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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lyrisches Urlaubsgepäck

Die Urlaubs­zeit steht vor der Tür und Urlaubs­zeit ist Bücher-Zeit. Bücher gehö­ren zur schön­sten Zeit des Jah­res wie Son­nen­creme, Wan­der­schu­he oder Regen­jacke. Da heißt es schon, gut über­le­gen, was man für die zwei Urlaubs­wo­chen ein­packt. Beliebt sind ja Kri­mis oder Lie­bes­ro­ma­ne. Da kann man jedoch lese­tech­nisch schnell auf dem Trocke­nen sit­zen, wenn man schon im Feri­en­flie­ger weiß, wer der Täter ist. Oder im Bus nach ein paar Sei­ten bereits ahnt, dass es ein Hap­py End geben wird. Dann ist es zu spät, denn der Bus­fah­rer lässt sich kaum zur Rück­kehr bewegen.

Daher heu­te ein Lek­tü­re­vor­schlag, bei dem von vorn­her­ein klar ist, wor­auf man sich ein­lässt: auf Lyrik. War­um nicht? Es muss ja nicht immer Ste­phen King oder Nora Roberts sein. Der Reclam Ver­lag bie­tet mit drei lyri­schen Neu­erschei­nun­gen die per­fek­te platz­spa­ren­de und preis­wer­te Rei­se­li­te­ra­tur, die in jeden Kof­fer oder Ruck­sack passt.

Die Antho­lo­gie »Deut­sche Gedich­te«, die schon mehr­fach Nach­auf­la­gen erreicht hat, prä­sen­tiert eine Aus­wahl her­vor­ra­gen­der Gedich­te der über 100 wich­tig­sten Lyri­ke­rin­nen und Lyri­ker deut­scher Spra­che aus einem Zeit­raum von über zwölf Jahr­hun­der­ten – von den mit­tel­al­ter­li­chen Min­ne­sän­gern, über die Barock­dich­tung, die Klas­si­ker und Roman­ti­ker, den Rea­lis­mus und Expres­sio­nis­mus bis hin zur zeit­ge­nös­si­schen Lyrik. Lie­bes­ge­dicht, Bal­la­de, Sonett oder Lehr­ge­dicht – die gan­ze Band­brei­te der Lyrik ist auf den 430 Sei­ten ver­tre­ten. An das eine oder ande­re Gedicht aus der Schul­zeit wird man sich noch erin­nern: Goe­thes »Pro­me­theus«, Schil­lers »Die Bürg­schaft«, Hei­nes »Nacht­ge­dan­ken« oder Brechts »Fra­gen eines lesen­den Arbei­ters«. Viel­leicht kann man sogar man­che Stro­phe noch herunterrattern.

Mit über 1000 Sei­ten wesent­lich dick­lei­bi­ger kommt der Reclam-Band »Frau­en /​ Lyrik« daher. Er ver­sam­melt rund 500 deutsch­spra­chi­ge Gedich­te vom Mit­tel­al­ter bis zur Gegen­wart zum The­ma von, über und unter Frau­en. Die­ser Bereich ist bis­her unter­prä­sen­tiert in der Lite­ra­tur­ge­schich­te. Die chro­no­lo­gisch ange­ord­ne­ten Gedich­te wer­den aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven betrach­tet. Die erste Per­spek­ti­ve ver­sam­melt Gedich­te, die bereits zum Kanon deut­scher Lyrik gehö­ren. Unter der zwei­ten Per­spek­ti­ve sind dage­gen Gedich­te von Autorin­nen zusam­men­ge­fasst, die nicht unbe­dingt berühmt waren (sind). Das drit­te Vier­tel ist Ver­sen gewid­met, die sich mit der Rea­li­tät von Frau­en und deren Eman­zi­pa­ti­on aus­ein­an­der­setz­ten. Unter dem letz­ten Blick­win­kel wer­den schließ­lich Gedich­te gebün­delt, die ein weib­li­ches Ich oder eine weib­li­che Per­spek­ti­ve zu Wort kom­men las­sen. Im umfang­rei­chen Nach­wort wer­den die­se vier unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven, die ein Beleg für die Viel­falt der Frau­en-Lyrik sind, näher erläu­tert; auch auf das Aus­wahl­ver­fah­ren der Gedich­te wird eingegangen.

Mit dem 250. Geburts­tag von Fried­rich Schle­gel (10. März) und Nova­lis (2. Mai), sowie dem 200. Todes­tag von E.T.A. Hoff­mann (25. Juni) ist 2022 ein wah­res Roman­ti­ker-Jubi­lä­ums­jahr, das der Reclam Ver­lag auch mit dem schma­len Band »50 Gedich­te der Roman­tik« wür­digt. Der lyri­sche Quer­schnitt zeigt die Band­brei­te der Roman­tik. Die Epo­che war eine Blü­te­zeit der Gedicht-Kunst. Sie wand­te sich neu­en The­men zu, dem Mär­chen­haf­ten, der Nacht, der Sehn­sucht, und ziel­te auf die Beto­nung des Indi­vi­du­ums und die Wert­schät­zung sub­jek­ti­ver Gefühls­wel­ten. Neben bekann­ten Gedich­ten und Namen wie »Der Lin­den­baum« (Wil­helm Mül­ler), »Der Kuß im Trau­me« (Karo­li­ne von Gün­der­ro­de) »Der fro­he Wan­ders­mann« (Joseph von Eichen­dorff) oder »Ich weiß nicht, was soll es bedeu­ten« (Hein­rich Hei­ne) gibt es auch loh­nen­de Ent­deckun­gen wie Hel­mi­na von Ché­zy oder Justi­nus Kerner.

Mit den knall­gel­ben Reclam-Bänd­chen wird man am Hotel­pool oder im Strand­korb sicher für Neu­gier sor­gen; viel­leicht ver­bun­den mit der Auf­for­de­rung, eines der Gedich­te doch ein­mal zu rezi­tie­ren. Der alte Geheim­rat Johann Wolf­gang von Goe­the for­der­te ja einst, jeden Tag ein gutes Gedicht zu lesen. Mit den drei Reclam-Titeln hat man einen Vor­rat weit über die Urlaubs­zeit hinaus.

Deut­sche Gedich­te – Eine Antho­lo­gie, 432 Sei­ten, 9,80 €.
50 Gedich­te der Roman­tik, 88 Sei­ten, 4,40 €.
Frau­en /​ Lyrik – Gedich­te in deut­scher Spra­che, 1056 Sei­ten, 9,80 €.
Alle Bän­de Reclam Ver­lag, Dit­zin­gen 2022.