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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der beschwiegene Krieg

Seit 2014 schicken die deut­schen Chef­re­dak­teu­re kei­nen Jour­na­li­sten mehr in die rus­sisch­spra­chi­ge Ost­ukrai­ne des Don­bass. Wenn über­haupt von Ereig­nis­sen dort – von Kriegs­gräu­eln, Wah­len, Abkom­men, Hilfs­ak­tio­nen aus Mos­kau – berich­tet wird, dann aus der Sicht Kiews. Ein Ossietzky-Autor hat kürz­lich geschrie­ben, die hie­si­gen Leit­me­di­en sei­en eine »Lücken­pres­se«. Dem abzu­hel­fen, ist das hier anzu­zei­gen­de Buch von Ulrich Heyden über den 8-jäh­ri­gen Bür­ger­krieg gera­de rich­tig erschie­nen. Durch Kar­ten- und Bild­ma­te­ri­al wird es komplettiert.

Die Kie­wer Putsch-Regie­rung ver­häng­te kurz nach der Grün­dung der abtrün­ni­gen Repu­bli­ken Donezk und Lug­ansk eine Infor­ma­ti­ons­sper­re. Man konn­te zwar noch dort­hin fah­ren, wur­de aber auf der Web­site des Innen­mi­ni­ste­ri­ums als »Mirot­wo­rets« (Frie­dens­stif­ter) geli­stet, damit fak­tisch als »Feind der Ukrai­ne« an den Pran­ger gestellt; was nicht unge­fähr­lich war.

Der Autor berich­te­te den­noch über acht Jah­re lang regel­mä­ßig aus der Regi­on. Sein Film »Lauf­feu­er«, den er mit dem Doku­men­tar­fil­mer Marc Ben­son über den Bran­d­an­griff auf das Gewerk­schafts­haus Odes­sa dreh­te, hat­te im Inter­net viel Reso­nanz, wur­de aber von den gro­ßen Medi­en hier­zu­lan­de ver­schwie­gen, im Fern­se­hen nicht gezeigt. »Offen­bar«, resü­miert der Autor, »ist es [dem deut­schen Main­stream] ganz recht, dass die Ver­bre­chen der Staats­streich-Regie­rung in Kiew der deut­schen Bevöl­ke­rung unbe­kannt blei­ben« (S.34). Bezeich­nend ist der Fall eines Pra­ger Abtei­lungs­lei­ters bei Radio Liber­ty namens Andrej Babitz­ki, einst auch vom Spie­gel hoch­ge­lobt als muti­ger rus­si­scher Jour­na­list. 2014 warf er sei­nen Job in Prag hin, lebt und schreibt seit­dem in Donezk. Der Grund: Er sah im ersten Bür­ger­kriegs-Jahr, wie ukrai­ni­sche Son­der­ein­hei­ten von Frei­wil­li­gen Mas­sa­ker unter der Zivil­be­völ­ke­rung anrich­te­ten. Neu­er­dings will der Spie­gel von ihm nichts mehr wis­sen (S. 106).

Der Feld­zug, ja, Krieg gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung begann zwei Mona­te nach dem Umsturz vom Mai­dan. Der nicht­ge­wähl­te Über­gangs­prä­si­dent der Ukrai­ne erließ einen Ukas, wonach in den süd­öst­li­chen Gebie­ten eine »Anti­ter­ro­ri­sti­sche Ope­ra­ti­on« (!) durch­zu­füh­ren sei. (Die Rede von mili­tä­ri­schen Spe­zi­al­ope­ra­tio­nen kennt man auch aus ande­ren Zusam­men­hän­gen, nicht zuletzt aus Erdogans Aktio­nen gegen sei­ne kur­di­schen Bür­ger.) Inner­halb von gut vier Mona­ten, von April bis August 2014, wur­den laut UNO-Sta­ti­stik 2.200 Men­schen getö­tet und rund 6.000 ver­letzt. Nach einem ersten Waf­fen­still­stand waren OSZE-Inspek­to­ren vor Ort unter­wegs und ent­deck­ten ein Grab, wor­auf eine Tafel mit der Inschrift »Gestor­ben für die Lügen Putins« stand, dar­un­ter in Rus­sisch die Namen von fünf Toten. Die Spu­ren der Täter führ­ten zum Ajdar-Batail­lon, das zur ukrai­ni­schen Natio­nal­gar­de gehört (S. 209).

Von den 7 Kapi­teln des Buches sei­en zwei als beson­ders instruk­tiv her­vor­ge­ho­ben: Kap. 2 »Das über die Jah­re zer­re­de­te Minsk-2-Abkom­men« und Kap. 6 »Olig­ar­chen, Koh­le-Schmug­gel und Schie­nen­blocka­den«. Zitiert sei hier aus dem letz­ten Kapi­tel »All­tag im Krieg« über die Schu­le der Stadt Gor­low­ka im Don­bass. Seit dem Beginn der Angrif­fe wur­den dort 16 Kin­der durch Schrapnel­le getö­tet. Den Kriegs­all­tag ver­sucht die Leh­rer­schaft zu ver­drän­gen. »Dann wer­de ich in den Kel­ler der Schu­le geführt. Dort sind zwei gro­ße Räu­me not­dürf­tig als Luft­schutz­kel­ler her­ge­rich­tet« (S. 300). Man stel­le sich ver­glei­chend vor, in einer bay­ri­schen Schu­le wür­den die Kin­der – nach Sepa­ra­ti­on des Frei­staa­tes Bay­ern – von der Bun­des­wehr durch Schrapnel­le getötet.

Lesens­wert ist das Buch nicht zuletzt wegen der bei­den Geleit­wor­te von A. Hun­ko und Diet­her Dehm. Letz­te­rer schließt sein Vor­wort mit der Aus­sa­ge: der Westen wirbt zwar für Mei­nungs­viel­falt, immer vor­aus­ge­setzt, die ange­hen­den Volon­tä­re las­sen sich früh­zei­tig Namen wie Snow­den und Assan­ge aus dem Kopf schla­gen. So sei »die Fra­ge ›Meinst Du DER Westen steht für Mei­nungs­frei­heit?‹ end­gül­tig rhe­to­risch und obso­let geworden«.

Was schmä­lert den Lese­ge­nuss? Der Ver­lag war sehr schlecht bera­ten, das Buch ohne Lek­to­rat und Schluss­kor­rek­tur zu las­sen. Das führt zu vie­len Stol­per­stel­len. Dar­um dem Autor ins Stamm­buch: das näch­ste Buch nicht so! Not­falls bie­te ich ihm ein sorg­fäl­ti­ges Kor­rek­tur­le­sen an, ganz kostenlos.

Ulrich Heyden: Der läng­ste Krieg in Euro­pa seit 1945. Augen­zeu­gen berich­ten aus dem Don­bass, Ver­lag tre­di­ti­on, Ham­burg 2022, 335 S., 24,90 €.