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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Maritime Kameraden

Mit Lügen wer­den Krie­ge begon­nen und mit Lügen anschlie­ßend die Kriegs­ver­bre­chen ver­tuscht. Nach dem Ersten Welt­krieg bei­spiels­wei­se nah­men die ver­meint­li­chen Sie­ger­mäch­te, die noch in Ver­sailles auf Über­stel­lung der wegen Kriegs­ver­bre­chen gesuch­ten 900 Deut­schen bestan­den hat­ten, von die­sem Ansin­nen Abstand. Man wol­le die ohne­hin gede­mü­tig­ten Deut­schen nicht wei­ter ver­är­gern, hieß es zur inof­fi­zi­el­len Begrün­dung, es sol­le dar­um die Sache Deutsch­lands sein, über sei­ne Kriegs­ver­bre­cher selbst zu richten.

Von den 1.803 Ermitt­lungs­ver­fah­ren, die dar­auf­hin der Ober­reichs­an­walt zwi­schen 1921 und 1927 ein­lei­te­te, kamen ledig­lich drei­zehn Fäl­le vor Gericht. Davon wur­den neun Ver­fah­ren mit einem Urteil abge­schlos­sen, von den zwölf Ange­klag­ten erhiel­ten sechs eine Haft­stra­fe. Nicht unwich­tig in die­sem Kon­text: Zur sel­ben Zeit wur­den von der glei­chen Justiz etwa sie­ben­tau­send Arbei­ter wegen »revo­lu­tio­nä­rer Bestre­bun­gen« zu ins­ge­samt fünf­tau­send Jah­ren ver­ur­teilt. Bei sol­chen »Tätern« zeig­te sich der bür­ger­li­che Rechts­staat also ent­schie­den weni­ger nachsichtig.

Das erste Ver­fah­ren vorm Reichs­ge­richt in Leip­zig behan­del­te »eines der ver­werf­lich­sten Kriegs­ver­bre­chen im Ersten Welt­krieg«, wie der Histo­ri­ker Ulrich van der Heyden schreibt. Das U-Boot U 86 hat­te am 27. Juni 1918 vor Irland das bri­ti­sche Hospi­tal­schiff »Llan­do­very Cast­le« ver­senkt und anschlie­ßend die Kran­ken­schwe­stern, Ärz­te, Pati­en­ten und See­leu­te, die sich in Ret­tungs­flö­ße hat­ten ret­ten kön­nen, mit Bord­waf­fen beschos­sen und ihre Boo­te gerammt, um sie als Zeu­gen die­ses Mas­sen­mor­des zu besei­ti­gen. So star­ben 234 Men­schen, die zumeist aus Kana­da stammten.

Statt des Kom­man­dan­ten Hel­mut Pat­zig, der die Mord­ak­ti­on befeh­ligt und sich dem Ver­fah­ren durch Flucht ins Aus­land ent­zo­gen hat­te, kamen zwei Ober­leut­nants vor Gericht. Als Bau­ern­op­fer wur­den sie wegen Bei­hil­fe zum Tot­schlag zu jeweils vier Jah­ren ver­ur­teilt. Die Stra­fe aber muss­ten sie nicht ver­bü­ßen. Lud­wig Dith­mar und John Claus Boldt, so ihre Namen, wur­den aus der U-Haft von rech­ten Kame­ra­den befreit und tauch­ten mit deren Hil­fe unter. Die 50.000 Mark Beloh­nung, die die Poli­zei­be­hör­de in Ham­burg am 3. Dezem­ber 1921 für den einen und der Ober­reichs­an­walt in Leip­zig am 31. Janu­ar 1922 für den ande­ren aus­lob­ten, führ­ten nicht zu deren Ergreifung.

Das Leip­zi­ger Ver­fah­ren wur­de wohl nicht zu Unrecht von Fach­leu­ten spä­ter als »Schmie­ren­ko­mö­die« und »Skan­dal« bezeich­net. Der DDR-Anwalt Fried­rich Karl Kaul, der als erster die Akten die­ses Ver­fah­rens aus­wer­te­te und 1970 dazu publi­zier­te, sah jenen Pro­zess hin­ge­gen prin­zi­pi­ell: „So kam man im Reichs­ju­stiz­mi­ni­ste­ri­um, dem zu die­ser Zeit der Sozi­al­de­mo­krat Rad­bruch vor­stand, mit den Her­ren der roten Roben über­ein, den Fall der bei­den in der Bevöl­ke­rung unbe­kann­ten Mari­ne­of­fi­zie­re als ›Muster‹ zu benutzen.«

Aller­dings in einem ande­ren als dem gedach­ten Sin­ne wur­de er zum Bei­spiel. Die­ses Ver­fah­ren ver­an­lass­te die Sie­ger­mäch­te des Zwei­ten Welt­krie­ges, die juri­sti­sche Ver­fol­gung von Völ­ker- und Kriegs­ver­bre­chen bes­ser nicht natio­na­len Gerich­ten zu über­las­sen. Leip­zig lie­fer­te die Leh­re ex nega­tivo, wel­che zur Bil­dung des Inter­na­tio­na­len Mili­tär­tri­bu­nals von Nürn­berg führ­te. Und auch die Errich­tung des Inter­na­tio­na­len Gerichts­ho­fes der Ver­ein­ten Natio­nen in Den Haag 1998 fuß­te letzt­lich auf den Erfah­run­gen mit den geschei­ter­ten Ver­su­chen nach dem Ersten Welt­krieg, Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit zu verfolgen.

Die Mord­tat Hel­mut Pat­zigs im Ersten Welt­krieg – im Zwei­ten soll­te der Ober­leut­nant zur See es bis zum Fre­gat­ten­ka­pi­tän und Kom­man­deur der faschi­sti­schen 26. Unter­see­boot­flot­til­le brin­gen – wur­de ver­schie­dent­lich publi­zi­stisch behan­delt. Dass das Inter­es­se im eng­li­schen Sprach­raum dar­an grö­ßer ist, die Rezep­ti­on von Kriegs­ver­bre­chen auf See bei See­mäch­ten natur­ge­mäß inten­si­ver und nach­hal­ti­ger, hängt wohl auch mit dem weit­aus höhe­ren Stel­len­wert zusam­men, den der erste Welt­brand dort einnimmt.

Den zahl­rei­chen Unter­su­chun­gen – das Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis umfasst fünf­zehn Sei­ten – hat nun der Ber­li­ner Histo­ri­ker Ulrich van der Heyden eine wei­te­re Publi­ka­ti­on hin­zu­ge­fügt. Sie unter­schei­det sich hin­sicht­lich Akri­bie und Anschau­lich­keit kaum von allen ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten zu die­sem The­ma – bis auf einen Punkt. Der Autor kennt nach eige­nem Bekun­den als Ein­zi­ger die Über­lie­fe­run­gen des Gefechts­ru­der­gän­gers von U 86 und des­sen Sohn. Der See­mann, der das U-Boot 1918 steu­er­te, als die Ret­tungs­boo­te gerammt und ver­senkt wur­den, hat sich öffent­lich nie dazu erklärt: aus Furcht viel­leicht, um nicht das glei­che Schick­sal zu erfah­ren wie ein ande­rer Zeu­ge, der Kano­nier Fritz Meiß­ner, der auf die Schiff­brü­chi­gen schie­ßen muss­te. Meiß­ner kam unmit­tel­bar nach dem Krieg unter myste­riö­sen, nie auf­ge­klär­ten Umstän­den zu Tode. Der Gefechts­ru­der­gän­ger von U 86 war dar­um weder Zeu­ge in Leip­zig noch taucht er in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur auf.

Ver­mut­lich lie­ßen den Steu­er­mann auch Scham und Selbst­schutz schwei­gen – er und sein Sohn leb­ten in der DDR. Da gehör­te die per­sön­li­che Ver­strickung in Unrechts­re­gime und Gräu­el nicht zu den Taten, derer man sich öffent­lich rühm­te. Der Sohn war, wohl auch mit Hil­fe der Bezie­hun­gen sei­nes Vaters zu Hel­mut Pat­zig und des­sen Cou­sin Con­rad Pat­zig – ein Admi­ral zur Rech­ten des Ober­be­fehls­ha­bers der Nazi-Kriegs­ma­ri­ne –, auf einen Druck­po­sten fern­ab der Ost­front gekom­men. Dank die­ser Ver­bin­dung blieb ihm ver­mut­lich auch die Kriegs­ge­fan­gen­schaft erspart. U-Boot­kom­man­dant Pat­zig, der als kauf­män­ni­scher Ange­stell­ter und dann als Pen­sio­när in NRW bis 1984 in Frie­den leb­te, dank­te sei­nem ein­sti­gen Gefechts­ru­der­gän­ger in der DDR für des­sen Schwei­gen. Zwei­mal im Jahr traf dort ein West­pa­ket mit Boh­nen­kaf­fee ein. Und der aus­dau­ernd schwei­gen­de See­mann revan­chier­te sich damit, dass der Erst­ge­bo­re­ne sei­nes Soh­nes, sein Enkel, den Vor­na­men Pat­zigs erhielt: Hel­mut. Der Kriegs­ver­bre­cher Pat­zig kon­do­lier­te am 3. Juni 1970, als sein Kame­rad von die­ser Erde ging. Er sei ihm ver­bun­den gewe­sen »in dem festen Band, das Ver­trau­en an Ver­trau­en bin­det, bei dem man weiß, dass es völ­lig sicher besteht und kein Zwei­fel an ihm rüt­teln kann«.

Ulrich van der Heyden – gebo­ren 1954 in Uecker­mün­de am Stet­ti­ner Haff – begrün­de­te die­se »Geschich­te der Ver­tu­schung und nicht erfolg­ten Auf­klä­rung zwi­schen Feme­mor­den, Angst, Rathen­au-Mör­dern, Cana­ris, Abwehr-Amt, BND, Nicht-Ver­fol­gung von Kriegs­ver­bre­chen in der BRD und so manch ande­re Fra­ge­stel­lung«, die nichts mit sei­nem eigent­li­chen For­schungs­ge­gen­stand, Kolo­nia­lis­mus und Afri­ka, zu tun hät­ten, mit einer erläu­tern­den Fest­stel­lung: »Ich muss­te das Buch schrei­ben, weil ich der Ein­zi­ge noch Leben­de bin, der dies alles auf­klä­ren konn­te, was ich den Opfern bzw. den kana­di­schen Nach­kom­men schul­dig bin.«

Mög­li­cher­wei­se sind per­sön­li­che Ver­pflich­tun­gen auch der Grund, wes­halb er den Namen des Gefechts­ru­der­gän­gers beharr­lich ver­schweigt, was der anson­sten bemer­kens­wer­ten Arbeit nicht unbe­dingt zuträg­lich ist. Van der Heyden wird sei­ne Grün­de haben, die even­tu­ell glei­chen Ursprungs sind wie die des Vor­wort­au­tors Die­ter Hart­wig, Fre­gat­ten­ka­pi­tän a. D. und renom­mier­ter Mari­ne­hi­sto­ri­ker. Des­sen Groß­va­ter war Admi­ral Fried­rich Ruge, der 1919 als Kom­man­dant sein Tor­pe­do­boot B 112 in Sca­pa Flow ver­senk­te, damit es nicht den Bri­ten in die Hän­de fiel. Am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs war Ruge Chef des Amtes für Kriegs­schiff­bau im Ober­kom­man­do der Mari­ne und spä­ter erster Inspek­teur der Mari­ne in der Bun­des­wehr. Der Sozi­al­de­mo­krat Die­ter Hart­wig, der sich der histo­ri­schen Wahr­heit ver­pflich­tet fühlt, auch wenn die­se schmerzt, kon­sta­tiert im Vor­wort »eine mehr als bedau­er­li­che Kon­ti­nui­tät der deut­schen Mari­ne­ge­schich­te«, dass »z. B. U-Boot­kom­man­dan­ten, die ganz zwei­fel­los in einem an sich schon ver­bre­che­ri­schen Krieg zusätz­li­che Kriegs­ver­bre­chen began­gen hat­ten«, postum ver­schont und die Dar­stel­lun­gen der Ereig­nis­se geschönt wurden.

Hart­wig selbst hat­te vor eini­gen Jah­ren im Lan­des­ar­chiv Schles­wig-Hol­stein her­aus­ge­fun­den, dass Admi­ral Rolf Johan­nes­son am 21. April 1945 fünf Todes­ur­tei­le gegen eine Hel­go­län­der Wider­stands­grup­pe unter­zeich­net hat­te. Bis dato erklär­ter Anhän­ger Johan­nes­son kri­ti­sier­te Hart­wig seit­her, dass des­sen Büste in der Aula der Mari­ne­schu­le Mür­wik steht und der an die besten Lehr­gangs­teil­neh­mer der Mari­ne­schu­le ver­lie­he­ne Preis nach Admi­ral Johan­nes­son benannt ist. Auf eine dies­be­züg­li­che Anfra­ge der Lin­ken im Bun­des­tag mit Ver­weis auf den Tra­di­ti­ons­er­lass der Bun­des­wehr hat­te die Bun­des­re­gie­rung im Juni 2019 (Druck­sa­che 19/​11203) geant­wor­tet, dass die mili­tär­ge­schicht­li­che Lehr­samm­lung der Mari­ne­schu­le »nicht Teil der Tra­di­ti­ons­pfle­ge der Bun­des­wehr« sei, zudem wer­de »die dort prä­sen­tier­te Büste von Kon­ter­ad­mi­ral a. D. Johan­nes­son (…) durch einen erklä­ren­den Text für die Betrach­ter histo­risch ein­ge­ord­net und kon­tex­tua­li­siert«. Im Übri­gen sei­en die Akten zu den Ver­fah­ren gegen die Hel­go­län­der Wider­stands­grup­pe 1945 ver­nich­tet wor­den, daher wäre die Sache »abschlie­ßend nicht mehr zu klä­ren«. Und: »Maß­geb­lich für die Bewer­tung der Tra­di­ti­ons­wür­dig­keit von Kon­ter­ad­mi­ral a. D. Johan­nes­son sind aus­schließ­lich sei­ne Ver­dien­ste um den Auf­bau der Bundeswehr.«

Die bizar­ren gesell­schaft­li­chen und über Jahr­zehn­te rei­chen­den Ver­flech­tun­gen, die van der Heyden mit den von ihm genann­ten Stich­wor­ten andeu­tet, sind im Text aus­ge­führt, zumin­dest ange­deu­tet. Das Ver­drän­gen und Ver­tu­schen von Unrecht, an dem vie­le betei­ligt waren, ist also nicht mit der deut­schen Mari­ne und dem Drit­ten Reich untergegangen.

Die Tra­di­ti­on lebt. Der Gro­ße Zap­fen­streich mit preu­ßi­schem Tsching­d­e­ras­sa­bum und hal­bem Schlag im Bein­kleid der fackel­tra­gen­den Matro­sen hat’s mal wie­der deut­lich gezeigt.

Ulrich van der Heyden: »Die Affä­re Pat­zig. Ein Kriegs­ver­bre­chen für das Kai­ser­reich?«, illu­striert, Ver­lag Solivagus, Kiel 2021, 240 S., 19,90 €.