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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Regelbasierte Welt(un)ordnung

Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Selen­skyj will die Krim und das von Russ­land besetz­te Ter­ri­to­ri­um zurück­er­obern. Der Kampf wer­de als eine der bru­tal­sten Schlach­ten in die Mili­tär­ge­schich­te Euro­pas ein­ge­hen. Selen­skyj gab Deutsch­land noch eine Chan­ce, sei­ne von Außen­mi­ni­ste­rin Baer­bock beklag­te Kriegs­mü­dig­keit zu über­win­den. Kanz­ler Scholz muss lie­fern: 100 Hau­bit­zen, 300 Rake­ten­wer­fer, 500 Pan­zer, 2000 gepan­zer­te Fahr­zeu­ge und 1000 Droh­nen sol­len als Wie­der­gut­ma­chung der Zöger­lich­keit gel­ten. Übri­gens: Die deut­schen Medi­en haben – von Aus­nah­men wie den Nach­Denk­Sei­ten abge­se­hen – »ver­ges­sen«, über den Rück­tritt der ukrai­ni­schen Men­schen­rechts­be­auf­trag­ten Lyud­mi­la Den­is­o­va zu berich­ten, die in Brüs­sel, bei der UN und diver­sen Sen­dern ent­setz­li­che rus­si­sche Gräu­el­ta­ten geschil­dert hat­te. Sie hat­te sie frei erfun­den, um ihrem Land zu Waf­fen­lie­fe­run­gen zu verhelfen.

Immer drän­gen­der stellt sich die Fra­ge, war­um der Westen dem Krieg in der Ukrai­ne bis an die Gren­zen eines ato­ma­ren Welt­bran­des bedin­gungs­los Vor­schub lei­stet, statt auf Waf­fen­still­stand und Ver­hand­lun­gen zu drän­gen, etwa auf der Basis der Vor­schlä­ge der ita­lie­ni­schen Regie­rung (s. heise.de, 6.6.22). Der­zeit müs­sen wir zuschau­en, wie der Krieg immer neue Kri­sen und Ver­bre­chen in der Welt erzeugt, nicht nur in der Ukrai­ne. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen infor­mie­ren über Kata­stro­phen und war­nen vor den Fol­gen für die Betrof­fe­nen, täg­lich tref­fen alar­mie­ren­de Mel­dun­gen ein: In Latein­ame­ri­ka droht eine Hun­ger­kri­se, mahnt die Lei­te­rin des Welt­ernäh­rungs­pro­gramms. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Oxfam mel­det, dass sich die Zahl der vom Hun­ger­tod bedroh­ten Men­schen in den Län­dern Kenia, Soma­lia und Äthio­pi­en in weni­gen Mona­ten von zehn auf 23 Mil­lio­nen mehr als ver­dop­pelt hat. Laut UNICEF, dem Kin­der­hilfs­werk der UN, sind am Horn von Afri­ka zehn Mil­lio­nen Kin­der durch die herr­schen­de Dür­re am Hun­gern; zehn­tau­sen­de Kin­der sind vom Tod bedroht. Ohne sofor­ti­ge Hil­fe wer­den die Todes­zah­len explo­si­ons­ar­tig stei­gen, sagt Rania Dagash, stell­ver­tre­ten­de UNICEF-Direk­to­rin für die Regi­on. Auch in Nige­ria, Jemen, Süd­su­dan, Soma­lia, DR Kon­go, aber auch in Hai­ti, Afgha­ni­stan und Syri­en gilt die höch­ste Hun­ger-Warn­stu­fe. Wir stel­len fest: Beim Ster­ben von Mil­lio­nen bleibt die Auf­merk­sam­keit des Westens beschei­den, von einem Kampf gegen die Ursa­chen ganz zu schweigen.

Mit lebens­be­droh­li­chen sozia­len Pro­ble­men haben fer­ner Nige­ria, Bur­ki­na Faso und Myan­mar zu kämp­fen. Das United Nati­ons Office for the Coor­di­na­ti­on of Huma­ni­ta­ri­an Affairs (OCHA) ana­ly­siert detail­liert die ver­zwei­fel­te Lage für 2020/​21 in 19 Län­dern; zusätz­lich zu den bereits genann­ten auch in Palä­sti­na, Jemen, Liba­non, Irak und Vene­zue­la. Die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, Michel­le Bache­let, wird wegen ihrer vor­sich­ti­gen Schil­de­rung der Situa­ti­on in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Xin­jiang in den Medi­en hef­tig kri­ti­siert, so dass sie auf eine zwei­te Amts­zeit ver­zich­tet; ihren Bericht über die Lage von welt­weit 1,2 Mil­li­ar­den von Armut und Ernäh­rungs­un­si­cher­heit Betrof­fe­nen wie auch ihr Resü­mee fin­den wir dage­gen nur in der Tages­zei­tung jun­ge Welt: »Wir leben in einer Welt erschüt­tern­der Ungleich­heit« (jW, 14.6.). So sieht also der »Fort­schritt für eine gerech­te Welt« aus, wie ihn die Regie­run­gen der mäch­ti­gen G7 in Elmau verhandeln.

Kei­nes­wegs über­ra­schend sei die Zahl von Geflüch­te­ten zum ersten Mal über 100 Mil­lio­nen gestie­gen, gibt die UN bekannt. Haupt­ur­sa­che sei­en Krie­ge, Gewalt und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Mil­lio­nen haben bereits die Ukrai­ne ver­las­sen, übri­gens nicht weni­ge von ihnen wegen der deso­la­ten Lage im Land auch schon vor dem Krieg. Bei der Auf­nah­me und Behand­lung der Flücht­lin­ge stel­len wir ekla­tan­te Unter­schie­de fest, die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ursa­chen haben, aber auch als staat­li­cher Ras­sis­mus zu bezeich­nen sind und Men­schen­rech­te grob miss­ach­ten. Wäh­rend die Men­schen aus der Ukrai­ne will­kom­men gehei­ßen wer­den (auch als bil­li­ge Arbeits­kräf­te) und Unter­stüt­zung bei der Inte­gra­ti­on bekom­men, kla­gen Geflüch­te­te aus Asi­en und Afri­ka, die in Inter­nie­rungs­la­gern zusam­men­ge­pfercht wer­den: »Sie behan­deln uns wie Tie­re.« Ihre Behand­lung ist unmensch­lich, die Push­backs ille­gal – die EU küm­mert es wenig. Nicht ein­mal Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen dür­fen pol­ni­sche Lager besu­chen. Das Ster­ben in den Wäl­dern an der pol­nisch-bela­rus­si­schen Gren­ze löst bei EU-Büro­kra­ten kei­ne mensch­li­chen Regun­gen aus, genau­so wenig wie Tau­sen­de Tote im Mit­tel­meer. Wel­che Wer­te des Westens wer­den hier sichtbar?

Men­schen­rech­te betrach­tet die EU oder die deut­sche Bun­des­re­gie­rung als zu ver­nach­läs­si­gen­de Grö­ße bei ihren wirt­schafts­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen. Für deut­schen Strom soll Stein­koh­le aus den rie­si­gen Tage­bau­mi­nen des Schwei­zer Kon­zerns Glen­co­re in Kolum­bi­en besorgt wer­den. Glen­co­re, war da nicht was? Vor­wür­fe und Ankla­gen wegen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Steu­er­ma­ni­pu­la­ti­on und Kor­rup­ti­on gibt es zuhauf. Die Koor­di­na­to­rin der Men­schen­rechts­pro­gram­me der Regi­on warnt vor den Fol­gen, die dort ein deut­sches Enga­ge­ment für Rech­te und Lebens­be­din­gun­gen der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung wie für die Umwelt hät­te, denn Ver­trei­bung und töd­li­che Umwelt­zer­stö­rung gigan­ti­schen Aus­ma­ßes wer­den von den Pro­fi­teu­ren bil­li­gend in Kauf genom­men. Die »Initia­ti­ve Lie­fer­ket­ten­ge­setz«, ein Zusam­men­schluss von 130 zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen warnt: »Ob Gas aus Katar, Koh­le aus Kolum­bi­en oder Öl aus Ugan­da: Der Krieg in der Ukrai­ne führt zu einem regel­rech­ten Ansturm auf Roh­stof­fe aus ande­ren Welt­re­gio­nen und bedroht dort Men­schen­rech­te und Umwelt.« Und: »Indi­ge­ne in Kolum­bi­en dür­fen nicht zu den Leid­tra­gen­den der Sank­tio­nen gegen Putin wer­den.« Wann ent­eig­net der Westen die­se Olig­ar­chen, wer bestraft die poli­tisch Verantwortlichen?

Indi­en, das eigent­lich Getrei­de expor­tiert, beklagt einen Rück­gang der Ern­te um 40 Pro­zent. Aller­dings weist med­ico inter­na­tio­nal dar­auf hin, dass die­ser »Hun­ger mit System« tie­fe­re Ursa­chen hat als den Ukrai­ne-Krieg. Neben dem mas­si­ven Kli­ma­wan­del haben west­lich domi­nier­te inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen und Spe­ku­lan­ten für einen Höchst­stand der Lebens­mit­tel­prei­se gesorgt. Frei­han­del, Öff­nung der Märk­te für Bil­lig­im­por­te aus der EU und die »Eco­no­mic Part­ner­ship Agree­ment« (EPA) hat­ten dafür gesorgt, dass afri­ka­ni­sche Län­der die eige­ne Bevöl­ke­rung nicht mehr aus­rei­chend ver­sor­gen kön­nen. Die Inter­es­sen der Kon­zer­ne und Inve­sto­ren gel­ten alle­mal mehr als Men­schen­le­ben und -rech­te. Die Fol­gen sind Hun­ger, Schul­den, Gewalt, Flucht, Zer­stö­rung der Infra­struk­tur, syste­ma­ti­sche Ver­let­zung der Rech­te von Frau­en und Kin­dern: »Sol­che impe­ria­li­sti­schen und (neo-)kolonialistischen Poli­ti­ken pro­du­zie­ren nicht erst seit dem Krieg am lau­fen­den Band Hun­ger und Gewalt. Huma­ni­tä­re Not­la­gen sind die nor­ma­len und zu erwar­ten­den Ergeb­nis­se die­ser Pro­zes­se«, schreibt Rad­wa Kha­led-Ibra­him für med­ico. Zustän­dig für die Bestra­fung der Täter in den Macht­eli­ten wäre der Inter­na­tio­na­le Strafgerichtshof.

Par­al­lel zu die­ser Poli­tik mel­den die Unter­neh­mens­be­ra­ter der Bos­ton Con­sul­ting Group ein Rekord­hoch der glo­ba­len Ver­mö­gen. Finanz- und Sach­an­la­gen sind danach um über zehn Pro­zent gestie­gen. Auch deut­sche Olig­ar­chen freu­en sich über einen bedeu­ten­den Anstieg ihres Pri­vat­ver­mö­gens. Beson­ders pro­fi­ta­bel sei dabei der Woh­nungs­markt, ergänzt die jun­ge Welt. Der Chef des Waf­fen­kon­zerns Rhein­me­tall, Pap­per­ger, gibt einen kräf­ti­gen Wachs­tums­schub von 10 bis 15 Pro­zent bekannt: »Nun rech­nen wir uns gute Chan­cen aus, in der aktu­el­len sicher­heits­po­li­ti­schen Lage in zahl­rei­chen Län­dern wert­vol­le Bei­trä­ge zur Stär­kung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit lei­sten zu kön­nen.« Mit dem Inve­sti­ti­ons­pa­ket von gut 100 Mil­li­ar­den Euro und dem »Game­ch­an­ger für die Gefechts­fel­der der Zukunft« (Eigen­wer­bung), dem KF51 Pan­ther, wird das gewiss gelin­gen. Aber wenn eine Dis­kus­si­on über das Abschöp­fen von kri­sen­be­ding­ten »Über­ge­win­nen« auf­kommt, enga­giert sich Bun­des­mi­ni­ster Lind­ner sofort für die Pro­fi­teu­re und warnt, dass man dann den Geist aus der Fla­sche nicht mehr zurück­drän­gen könn­te. Müss­te das nicht das Ziel einer an Men­schen ori­en­tier­ten Poli­tik sein?

Der neue Sound der Zei­ten­wen­de: Die Rei­chen wer­den obszön reich, die die Groß­mäch­te rüsten mas­siv auf, und Armut und Hun­ger neh­men eben­so mas­siv zu. Alle Nukle­ar­mäch­te stocken ihre Arse­na­le auf, um die Welt schnel­ler und effek­ti­ver zer­stö­ren zu kön­nen. Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er betä­tigt sich als Lob­by­ist für die­se Inter­es­sen in Sin­ga­pur und Indo­ne­si­en (Roh­stof­fe!) und mahnt eine enge Koope­ra­ti­on und eine regel­ba­sier­te inter­na­tio­na­le Ord­nung für siche­re Inve­sti­tio­nen an. Man soll­te ihn dar­an erin­nern, dass genau die­se regel­ba­sier­te Ord­nung die Kata­stro­phen ver­ur­sacht – sie wer­den von den Inter­es­sen rei­cher Inve­sto­ren dik­tiert. Erin­nert wer­den muss er offen­bar auch dar­an, dass wir uns alle gemein­sam auf Men­schen­rech­te geei­nigt haben, übri­gens auch auf wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le, dass es fer­ner ein Völ­ker­recht und eine UN-Char­ta gibt, die nicht nur den rus­si­schen, son­dern alle Krie­ge ver­bie­tet, auch die der Nato und des Wertewestens.