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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Tod als Appetizer

Die alte Fra­ge stellt sich immer neu: Was wol­len wir essen und trin­ken? Zum Entree in das Jahr 2022, mit lau­ter Unbe­kann­ten, darf es gern was Def­ti­ges sein: mehr­gän­gig, mas­siv, tra­di­ti­ons­be­la­den. Für Nicht­ve­ge­ta­ri­er zudem unbe­dingt fleisch­lich. Das Rich­ti­ge geschrie­ben für die­sen Appe­tit hat der Gon­court-Preis gekrön­te Mathi­as Énard mit sei­nem Roman »Das Jah­res­ban­kett der Toten­grä­ber«.

Def­tig geht es eher auf dem Lan­de zu. Und da spielt der Roman: im West­poi­tou und in der benach­bar­ten Ven­dée, grob gesagt im Hin­ter­land von La Rochel­le. Dort­hin, genau­er in das Dörf­chen La Pierre-St. Chri­sto­phe, ver­schlägt es den Pari­ser Eth­no­lo­gen David Mazon. Sei­ne Dok­tor­ar­beit will er hier schrei­ben, und zwar über das Dorf und sei­ne Men­schen, in offen iro­ni­scher Par­al­le­le zu den »Pri­mi­ti­ven«, die die Anthro­po­lo­gie einst erfand, um über sie schrei­ben und dabei den eige­nen Kul­tur­zu­stand bespie­geln zu können.

Der Plot gibt dem Roman sei­ne Form. Ange­lehnt an Bro­nis­law Mali­now­skis berühm­tes Feld­ta­ge­buch bil­det ein Tage­buch den Rah­men etwa der knap­pen Hälf­te des Texts. Erst spät und uner­war­tet bricht Davids Tage­buch ab und geht in eine objek­ti­vie­ren­de, zugleich mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Erzäh­lung über, die den Haupt­teil bil­det. Er wird am Ende wie­der vom Tage­buch abgelöst.

Das Land­le­ben und sein dörf­li­ches Kon­zen­trat üben einen wach­sen­den Sog aus, auf den Erzäh­ler wie auf den Leser. Ob im Ang­ler­ca­fé das all­abend­lich glei­che Per­so­nal sich über die Dorf­din­ge updated, ob auf der Farm von Mat­hil­de und Gary, Davids Ver­mie­tern, der Reich­tum der Ern­te mit der Viel­zahl der dazu nöti­gen Ver­rich­tun­gen kon­kur­riert, ob die Gemü­se­bäue­rin Lucie ihre geschei­ter­te Ehe ver­daut, ob sie mit den im Dorf ton­an­ge­ben­den Vieh­züch­tern und Metz­gern ins Gehe­ge kommt – immer fühlt sich das Geschil­der­te prall an, ohne dass recht bese­hen viel pas­siert. Vor­la­ge des buko­lisch-bro­ka­te­nen Tableaus ist pas­sen­der Wei­se der Renais­sance­dich­ter Fran­cois Rabel­ais, den David im Tor­ni­ster mit durchs For­schungs­ge­län­de trägt, den er erzäh­le­risch nach­ahmt – und der für das Kern­stück, die knapp hun­dert­sei­ti­ge Fress- und Sauf­or­gie einer über­re­gio­na­len Toten­grä­be­r­in­nung, auf direk­te Wei­se den Inhalt lie­fert. Denn es wer­den Reden gehal­ten, wie üblich nach jedem Gang, von den übli­chen des Reden­kön­nens Ver­däch­ti­gen. Und die bedie­nen sich der Vor­la­gen aus Rabel­ais‘ mon­strö­sem Fabel­buch vom Rie­sen Gar­gan­tua und sei­nem Sohn Pan­ta­gru­el. Rabel­ais‘ Geschich­ten wer­den fort­ge­setzt, man lässt ihn und die schäu­men­de Frei­heits­pe­ri­ode des Post­mit­tel­al­ters wie­der­auf­er­ste­hen. Das ist ein Erzähl­pro­gramm, das nicht nur Spaß macht, son­dern auch Kon­ven­tio­nen umstürzt. Die fünf Sin­ne wer­den in alte Rech­te wie­der­ein­ge­setzt – Groß­stadt­ver­gan­gen­heit des Erzäh­lers hin, all­mäch­ti­ge Digi­ta­li­sie­rung her. Es wird gevö­gelt, gevöl­lert und geb­öl­lert, was Küche, Kel­ler, Schlaf­zim­mer und Arse­nal her­ge­ben, unschul­dig, soweit gro­ße Kin­der als schuld­un­fä­hig durchgehen.

Ein­wän­de gegen das Buch kön­nen auch gemacht wer­den. Der Fabu­lier­wil­le des Autors sprengt sich einen Weg frei ins Will­kür­li­che, wenn er sei­ne Figu­ren zu Zwi­schen­glie­dern von Inkar­na­ti­ons­ket­ten erklärt. So wird aus einem Prie­ster ein Wild­schwein, aus einer Bäue­rin das Pferd des Fran­ken­kö­nigs Chlod­wig und so wei­ter. Zeit­lich der­ge­stalt ent­grenzt beinhal­tet der Roman in der Fol­ge Schlach­ten­ge­mäl­de von eini­ger Kon­ven­tio­na­li­tät, pro­ble­ma­tisch, weil das Bun­te und Fre­che nun­mehr ver­schwimmt mit kru­den Gewalt­fan­ta­sien. Ande­rer­seits gelangt der Roman auf die Wei­se zu einer wich­ti­gen Aus­sa­ge: Das augen­blick­li­che Leben voll­zieht sich auf einem Fried­hof von Gewalt­op­fern, ist selbst vom Gift­gas einer gewalt­tä­ti­gen Geschich­te umge­ben und belastet.

Feh­len­de Ori­gi­na­li­tät könn­te man Énard eben­falls vor­wer­fen. Ein Jah­res­ban­kett von Toten­grä­bern hat vor weni­gen Jah­ren erst Erik Fos­nes Han­sen erzählt in dem Roman »Ein Hum­mer­le­ben« (der hier drin­gend emp­foh­len sei). Das Inein­an­der von Tod­ernst und Lebens­rausch gestal­tet Han­sen viel­schich­ti­ger. Ande­rer­seits schreit eine so unver­gess­li­che Sze­ne danach, von einem ande­ren Autor auf­ge­grif­fen zu wer­den; zu viel Poten­zi­al steckt in ihr. Énard macht sein Ban­kett zum kon­kur­renz­lo­sen Prunk­stück des Buchs, mehr noch durch die glanz­vol­le Rhe­to­rik der Toasts als durch die ver­füh­re­ri­sche Spei­sen­fol­ge. Das Reinkar­na­ti­ons­mo­tiv wirkt eben­falls über­nom­men, und zwar aus Mo Yans Haupt­werk »Der Über­druss« (aller­dick­ste Emp­feh­lung!). Und hier muss man sagen: Mo Yan macht es bes­ser, wenn er fern aller Belie­big­keit die Komik und Exzen­trik tie­ri­scher Prot­ago­ni­sten eben­so nutzt wie den Genera­tio­nen (ali­as Inkar­na­tio­nen) über­grei­fen­den Längs­schnitt durch die Geschich­te Rotchinas.

Trotz­dem ist ein veri­ta­bler Fest­bra­ten, was Énard uns da auf­tischt. Genie­ßen­de soll­ten ihn sich kei­nes­falls ver­sa­gen. Ihn auf­spa­ren ist auch kei­ne Opti­on: Eh man sich’s ver­sieht, ist Aschermittwoch.

Mathi­as Énard: Das Jah­res­ban­kett der Toten­grä­ber. Roman. Aus dem Fran­zö­si­schen von Hol­ger Fock und Sabi­ne Mül­ler. Han­ser Ber­lin, 2021. 481 S., 28 €.