol­gen­den Demo­kra­tie­ab­bau: »Das The­ma ist auch heu­te nicht erle­digt. Meh­re­re Fäl­le in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit bele­gen, dass wir die­se Debat­te brau­chen.« Ange­sichts der aktu­el­len poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on, sich wie­der auf eine Extre­mis­mus­klau­sel zu bezie­hen, wer­de die Bedeu­tung der »Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Teil ver­dräng­ter Geschich­te und Gegen­wart für poli­ti­sche Bil­dung, zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment und Demo­kra­tie­ent­wick­lung deut­lich«. Die GEW-Vor­sit­zen­de unter­strich, dass es welt­weit Berufs­ver­bo­te für Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen gebe: »Unse­re Soli­da­ri­tät gilt nicht nur den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in Deutsch­land, die bis heu­te wegen ihres demo­kra­ti­schen Enga­ge­ments unter den Aus­wir­kun­gen der Berufs­ver­bots­po­li­tik lei­den und/​oder ver­fas­sungs­wid­ri­ger Gesin­nungs­schnüf­fe­lei aus­ge­setzt sind. Auch mit Blick auf inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen kri­ti­sie­ren wir Berufs­ver­bo­te und staat­li­che Repres­sio­nen gegen oppo­si­tio­nel­le demo­kra­ti­sche Kräf­te. Wir ste­hen den tau­sen­den Lehr­kräf­ten und Hoch­schul­be­schäf­tig­ten aus der Tür­kei, die mas­si­ve Angrif­fe gegen ihre Frei­heits­rech­te erle­ben und von Ver­haf­tun­gen, Ent­las­sun­gen, Berufs­ver­bo­ten und ande­ren Repres­sio­nen betrof­fen sind, soli­da­risch zur Seite.«

Wil­ly Brandt bezeich­ne­te die Berufs­ver­bo­te nach­träg­lich als Feh­ler. Aber bis heu­te ver­fol­gen Behör­den Demo­kra­ten unter dem Deck­man­tel der Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie – und gefähr­den damit in Wahr­heit, was sie zu schüt­zen vor­ge­ben. Das Enga­ge­ment dage­gen bewegt sich auch in den 20er Jah­ren des 21. Jahr­hun­derts in der Tra­di­ti­on von Carl von Ossietzky, der in der Wei­ma­rer Repu­blik vor dem auto­ri­tä­ren und mili­ta­ri­sti­schen Staat sowie der dadurch anwach­sen­den Macht der Nazis warn­te. Jede demo­kra­tie­ge­fähr­den­de Ent­wick­lung muss gestoppt und umge­kehrt wer­den, sonst droht der auto­ri­tä­re Staat, der in Faschis­mus und, wie die Geschich­te lehrt, in krie­ge­ri­scher Gewalt mün­den kann.