Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

»Er kann alles«

Paul McCart­ney gilt als einer der belieb­te­sten Pop-Musi­ker aller Zei­ten. Noch heu­te ist er einer der besten Per­for­mer. Außer­dem ist er Tier­schüt­zer, Vege­ta­ri­er, erd­ver­bun­de­ner Hip­pie, über­zeug­ter Fami­li­en­va­ter, einer der reich­sten Men­schen Groß­bri­tan­ni­ens, Work­aho­lic, Per­fek­tio­nist, Dro­gen­kon­su­ment, Rit­ter Ihrer Maje­stät. Er besitzt einen ange­bo­re­nen Charme und einen strah­len­den Opti­mis­mus. Er hat, so schreibt Phil­ip Nor­man in sei­ner McCart­ney-Bio­gra­fie, »den­sel­ben Liver­poo­ler Witz wie die ande­ren Beat­les (…), war stets amü­sant, offen (…) und immer höf­lich, egal wie blöd die Fra­gen der Jour­na­li­sten auch waren.«

Seit dem 18. Juni ist Paul McCart­ney 80 Jah­re alt! Am mei­sten ver­ehrt wird er immer noch als Ex-Mit­glied der Beat­les, gemein­sam mit den Rol­ling Stones die über­ra­gen­de Band der 1960er Deka­de. Der Pres­se­spre­cher der Beat­les, Derek Tay­lor, bezeich­ne­te die Band »als eine der größ­ten Roman­zen des zwan­zig­sten Jahr­hun­derts«. Den Nukle­us der Grup­pe bil­de­ten bekannt­lich die bei­den Freun­de John Len­non und Paul McCart­ney, das berühm­te­ste Kom­po­ni­sten- und Song­wri­ter-Duo der Pop-Geschich­te. Paul: »Als ich John traf, schrie­ben wir immer öfter Lie­der zusam­men – was aber nicht bedeu­tet, dass wir alles gemein­sam ver­fass­ten. Ich den­ke, dass wir in 80 Pro­zent der Fäl­le koope­rier­ten.« Paul hat­te den mei­sten Input zu Beat­les-Klas­si­kern wie »Hey Jude«, »The Long And Win­ding Road«, »Pen­ny Lane«, »Elea­nor Rig­by« oder »Let It Be« gelie­fert. Gemein­sam mit Geor­ge Har­ri­son und Rin­go Starr brach­ten die Beat­les einen Hit nach dem ande­ren und bahn­bre­chen­de Alben her­aus. Kei­ne For­ma­ti­on und kein Musi­ker haben je mehr Plat­ten ver­kauft, es sol­len mehr als eine Mil­li­ar­de sein.

Immer sau­er war Paul, dass man ihn als den lie­ben, melo­diö­sen Beat­le und Len­non als den expe­ri­men­tier­freu­di­gen Rebel­len betrach­te­te. Dabei war es manch­mal umge­kehrt. So im Jah­re 1966, als er John Cage und Karl­heinz Stock­hau­sen ent­deck­te und Tape-Loo­ps pro­du­zier­te. Paul hei­ter: »Ich wer­de ein gan­zes Album mit die­sem Zeug machen und es ‹Paul McCart­ney Goes Too Far› nen­nen.« Auch zum Beat­les-Song »Tomor­row Never Knows«, von Len­non geschrie­ben, steu­er­te Paul Loo­ps und Col­la­gen bei, damals völ­lig neu in der Pop-Musik. Paul: »Um die Zeit vom Album ‹Sgt. Pep­per› (1967) her­um war mein Input sicher am größ­ten. Ich war der­je­ni­ge, der die Band zu musi­ka­li­schen Expe­ri­men­ten antrieb.«

Sein Song »Hel­ter Skel­ter« ist der lau­te­ste und kra­chend­ste der Beat­les über­haupt. Aller­dings ver­fass­te er auch gefäl­li­ge Lie­der wie »Maxwell’s Sil­ver Ham­mer«, den die ande­ren Beat­les ablehn­ten, oder »Ob-La-Di, Ob-La-Da«, für Len­non »Pauls Oma-Musik«.

Wäh­rend in den ersten Jah­ren Len­non der Anfüh­rer der Grup­pe war, ver­such­te Paul das spä­ter zu ändern: »Ich war der­je­ni­ge, der sie anrief und sag­te: ›Lasst uns jetzt arbei­ten, packen wir es an‹.« Was von John und Geor­ge als schul­mei­ster­li­che Recht­ha­be­rei ver­stan­den wur­de und zu Rei­be­rei­en führ­te, die es selbst im größ­ten Tour-Stress nie gege­ben hatte.

Im Sep­tem­ber 1969 erklär­te Len­non, dass er die Band ver­las­sen wer­de. Mana­ger Allen Klein (wegen dem sich die Beat­les vor allem zer­strit­ten) bat die Grup­pe jedoch, das noch geheim zu hal­ten, da noch eini­ge Ver­trä­ge unter Dach und Fach gebracht wer­den muss­ten. Im April 1970 ließ McCart­ney mit der Ver­öf­fent­li­chung eines Solo-Albums dann aber doch die Kat­ze aus dem Sack. Vor allem ihn traf das Ende der Band trotz­dem hart. Sei­ne musi­ka­li­schen Plä­ne lösten sich in Luft auf: »Das war mei­ne Band, das war mein Job, das war mein Leben.« An man­chen Tagen blieb er im Bett oder betrank sich. Da war die Unter­stüt­zung sei­ner Gat­tin Lin­da – wie auch das Fami­li­en­le­ben mit den Kin­dern – für ihn von gro­ßer Bedeutung.

Mit Lin­da, die diver­se Key­boards spie­len lern­te und Har­mo­nien sang, grün­de­te Paul dann die Wings, zu denen auch Den­ny Lai­ne (Moo­dy Blues) und sonst wech­seln­de Musi­ker gehör­ten. Sie bestan­den zehn Jah­re und wur­den eine immer bes­se­re Live-Band. Auch nach den Beat­les hat Paul wun­der­ba­re Songs geschrie­ben wie »May­be I’m Ama­zed«, »Ano­t­her Day«, »Ram On« oder auch kom­mer­zi­el­le Hits wie »My Love«. Er hat famo­se Alben wie »Ram« und »Band On The Run« aus dem Ärmel geschüt­telt. Man­ches war aber doch medio­ker und wur­de von den Kri­ti­kern ver­ris­sen. Selbst John Len­non kri­ti­sier­te ihn zunächst, indem er sang: »The sound you make is muzak (Fahr­stuhl­mu­sik – T. G.) to my ears.« Für sie alle hat McCart­ney den Song »Sil­ly Love Songs« geschrie­ben, in dem er naiv fragt, was denn so schlecht dar­an sei, alber­ne Lie­bes­lie­der zu singen?

McCart­ney hat nach den Beat­les ver­sucht, mit dem poli­ti­schen Song: »Give Ire­land Back To The Irish« zu lan­den. Er ver­kauf­te sich weni­ger gut, wur­de aber in Irland eine Num­mer eins. Paul: »Vor die­ser Sin­gle dach­te ich immer: John hat den Ver­stand ver­lo­ren, wenn er all die­se poli­ti­schen Songs macht. Inzwi­schen ver­ste­he ich, dass es ihm ein ech­tes Anlie­gen ist.« Der USA-Rol­ling Stone schrieb 2012: »Ver­gleichs­wei­se kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen sind bei McCart­ney durch­aus nichts Unge­wöhn­li­ches. (…) Poli­tisch rechts steht er des­we­gen aber noch lan­ge nicht.«

Paul ist immer am Ball geblie­ben, hat eine Plat­te nach der ande­ren – ins­ge­samt 26 Stu­dio­al­ben (nach den Beat­les) – ver­öf­fent­licht, hat zwei Ora­to­ri­en, ein Orche­ster­werk und eine Bal­lett­mu­sik geschrieben.

Einen sehr schö­nen Geburts­tags­gruß bekam er übri­gens zum 65. von Bob Dyl­an. Die­ser schrieb: »Ich bewun­de­re McCart­ney. Er kann alles. Und er hat nie nach­ge­las­sen. Er hat Melo­die, er hat Rhyth­mus, er kann jedes Instru­ment spie­len. Er kann sich die See­le aus dem Leib schrei­en und eine Bal­la­de sin­gen, dass es dir das Herz zer­reißt. Und sei­ne Melo­dien kom­men so mühe­los daher, dass man nur stau­nen kann.«