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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Feind steht links

Die poli­ti­sche Straf­ver­fol­gung in der Ära Ade­nau­er ist ein beson­ders trau­ri­ges Kapi­tel der bun­des­deut­schen Rechts­ge­schich­te. Nach dem Ver­bot der KPD im Jahr 1956 setz­te eine Wel­le von Pro­zes­sen gegen ihre Mit­glie­der und sol­chen Per­so­nen ein, die ihr nahe­stan­den, mit dem Ziel ihrer Kri­mi­na­li­sie­rung. Rechts­grund­la­ge war das am 1. Sep­tem­ber 1951 in Kraft getre­te­ne 1. Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz, wel­ches als soge­nann­tes »Blitz­ge­setz« bekannt wur­de. Beson­ders hat sich dabei das Land­ge­richt Lüne­burg her­vor­ge­tan. Dort befand sich die für den Ober­lan­des­ge­richts­be­zirk Cel­le für sol­che Ver­fah­ren zustän­di­ge poli­ti­sche Son­der­straf­kam­mer. Beim Lesen von Urtei­len aus jener Zeit ist deut­lich zu spü­ren, dass der nazi­sti­sche Ungeist, wel­cher einst Rich­ter und Staats­an­wäl­te präg­te, noch immer fort­wirk­te. Vie­le die­ser Juri­sten waren bereits unter Hit­ler an der Schaf­fung von Justiz-Unrecht betei­ligt gewe­sen. Jetzt dien­ten sie einem neu­en System, nur die alten Geg­ner wur­den beibehalten.

Die VVN-BdA Lüne­burg hat­te es sich zur Auf­ga­be gemacht, in dem dor­ti­gen Land­ge­richts­be­zirk die Aus­wir­kun­gen der poli­ti­schen Straf­ver­fol­gung der 1950er und 1960er Jah­re zu erfor­schen und dar­zu­stel­len. Dazu erschie­nen in jün­ge­rer Zeit bereits vier Hef­te im Eigen­ver­lag. Mit dem jet­zi­gen Teil III und dem fünf­ten Heft wird die Unter­su­chung abge­schlos­sen. Es gibt einen Ein­blick in die poli­ti­sche Men­ta­li­tät der Lüne­bur­ger Staats­an­walt­schaft, legt das Zusam­men­wir­ken die­ser Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de mit den Geheim­dien­sten offen und belegt ein­drück­lich, dass die in jener Zeit täti­gen Rich­ter und Staats­an­wäl­te nahe­zu aus­nahms­los bereits im faschi­sti­schen Staat tätig waren.

Es soll­te fast 17 Jah­re dau­ern, bis durch das 8. Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 29. Mai 1968 die­se unsäg­li­che Gerichts­pra­xis been­det wur­de. Die damit ver­bun­de­ne Libe­ra­li­sie­rung führ­te aber bis heu­te kei­nes­wegs dazu, dass die Opfer poli­ti­scher Justiz reha­bi­li­tiert wor­den sind. Seit mehr als 30 Jah­ren kämpft dafür eine Initia­tiv­grup­pe aus dem Par­tei­vor­stand der DKP in Essen. Vie­le ver­schie­de­ne Vor­stö­ße in die­ser Rich­tung wur­den bis­her von staat­li­cher Sei­te abge­blockt. Eine poli­ti­sche Straf­ver­fol­gung in den jun­gen Jah­ren der Bun­des­re­pu­blik habe es nicht gegeben.

Zahl­rei­che Zeit­zeu­gen haben in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten ihre Erfah­run­gen und Erleb­nis­se auf­ge­schrie­ben und für die Nach­welt fest­ge­hal­ten. Eine Rei­he pro­mi­nen­ter Straf­ver­tei­di­ger, die in jener Zeit für die Ver­folg­ten tätig waren, for­dern seit lan­gem deren Reha­bi­li­tie­rung. Die Unter­su­chun­gen der Lüne­bur­ger VVN-BdA bestä­ti­gen ein­mal mehr und mit gro­ßer Gründ­lich­keit die unsäg­li­che Rechts­pra­xis gegen vie­le Links­ak­ti­vi­sten in jenen Jah­ren. Die Lek­tü­re ist vor allem jun­gen Men­schen sehr zu empfehlen.

VVN-BdA Lüne­burg: Das Land­ge­richt Lüne­burg als »Spit­ze der justiz­för­mi­gen Kom­mu­ni­sten­ver­fol­gung« der 1950er/​1960er Jah­re. Teil III: Kal­ter Bür­ger­krieg in Lüne­burg, Lüne­burg 2020, 107 Sei­ten, 7 , erhält­lich bei: vvn-bda-lueneburg@vvn-bda-lg.de.