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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Sieg ist unser!

Aus »Die letz­ten Tage der Mensch­heit« von Karl Kraus. 1. Akt. Erste Sze­ne (Wien. Ring­stra­ßen­kor­so. Sirk-Ecke. Etli­che Wochen spä­ter. Fah­nen an den Häu­sern. Vor­bei­mar­schie­ren­de Sol­da­ten wer­den beju­belt. All­ge­mei­ne Erre­gung. Es bil­den sich Gruppen.): 

Ein Wie­ner (hält von einer Bank eine Anspra­che): – denn wir muss­ten die Manen des ermor­de­ten Thron­fol­gers befol­gen, da hats kei­ne Spom­pa­na­deln geben – dar­um, Mit­bür­ger, sage ich auch – wie ein Mann wol­len wir uns mit flie­hen­den Fah­nen an das Vater­land anschlie­ßen in dera gro­ßen Zeit! Sind wir doch umge­run­gen von lau­ter Fein­den! Mir führn einen hei­lin­ger Ver­tei­lungs­krieg führn mir! Also bit­te – schaun Sie auf unse­re Bra­ven, die was dem Feind jetzt ihne­re Stir­ne bie­ten, unge­ach­tet, schaun‘s wie‘s da drau­ßen stehn vor dem Feind, weil sie das Vater­land rufen tut, und dem­entspre­chend trotzen‘s der Unbil­dung jeg­li­cher Wit­te­rung (…)! Und dar­um sage ich auch – es ist die Pflicht eines jeder­mann, der ein Mit­bür­ger sein will, stan­tape Schul­ter an Schul­ter sein Scherf­lein bei­zu­tra­gen. Dem­entspre­chend! – Da heißt es, sich ein Bei­spiel neh­men, jawoohl! Und dar­um sage ich auch – ein jeder von euch soll zusam­men­stehn wie ein Mann! Dass sie‘s nur hören die Feind, es ist ein hei­lin­ger Ver­tei­lungs­krieg was mir führn! Wiar ein Phö­nix ste­ma da, den‘s nicht durch­bre­chen wern, dem­entspre­chend – mir san mir und Öster­reich wird auf­er­stehn wie ein Phallanx ausm Welt­brand sag ich! Die Sache, für die wir aus­ge­zo­gen wur­den, ist eine gerech­te, da gibts kei­ne Würsch­teln, und dar­um sage ich auch, Ser­bi­en – muss sterbien!

Stim­men aus der Men­ge: Bra­vo! So ist es! – Ser­bi­en muss ster­bi­en! – Ob’s da wüll oder net! – Hoch! – A jeder muss sterbien!
Einer aus der Men­ge: Und a jeder Russ–
Ein Ande­rer (brül­lend): – ein Genuss!
Ein Drit­ter: An Stuss! (Geläch­ter.)
Ein Vier­ter: An Schuss! (…)
Der Zwei­te: Und a jeder Franzos?
Der Drit­te: A Roß! (Geläch­ter.)
Der Vier­te: An Stoß!
Alle: Bra­vo! An Stoß! So is!
Der Drit­te: Und a jeder Tritt – na, jeder Britt!?
Der Vier­te: An Tritt!
Alle: Sehr guat! An Britt für jeden Tritt! Bravo!
Ein Bet­tel­bub: Gott stra­fe England!
Stim­men: Er stra­fe es! Nie­da mit England!
Ein Mäd­chen: Der Poldl hat mir das Beu­schl von an Ser­ben ver­spro­chen! Ich hab das hin­ein­ge­ben in die Reichspost!
 
Zur inhalt­li­chen Sprach­auf­klä­rung – Stuss ist Blöd­sinn, Beu­schl ist die Lun­ge und die Reichs­post die »christ­li­che« und gleich­zei­tig kon­ser­va­tiv anti­se­mi­ti­sche Zei­tung in der dama­li­gen Medi­en­land­schaft, die der heu­ti­gen »Sie­ger­mäch­te­men­ta­li­tät« entspricht.

Ich begeg­ne­te dem Krieg mit vier­ein­halb Jah­re als Kind Mit­te 1944 in Sibiu/​Hermannstadt. Mein Vater, Naz­i­kriegs­be­richt­erstat­ter, war Ende 1942 vor Sta­lin­grad gefal­len. Mei­ne Mut­ter, gebür­ti­ge Sie­ben­bür­ge­rin, floh mit mir zu ihren Eltern nach Sibiu. Rumä­ni­en wech­sel­te am 23. 8. 1944 das Bünd­nis mit dem 3. Reich. Vor die­sem Wech­sel bom­bar­dier­te die Rote Armee Sibiu. Nach dem Sturz der rumä­ni­schen faschi­sti­schen Regie­rung unter Gene­ral Ion Anto­nes­cu gab es Bom­ben­an­grif­fe durch die Deut­sche Armee. In Erin­ne­rung blieb mir Groß­va­ters Satz. »Alle haben uns bom­bar­diert«, wäh­rend wir aus unse­rer Woh­nung in die nahe­ge­le­ge­nen Split­ter­grä­ben im Har­ten­eck­park Schutz such­ten und fanden.

Die gro­ße Ein­heits­ma­che­rei von taz bis Bild hat eini­ge Weis­hei­ten in die­sem noch jun­gen Jahr­hun­dert ver­in­ner­licht, die fast kom­plett jene kri­ti­sche Mas­se ver­drängt hat, die, die die­se »kri­ti­sche Vier­te Kraft« in dem nicht­un­se­ren Land mal beanspruchte!

»Natür­lich, das ein­fa­che Volk will kei­nen Krieg. Aber schließ­lich sind es die Füh­rer eines Lan­des, die die Poli­tik bestim­men, und es ist immer leicht, das Volk zum Mit­ma­chen zu brin­gen, ob es sich nun um eine Demo­kra­tie, eine faschi­sti­sche Dik­ta­tur, um ein Par­la­ment oder eine kom­mu­ni­sti­sche Dik­ta­tur han­delt. Das ist ganz ein­fach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es wür­de ange­grif­fen, und den Pazi­fi­sten ihren Man­gel an Patrio­tis­mus vor­zu­wer­fen und zu behaup­ten, sie bräch­ten das Land in Gefahr. Die­se Metho­de funk­tio­niert in jedem Land.« Her­mann Göring in einem Inter­view in der Gefäng­nis­zel­le mit Gust­ave Gil­bert, April 1946: »Rus­si­sche Sol­da­ten sol­len auch Män­ner und Jun­gen ver­ge­wal­tigt haben.« Und: »Auf der ande­ren Sei­te steht ein sub­stan­zi­el­ler Teil der Frie­dens­be­we­gung, die ich den deut­schen Lum­pen-Pazi­fis­mus nen­nen möchte.«

Angeb­li­ches deut­sches Nach­rich­ten­ma­ga­zin 2022: »Wir kön­nen auch ein­mal frie­ren für die Frei­heit. Und wir kön­nen auch ein­mal ein paar Jah­re ertra­gen, dass wir weni­ger an Lebens­glück und Lebens­freu­de haben« (Joa­chim Gauck, Pfar­rer und ehe­ma­li­ger Bundespräsident).

Die Stra­te­gie der »Gür­tel­eng­schnal­le­rei« funk­tio­niert, wie so oft, mal wie­der und wirkt auch schon dort, wo Gesin­nung zur Gesin­de­lei wird.

Hilf­los bei der Coro­na-Pan­de­mie, mutet man jenem Volk, das bei­spiels­wei­se bei der Land­tags­wahl in NRW mit sei­ner Nicht­wäh­le­rei deut­lich signa­li­sier­te, was es von die­ser Art Poli­tik hält, nun eine Infla­ti­on zu, die längst eine Unfla­ti­on gewor­den ist.

Die »Mei­nung« des Vol­kes ver­kün­det man, nach der Befra­gung von 1000 weib­lich­männ­li­chen Ahnungs­lo­sen: »Mehr­heit der Deut­schen für die Lie­fe­rung schwe­rer Waf­fen«. Das ist ein immer wie­der wir­ken­der Pro­pa­gan­daschmäh: Es ist völ­lig unklar, ob die Befrag­ten wis­sen, was das ist, ob das legal ist und wel­che Fol­gen das hat. Not­ra­tio­nen aus Klo­pa­pier, Kar­tof­feln und Spei­se­öl samt eini­gen Kon­ser­ven hel­fen wenig, wenn man eine klei­ne Min­der­heit, die immer noch für »Frie­den schaf­fen ohne Waf­fen« ist, in eine Ecke drängt, in der jene Kriegs­trei­be­rei, die weit über Putin hin­aus das Sagen hat, sie haben will. Krieg und Frie­den sind als Wör­ter nicht mehr gefragt, teil­wei­se bei Stra­fe ver­bo­ten, dafür pro­pa­gan­diert man den Sieg, über eine Dumm­heit, die schon viel zu weit geht.

Ob es »Schwe­re Waf­fen« braucht, bestrei­te ich mal, es bedarf intel­li­gen­ter Abwehr­sy­ste­me, und die sind in Gewicht und Hand­ha­bung »leicht« und kön­nen von der Schul­ter eines Sol­da­ten abge­feu­ert wer­den. Dazu ein wirk­sa­mes Infor­ma­ti­ons­sy­stem zur Bekämp­fung des völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs. Pan­zer jeder Art, wie »schwer« auch immer, haben jene Wir­kung, die im Mit­tel­al­ter die Rit­ter samt Rüstung vom Kriegs­schau­platz ver­schwin­den ließ. Wirk­sam gegen angrei­fen­de Pan­zer vor­zu­ge­hen, bedarf es hoch­prä­zi­ser Pan­zer­ab­wehr­waf­fen (https://de.wikipedia.org/wiki/Panzerabwehrlenkwaffe) – auch das extrem »schwe­re« Kriegs­schiff »Moskwa« ist mit ähn­li­chen, tech­nisch hoch­ent­wickel­ten Abwehr­ge­rä­ten ver­nich­tet worden.

Das sind kosten­gün­sti­ge, intel­li­gen­te und wirk­sa­me Ver­tei­di­gungs­ge­rä­te, die im Ver­gleich zum stän­dig und immer wie­der von der Ukrai­ne gefor­der­ten »schwe­rem« Gerät zum Ein­satz kom­men soll­ten. Braucht es da das 100-Milliardenbundeswehraufrüstungssondervermögen?

Es wird gesiegt, bis die Welt unter­geht. 3,5 Mil­li­ar­den Men­schen droht der Hun­ger­tod. Gibt es irgend­wo »Ver­ant­wort­li­che«, die schon aus­ge­rech­net haben, wie durch die­sen Mas­sen­tod das »Kli­ma­ziel« erreicht wer­den kann?

Nir­gend­wo gibt es auch nur im Ansatz eine Dis­kus­si­on, wie wir alle auf die­ser Erde zu einer fried­li­chen Soli­dar­ge­sell­schaft wer­den. Eher wirkt die Weis­heit, dass sich die Regie­run­gen eher ein ande­res Volk suchen, als ein kri­ti­sches zu behal­ten. Es sei denn, man ist in der Lage, es zu einer Her­de blö­ken­der mei­nungs­lo­ser Scha­fe umzufunktionieren.

In sei­nem Text »Das Ehren­kreuz« hat Karl Kraus am Ende den Satz »Denn die Justiz ist eine Hure, die sich nicht blit­zen lässt und selbst von der Armut den Schand­lohn ein­hebt« geschrie­ben. Statt »Justiz« las­sen sich vie­le ande­re Wör­ter ein­set­zen. Also – wer fin­det die rich­ti­gen, oder ist der Weg frei für die »WirwerdenSiegen«-Ideologie?