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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mauern, Zäune, rechtsfreie Räume

Pro­gno­sen und ernst­zu­neh­men­de War­nun­gen gab es genug. Vor zehn Jah­ren hat­te das Insti­tut für Sicher­heits­stu­di­en der EU (EUISS) Bei­trä­ge ver­öf­fent­licht, wonach sich die Span­nun­gen zwi­schen der Welt der Rei­chen und der armen Welt­be­völ­ke­rung wei­ter ver­schär­fen wür­den. Schluss­fol­ge­rung: »Da es uns kaum gelin­gen wird, die Ursa­chen die­ses Pro­blems (…) bis 2020 zu besei­ti­gen, wer­den wir uns stär­ker abschot­ten müssen.«

Auch das deut­sche Mili­tär mahn­te in den Ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Richt­li­ni­en 2011: »Erheb­li­che Wohl­stands­un­ter­schie­de, ver­bun­den mit sozia­len Dis­pa­ri­tä­ten füh­ren zu welt­wei­ten Migra­ti­ons­strö­men.« Die Inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM) pro­gno­sti­zier­te eben­so wie die Welt­bank die Zahl der Kli­ma­f­lücht­lin­ge bis 2050 auf ca. 200 Mil­lio­nen – zusätz­lich zu den etwa 80 Mil­lio­nen Men­schen, die jetzt schon vor Krieg und Armut flie­hen müs­sen. Und vor fünf Jah­ren warn­te Bun­des­mi­ni­ster Gerd Mül­ler ein­dring­lich: »Wir haben unse­ren Wohl­stand auf dem Rücken der Ent­wick­lungs­län­der auf­ge­baut. Das wird nicht mehr lan­ge gut gehen. Die­se Span­nun­gen ent­la­den sich. Dann ist egal, was wir hier fest­le­gen. Die Men­schen wer­den uns nicht fra­gen, ob sie kom­men können.«

Was tut also ein rei­ches kapi­ta­li­sti­sches Land im Zusam­men­wir­ken mit der Wirt­schafts­uni­on EU, deren Vor­macht es zu sein bean­sprucht? Die Ursa­chen ange­hen, also Aus­beu­tung been­den und die impe­ria­le Lebens­wei­se ver­än­dern, die die Mensch­heit und den Pla­ne­ten bedroht? Mit­nich­ten. Es rüstet auf, schot­tet sich ab, zer­tram­pelt die Wer­te und inter­na­tio­na­len Regel­wer­ke, die es nach außen laut­stark ver­tritt und sogar mili­tä­risch durch­zu­set­zen beansprucht.

Gegen Flücht­lin­ge baut die EU eine »phy­si­sche Grenz­in­fra­struk­tur« auf, wie der EU-Rats­prä­si­dent die meter­ho­hen Mau­ern und rasier­mes­ser­schar­fen Sta­chel­draht­zäu­ne, gesi­chert durch Tau­sen­de hoch­ge­rü­ste­ter Grenz­schutz­sol­da­ten, beschö­ni­gend nennt. Mitt­ler­wei­le sind etwa 1700 Kilo­me­ter mar­tia­li­scher Grenz­be­fe­sti­gun­gen gebaut oder kon­kret geplant – das ist etwa die Ent­fer­nung von Ber­lin nach Buka­rest. Zwölf Staa­ten wir­ken »für Inter­es­sen der gesam­ten EU«, wie sie behaup­ten, um ihre natio­na­li­stisch abge­schirm­ten Festun­gen von den Bür­ge­rIn­nen der EU bezahlt zu bekom­men: Polen, Lett­land, Litau­en und Est­land sind dabei, Ungarn, Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en und Spa­ni­en sowie­so, aber auch Däne­mark, Schwe­den und Frankreich.

An der EU-Außen­gren­ze ent­ste­hen rechts­freie Räu­me. Die EU-Staa­ten miss­ach­ten die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, bre­chen Völ­ker­recht, igno­rie­ren Men­schen­rech­te, küm­mern sich einen Dreck um die UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on (vgl. Art. 22 zu Flücht­lings­kin­dern). Statt­des­sen ali­men­tie­ren sie eine pro­fit­träch­ti­ge Sicher­heits­in­du­strie für den Bau von Schall­ka­no­nen, die Ent­wick­lung neue­ster Tech­ni­ken der Bio­me­tri­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung – zur Luft­über­wa­chung mit Radar und Droh­nen und KI für Gesichts­er­ken­nung wie auch für die Ana­ly­se von Satel­li­ten­bil­dern und Bewe­gungs­mu­stern. Die Sicher­heits- und Rüstungs­in­dus-trie ist eine Wachs­tums­bran­che, die in den letz­ten zehn Jah­ren auf das Zehn­fa­che ange­schwol­len ist.

Die »natür­li­che Abschot­tung« durchs Mit­tel­meer sichern Kriegs­schif­fe und Auf­klä­rungs­flü­ge der EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex. Das Urlaubs­pa­ra­dies Mit­tel­meer ist für Zehn­tau­sen­de zum Mas­sen­grab gewor­den: »Im ver­gan­ge­nen Jahr sind bei dem Ver­such, Spa­ni­en auf dem See­weg zu errei­chen, min­de­stens 4.404 Men­schen ums Leben gekom­men.« Laut UN-Flücht­lings­hilfs­werk UNHCR sind in den letz­ten sie­ben Jah­ren über 23.000 Men­schen ertrun­ken, Män­ner, Frau­en, Kin­der. Die Toten wer­den zu einer Zahl, die nicht mehr berührt. Statt Men­schen in See­not zu ret­ten, erstat­tet Fron­tex Mel­dung an Liby­en und Tune­si­en mit der Auf­for­de­rung, die Boo­te zurück­zu­ho­len. Sie betreibt also Luft­auf­klä­rung für die nord­afri­ka­ni­sche Küsten­wa­che, damit die­se die ille­ga­len Push­backs durch­zie­hen: Zurück­drän­gen der Flücht­lin­ge ohne jede Prü­fung der Asyl­er­su­chen. In Liby­en wer­den die Zurück­ge­dräng­ten in Inter­nie­rungs­la­gern zusam­men­ge­pfercht, vie­le miss­han­delt und als Skla­ven verkauft.

Alle lega­len Flucht­we­ge wur­den durch die EU gesperrt. Der Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat läuft auf Hoch­tou­ren. Abwech­selnd wer­den Flücht­lin­ge als »Rei­se­wil­li­ge« (Welt) bezeich­net, Schutz­su­chen­de als Bedro­hung dar­ge­stellt, die als Waf­fen gegen den Westen ein­ge­setzt wür­den. Medi­en bezich­ti­gen kon­zer­tiert den Auto­kra­ten Luka­schen­ko der »hybri­den Kriegs­füh­rung« durch Flücht­lin­ge an der Gren­ze zwi­schen Polen und Bela­rus, um nicht die Grün­de unter­su­chen zu müs­sen, war­um die Men­schen aus Kriegs­ge­bie­ten wie Irak und Afgha­ni­stan flie­hen – und war­um das über Bela­rus und Polen ver­sucht wird.

An die­ser Gren­ze der EU wur­de eine »Emer­gen­cy Zone« aus­ge­ru­fen: Am drei Kilo­me­ter brei­ten Land­strei­fen ent­lang der pol­ni­schen Gren­ze wer­den Jour­na­li­stIn­nen und Foto­gra­fIn­nen fest­ge­nom­men. Die Ein­schrän­kung der Pres­se­frei­heit ist die neue Nor­ma­li­tät. Auch Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ist der Zutritt ver­wehrt. Unter­bun­den wird nicht nur eine unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung, son­dern auch jede Unter­stüt­zung für die Men­schen, die im Nie­mands­land ohne Rech­te der Gewalt aus­ge­setzt sind und um ihr Leben fürch­ten. Die Hilfs- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on med­i­co inter­na­tio­nal berich­tet über die ver­zwei­fel­te Lage von Hun­der­ten ohne medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, ohne aus­rei­chen­des Essen und Was­ser, ein­ge­kes­selt zwi­schen pol­ni­schen und bela­rus­si­schen Grenz­schüt­zern. Ille­ga­le Push­backs mit Schlag­stöcken und Elek­tro­schocks sind hier eben­so üblich wie an der bos­nisch-kroa­ti­schen Gren­ze oder an der grie­chi­schen Küste.

Jede mensch­li­che Geste, jede prak­ti­sche Hil­fe wird zu einem kri­mi­nel­len Akt gestem­pelt und ent­spre­chend bestraft. Sie wird sogar zu einer »staats­feind­li­chen Akti­vi­tät«, wie Rein­hard Wolff in der taz den litaui­schen Innen­mi­ni­ster zitiert. »Die euro­päi­sche Erzäh­lung, die doch für sich Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te bean­sprucht, wird an den Außen­gren­zen neu geschrie­ben«, stellt Fran­zis­ka Grill­mai­er im med­i­co-Rund­schrei­ben fest.

Der Euphe­mis­mus »Ursa­chen­be­kämp­fung« der Flucht ist blan­ker Zynis­mus. Die EU ver­la­gert ihre Außen­gren­zen immer mehr nach Afri­ka. Das Hilfs­werk Brot für die Welt beschreibt, wie finan­zi­el­le Hil­fe, als »Ent­wick­lungs­hil­fe« ver­brämt, als Druck­mit­tel genutzt wird. Die EU inve­stiert in Auf­rü­stung der Sicher­heits­ap­pa­ra­te der Anrai­ner-, Her­kunfts- und Tran­sit­staa­ten – meist mit auto­kra­ti­schen Regie­run­gen – mit der Auf­la­ge, gegen Flüch­ten­de vor­zu­ge­hen. Med­i­co kri­ti­siert dar­über hin­aus die »Migra­ti­ons­part­ner­schaf­ten« der EU und die Pro­gram­me zur För­de­rung angeb­lich frei­wil­li­ger Rück­kehr: All dies die­ne dem Ziel, sich der Schutz­su­chen­den zu ent­le­di­gen. Die Orga­ni­sa­ti­on weist dar­auf hin, dass die pro­pa­gier­ten Part­ner­schaf­ten mit Län­dern wie Ägyp­ten, Marok­ko oder Afgha­ni­stan kaum unter Wah­rung der Men­schen­rech­te orga­ni­siert wer­den kön­nen. Zudem wird Ägyp­ten groß­zü­gig mit Über­wa­chungs­tech­no­lo­gie gegen Flüch­ten­de aus­ge­stat­tet. Die klamm­heim­li­chen deut­schen Waf­fen­ex­por­te dort­hin im Wert von fünf Mil­li­ar­den Euro in den letz­ten Tagen der schei­den­den Bun­des­re­gie­rung sind stra­te­gi­sche Inve­sti­tio­nen in die Festung EU.

Eng­land hat nach dem Bre­x­it ein neu­es Gesetz beschlos­sen: »Natio­na­li­ty and Bor­ders Bill«. Damit wird die Kri­mi­na­li­sie­rung der Flücht­lin­ge und See­not­ret­ter betrie­ben und das Asyl­sy­stem außer Kraft gesetzt. Schutz­su­chen­de sol­len weg­ge­sperrt, Push­backs legi­ti­miert wer­den – all das, um »kri­mi­nel­le Ban­den dar­an zu hin­dern, aus mensch­li­chem Elend Pro­fit zu schla­gen«, wie die jun­ge Welt aus der Begrün­dung zitiert. Nicht nur die EU und Eng­land, die gesam­te »freie Welt« mit ihrer »wer­te­ba­sier­ten Demo­kra­tie« rüstet auf, schot­tet sich ab gegen die Elen­den, die fürs Über­le­ben ihre von Krieg, Elend und Kata­stro­phen zer­stör­te Hei­mat ver­las­sen, ihr gesam­tes Hab und Gut auf­ge­ben und oft ihr Leben bei der Flucht ris­kie­ren. Die west­li­che Wer­te­ge­mein­schaft macht sie zu Recht­lo­sen, zu einer anony­men Bedro­hung unse­rer Lebens­art, behan­delt sie wie Abfall. Stef­fen Mau bringt die Hin­ter­grün­de auf den Nen­ner »Wohl­stands­ge­fäl­le« und »glo­ba­le Ungleich­ver­tei­lung von Lebens­chan­cen« (Blät­ter, August 2021). Da hilft kei­ne »Migra­ti­ons­part­ner­schaft« und kei­ne Bekämp­fung der Schleu­ser. Da hilft nur ein gerech­tes Welt­wirt­schafts­sy­stem und die Beach­tung der Men­schen­rech­te, des Völ­ker­rechts und der Men­schen­wür­de auch sei­tens der markt­kon­for­men Demokratien.

Es bleibt eine aka­de­mi­sche Fra­ge, ob es ein Allein­stel­lungs­merk­mal die­ses Wirt­schafts- und Gesell­schafts­sy­stems ist, Men­schen nicht als gleich­wer­ti­ge Wesen mit Gefüh­len und Rech­ten zu sehen, son­dern sie je nach eige­ner Inter­es­sen­la­ge zu benut­zen oder wegzuwerfen.