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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Nato zündelt

Der Grü­nen-Außen­po­li­ti­ker O. Nou­ri­pour befür­wor­tet in einem Inter­view mit der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen am 12.12.2021 »die Sta­tio­nie­rung zusätz­li­cher Nato-Trup­pen an der Ost­flan­ke«, falls Russ­land angreift; in die­sem Fall sei­en »alle Optio­nen auf dem Tisch«. Es ist bekannt, dass die Nato eine Atom­macht ist. Hier von »allen Optio­nen« zu spre­chen, das eska­liert die Span­nun­gen in einer Atmo­sphä­re wie vor einem gro­ßen Krieg noch wei­ter als ohne­hin schon.

Hin­ter­grund der Dro­hung, die sich des Abschreckungs-Nar­ra­tivs der Nato bedient, ist die Nato-Ost­erwei­te­rung mit all ihren brand­ge­fähr­li­chen Kon­se­quen­zen. Basis der soge­nann­ten Logik der Abschreckung ist das Bild, dem­zu­fol­ge die abschrecken­de Nato die gute Kraft ist, wohin­ge­gen im Osten der Stö­ren­fried lau­ert, der die Guten zum Atom­krieg zwin­gen kann. Die Nato-affi­nen Poli­ti­ker, Mili­tärs und ihre Lob­by ver­brei­ten seit der Krim-Kri­se eine Dar­stel­lung, die den Sound der Vor­kriegs­pro­pa­gan­da annimmt. Mit der hal­ben Wahr­heit fokus­sie­ren sie auf einen Bild­aus­schnitt, der ein posi­ti­ves Licht auf die eige­nen Akteu­re wirft, und die Dämo­ni­sie­rung des Gegen­übers zielt dar­auf, dass die Öffent­lich­keit die Hoch­rü­stung und Span­nungs­es­ka­la­ti­on zumin­dest ach­sel­zuckend hinnimmt.

Das geht so weit, dass die Nato die Krim-Kri­se als Legi­ti­ma­ti­on für ihre Nukle­ar­rü­stung her­an­zieht, obwohl die Sta­tio­nie­rung der nach US-Gene­ral Cart­wright tech­nisch weit gebrauchs­fä­hi­ge­ren Nukle­ar­sy­ste­me, die unter ande­rem für den Stand­ort Büchel bei Koblenz pro­du­ziert wer­den, schon 2012 auf dem Nato-Gip­fel in Chi­ca­go beschlos­sen wur­de. Das Nar­ra­tiv, mit der Krim habe Russ­land als erster Staat die Gren­zen in Euro­pa nach dem Ende des zwei­ten Welt­krie­ges gewalt­sam ver­än­dert, über­geht die gewalt­sa­me Land­nah­me des Nato-Staa­tes Tür­kei auf Zypern, die fast ein hal­bes Jahr­hun­dert zurück­liegt und die von kei­nem Staat der Erde, außer der Tür­kei selbst aner­kannt ist.

Das Instru­ment der Benut­zung von Halb­wahr­hei­ten fin­det sich in der Nato-Pro­pa­gan­da da, wo sie sich die rus­si­schen Rechts­brü­che in der Krim-Kri­se her­aus­pickt, um Russ­land als Gefahr dar­zu­stel­len, und dabei die west­li­cher­seits zu ver­ant­wor­ten­den Rechts­brü­che in den Wochen zuvor ver­ges­sen macht: Bevor es zum Refe­ren­dum über den Sta­tus der Krim gekom­men war, wur­de in Kiew die pro-west­li­che »Über­gangs­re­gie­rung« Jatsen­juk mit einem Bruch der Ver­fas­sung installiert.

In der SundayTimes warf Gor­bat­schow dem Westen im Mai 2016 vor, den Zer­fall der Sowjet­uni­on beju­belt zu haben. Damals zitier­te ihn das ND im Arti­kel »Auch Gor­bat­schow hät­te die Krim geholt« wie folgt: »Sie waren nie rich­tig dar­an inter­es­siert, dass Russ­land eine sta­bi­le und star­ke Demo­kra­tie wird«. Er sah nicht in der Krim-Kri­se, son­dern in der »Über­heb­lich­keit Washing­tons« den Grund für die Abküh­lung zwi­schen dem Westen und Russland.

Die­se gefähr­li­che Arro­ganz des Westens offen­bar­te sich auch dar­an, dass man bei den Umtrie­ben, die den unde­mo­kra­ti­schen Regie­rungs­wech­sel in der Ukrai­ne beglei­te­ten, rechts­ex­tre­me Gewalt­ak­te zumin­dest hin­nahm. Das bekann­te­ste Ver­bre­chen die­ser Tage fand in der Hafen­stadt Odes­sa statt. Im dor­ti­gen Gewerk­schafts­haus kamen min­de­stens 46 Men­schen zu Tode, die vor rech­ten Pro­vo­ka­teu­ren Schutz gesucht hat­ten, ehe die­se ein Mas­sa­ker ver­üb­ten. Zur Bedeu­tung der Rech­ten sag­te der Ost­eu­ro­pa­ex­per­te Alex­an­der Rahr in der Sen­dung Pan­ora­ma vom 06.03.2014, der »rech­te Sek­tor war aus mei­ner Sicht ent­schei­dend für den Umsturz, weil er eine Orga­ni­sa­ti­on ist, die auch bereit war, in Kampf­hand­lun­gen mit den Poli­zi­sten, mit den Sicher­heits­kräf­ten ein­zu­tre­ten. Sie waren gut orga­ni­siert.« Dies ver­an­schau­lich­te der Pan­ora­ma-Berichts­text: »Von Anfang an spie­len auch rechts­ex­tre­me Kräf­te auf dem Mai­dan eine wich­ti­ge Rol­le: Die ultra­na­tio­na­li­sti­sche Par­tei Swo­bo­da (Frei­heit), die mit gut zehn Pro­zent der Stim­men in der Wer­chow­na Rada, dem ukrai­ni­schen Par­la­ment, sitzt, ist seit Beginn der Pro­te­ste ein wich­ti­ger Akteur.« Par­tei­chef Oleh Tjahny­bok schimpf­te einst über die »rus­sisch-jüdi­sche Mafia«, die die Ukrai­ne kon­trol­lie­re. »Doch neben Swo­bo­da sind auf dem Mai­dan sogar noch radi­ka­le­re Kräf­te aktiv: So zum Bei­spiel die zu allem ent­schlos­se­nen, para­mi­li­tä­risch orga­ni­sier­ten Grup­pen des ›Rech­ten Sek­tors‹. (…) Ihm gehö­ren vor allem Mit­glie­der neo­na­zi­sti­scher Ver­ei­ni­gun­gen an. Auf der Web­sei­te prah­len ein­zel­ne Mit­glie­der mit ihren angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen Kampf­erfah­run­gen in Tsche­tsche­ni­en oder im Koso­vo. (…) Für die Ver­trei­bung des alten Regimes Ende Febru­ar 2014 waren die auf den Bar­ri­ka­den meist an vor­der­ster Front kämp­fen­den Trup­pen des ›Rech­ten Sek­tors‹ mit ent­schei­dend. Dem­zu­fol­ge betrach­ten sie in ihrer eige­nen Pro­pa­gan­da die Ereig­nis­se auch als ihre ›natio­na­le Revolution‹.«

Im Waf­fen­ver­bund mit den Nazis waren auch US-Söld­ner-Trup­pen, die mit Blackwater/​Academi in Ver­bin­dung gebracht wur­den, wie es ein Deutsch­land­funk-Inter­view mit dem dama­li­gen Luxem­bur­gi­schen Außen­mi­ni­ster Jean Assel­born am 12. Mai 2014 offenbarte:

»dlf: Eine kur­ze Fra­ge noch zu einem ande­ren Aspekt die­ser Kri­se. Gestern gab es hier in Deutsch­land Berich­te dar­über, dass auf Sei­ten der ukrai­ni­schen Regie­rung meh­re­re hun­dert US-Söld­ner einer pri­va­ten Fir­ma arbei­ten. Wis­sen Sie was dar­über, und was hat das zu bedeu­ten, dass dort auf ein­mal mög­li­cher­wei­se US-ame­ri­ka­ni­sche Söld­ner auftauchen?

Assel­born: Ich weiß (…), dass in der Tran­si­ti­ons­pha­se alles gemacht wer­den muss aus Kiew, dass Dra­men wie Odes­sa, wo die Poli­zei total ver­sagt hat, dass man das ver­hin­dert und dass man auch, glau­be ich – und das ist wich­tig noch – die­ser Auf­ruf gemacht wird, dass mili­tä­ri­sche Ein­sät­ze von Kiew im Osten nicht offen­siv aus­ge­rich­tet sind, dass sie nur defen­siv, wenn es sein muss, aus­ge­rich­tet sind, und dass man auch ver­sucht, selbst­ver­ständ­lich in Kiew wirk­lich alles zu tun, damit die­ser Dia­log, den ich ange­deu­tet habe, statt­fin­den kann und dass man nicht mit Metho­den ope­riert, die an irgend­wel­che schlech­ten Erin­ne­run­gen erin­nern, die uns dar­an erin­nern, wie zum Bei­spiel in ande­ren Kriegs­ge­bie­ten – wir sind ja nicht in einem Kriegs­ge­biet –, in Afgha­ni­stan, in Irak oder irgend­wo anders, ope­riert wurde.«

Auch deut­sche Sol­da­ten unter­stütz­ten laut dem Redak­ti­ons­netz­werkDeutsch­land vom 4. Mai 2014 die ille­ga­le Über­gangs­re­gie­rung Jatsen­juk u. a. mit einer »Mis­si­on unter Lei­tung der Bun­des­wehr und auf Ein­la­dung des ukrai­ni­schen Regimes. Sol­che Inspek­tio­nen (…) haben nicht das brei­te Man­dat einer OSZE-Mis­si­on, son­dern sind unter den teil­neh­men­den Staa­ten selbst vereinbart.«

Wenn die Nato und wei­te­re west­li­che Mäch­te, dar­un­ter die Bun­des­re­gie­rung, ihre Vor­kriegs­pro­pa­gan­da gegen Russ­land wen­den, dann han­delt es sich um Manö­ver, die davon ablen­ken sol­len, dass es die Nato war und ist, die mit dem Risi­ko eines drit­ten gro­ßen Krie­ges in Euro­pa an der rus­si­schen West­gren­ze zün­delt. Und die bünd­nis­grü­ne Füh­rung, nun Teil der Ampel-Regie­rung, zün­delt dabei mit. Sie wider­spricht damit nicht nur der Grün­dungs­idee der Grü­nen als Kraft für Frie­den und Öko­lo­gie, sie wählt ihre Wor­te in brand­ge­fähr­li­cher Wei­se sogar eska­lie­ren­der als ande­re Nato-affi­ne Kräf­te. Die Frie­dens­be­we­gung tut gut dar­an, ohne fal­sche Hoff­nun­gen auf eine wohl­klin­gen­de Men­schen­rechts­rhe­to­rik wach­sam ins Jahr 2022 zu gehen.

Die US-Admi­ni­stra­ti­on der Regie­rung Biden deu­te­te aller­dings im Gespräch mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Putin an, dass die USA die Regie­rung in Kiew auf einen auto­no­men Sta­tus der öst­li­chen Don­bass-Regi­on ori­en­tie­ren wer­de. Dort lebt der domi­nant rus­sisch-spra­chi­ge Teil der Bevöl­ke­rung, und um die­ses Gebiet schwelt der immer wie­der gewalt­sam aus­ge­foch­te­ne Kon­flikt in der Ukraine.

Der von eini­gen Trans­at­lan­ti­kern ange­streb­te Nato-Bei­tritt der Ukrai­ne bleibt aller­dings ein wei­ter schwe­len­der Kon­flikt­punkt zwi­schen den USA und Russ­land. Die bri­ti­sche Außen­mi­ni­ste­rin Liz Truss twit­ter­te am 28.12.2021, sie habe in einem Tele­fo­nat mit dem Nato-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg das »aggres­si­ve Vor­ge­hen Russ­lands gegen die Ukrai­ne« dis­ku­tiert. Sie sei sich mit Herrn Stol­ten­berg einig gewe­sen, dass die Nato die Ukrai­ne »ent­schlos­sen unter­stützt«. Ihr Hin­weis, die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne sei zu berück­sich­ti­gen, bezog sich auch auf den Beschluss des ukrai­ni­schen Par­la­ments vom 8. Juni 2021, eine Mit­glied­schaft der Ukrai­ne in der Nato zur Prio­ri­tät der ukrai­ni­schen Außen­po­li­tik zu erhe­ben. Der ukrai­ni­sche Außen­mi­ni­ster Dmitri Kule­ba hat­te kürz­lich erklärt, dass weder die Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch die Nato die For­de­rung Russ­lands, die Nato-Ost­erwei­te­rung zu stop­pen, akzep­tie­ren würden.

Russ­land hat­te unter Ver­weis auf die Ver­spre­chen der Außen­mi­ni­ster der USA und Deutsch­lands wäh­rend der Ver­hand­lun­gen zum Bei­tritt der DDR zum Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes, die Nato wer­de sich nicht nach Osten hin aus­wei­ten, ver­langt, dass Sicher­heits­ga­ran­tien der Nato einen Bei­tritt der Ukrai­ne aus­schlie­ßen. Das konn­ten die damals Ver­ant­wort­li­chen offen­bar durch­aus nach­voll­zie­hen. So schrieb der ehe­ma­li­ge US-Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster McNa­ma­ra 1997 in einem Brief an den dama­li­gen US-Prä­si­den­ten Bill Clin­ton: »Wir glau­ben, dass eine wei­te­re Nato-Ost­erwei­te­rung die Sicher­heit unse­rer Alli­ier­ten gefähr­den und die Sta­bi­li­tät in Euro­pa erschüt­tern könn­te.« Eben­falls 1997 schrieb der US-Diplo­mat und Histo­ri­ker Geor­ge F. Kennan: »Es wäre der ver­häng­nis­voll­ste Feh­ler ame­ri­ka­ni­scher Poli­tik in der Zeit nach dem Kal­ten Krieg, die Nato bis zu den Gren­zen Russ­lands auszuweiten.«

Die­se Wor­te gewin­nen in der aktu­ell zuge­spitz­ten Lage eine weit­sich­ti­ge Bri­sanz. Die Frie­dens­be­we­gung ist gefor­dert, der Nato-Pro­pa­gan­da Auf­klä­rung über die rea­len Abläu­fe ent­ge­gen­zu­set­zen, um Schlim­me­res zu ver­hin­dern. Im Atom­zeit­al­ter hat Poli­tik die prio­ri­tä­re Auf­ga­be, den Frie­den zu erhal­ten, um eine Aus­sicht auf die Über­win­dung der Zukunfts­ge­fähr­dun­gen zu eröffnen.