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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Obskurer Untergrund in Braun

Seit Jahr­hun­der­ten glau­ben Men­schen Horo­sko­pen, die aus der Stel­lung der Gestir­ne Pro­phe­zei­un­gen für den Ein­zel­nen her­lei­ten. Das geschieht in Wider­spruch zu jeder zuver­läs­si­gen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis. Eben­so ist die Gewiss­heit derer unwis­sen­schaft­lich, ja obskur, die als Quer­den­ker und Impf­geg­ner durch die Lan­de zie­hen. Es gibt die­se Men­schen in gro­ßer Zahl. Selbst in Gegen­den, wo lan­ge eine wis­sen­schaft­li­che Welt­an­schau­ung vor­herr­schend war, im Osten Deutsch­lands, stirbt die­ser Obsku­ran­tis­mus nicht aus, son­dern erhält aktu­el­le Nah­rung durch Gerüch­te und nicht ver­ar­bei­te­te Ideo­lo­gien aus der Zeit vor 1945 (ich ver­wen­de nicht den Begriff von der »Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie«, denn Ver­schwö­run­gen gab es wirk­lich, so jene, über die 1946 in Nürn­berg gerich­tet wur­de). Über das Jahr 1945 und den Bewusst­seins­stand der Deut­schen schrieb Franz Josef Degen­hardt: »Und als von tau­send Jah­ren /​ nur elf ver­gan­gen waren /​ im letz­ten Jahr vom Krieg /​ da lag die Welt in Scher­ben /​ und Deutsch­land lag im Ster­ben /​ und schrie noch Heil und Sieg.« Vie­le bele­ben die­ses »Heil und Sieg« wieder.

Eine Stu­die von Mar­tin C. Win­ter behan­delt auch die Nach­ge­schich­te der Mas­sen­ver­bre­chen von 1945 vor der Haus­tür der Bevöl­ke­rung. In sei­nem Buch »Gewalt und Erin­ne­rung im länd­li­chen Raum – Die deut­sche Bevöl­ke­rung und die Todes­mär­sche« berich­tet er über die zumeist geschei­ter­te juri­sti­sche Ahn­dung durch die alli­ier­te und west­deut­sche Justiz. Die Erin­ne­rungs­ar­beit der Opfer­ver­bän­de, auch der VVN, setz­te zwar früh ein, jene der Behör­den und der Ein­rich­tun­gen des Bil­dungs­we­sens sehr spät. So war es im Westen.

Nicht über­se­hen wer­den darf jedoch: In bei­den deut­schen Staa­ten blieb die Mit­schuld der »klei­nen Leu­te« zumeist unbe­ach­tet. In der Erin­ne­rungs­ar­beit an die Todes­mär­sche lag aller­dings die DDR vorn, das geht aus der Stu­die Win­ters her­vor. Betont wur­de dort die Rol­le der den Nazi­op­fern hel­fen­den Anti­fa­schi­sten – wenn es die gab, und es gab sie. Freie Deut­sche Jugend und Jun­ge Pio­nie­re, gan­ze Schu­len, gin­gen den Weg der Todes­mär­sche nach, leg­ten Blu­men nie­der, wo der Staat Gedenk­stei­ne errich­tet hat­te. Sie schrie­ben Gedenk­bü­cher und spra­chen mit jenen, die nun alt waren, in ihrer Jugend aber Soli­da­ri­tät orga­ni­sier­ten. Eine sol­che freund­li­che Behand­lung des The­mas »ver­ord­ne­ter Anti­fa­schis­mus«, wie sie Win­ter vor­nimmt, war bis­her unbe­kannt. Egon Krenz, der ehe­ma­li­ge Pio­nier- und FDJ-Vor­sit­zen­de, resü­mier­te in einer Mail an mich: »Die Todes­mär­sche spiel­ten in der Pfle­ge der anti­fa­schi­sti­schen Tra­di­tio­nen der DDR eine sehr gro­ße Rol­le. Die FDJ und ihre Pio­nier­or­ga­ni­sa­ti­on haben da vie­le und viel­fäl­ti­ge Ideen ver­wirk­licht« (so zitie­re ich es in unse­rem Buch »Mör­de­ri­sches Fina­le – NS-Ver­bre­chen bei Kriegs­en­de 1945«, Köln 2020).

Doch weder in Win­ters noch in unse­rem Buch wird über­se­hen, was die FDJ und die Gedenk­ar­beit der DDR über­sah: Es gab nicht nur die Wider­stands­kämp­fer, die z. B. den Opfern auf den Todes­mär­schen hal­fen; Es gab vor allem die »klei­nen Leu­te« in ganz Deutsch­land, die den Opfern feind­se­lig gegen­über­tra­ten, sich an den »Hasen­jag­den« auf Flie­hen­de betei­lig­ten, ja sogar zu Mör­dern wurden.

Die faschi­sti­sche Gesin­nung war tief ver­an­kert. In ihrem ersten Auf­ruf nach dem Krieg erklär­te die KPD am 11. Juni 1945, es müs­se »in jedem deut­schen Men­schen das Bewusst­sein und die Scham bren­nen, dass das deut­sche Volk einen bedeu­ten­den Teil der Mit­schuld und Mit­ver­ant­wor­tung für den Krieg und sei­ne Fol­gen trägt«; brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten hät­ten »das ele­men­ta­re Gefühl für Anstand und Gerech­tig­keit ver­lo­ren« und sei­en Hit­ler gefolgt.

In der DDR wur­de oft davon gespro­chen, man habe den Schutt aus den Städ­ten wie aus den Köp­fen zu besei­ti­gen. Aber wie ging das vor sich? Wur­de nicht dem Volk Abso­lu­ti­on erteilt? Alle waren nun gute Bür­ger des anti­fa­schi­sti­schen Staa­tes? Hat man die Mör­der aus den Rei­hen der »klei­nen Leu­te« auf­ge­spürt? Die­se erstarr­ten doch kurz zuvor viel­fach in größ­ter Furcht vor dem Kriegs­en­de. Es lag die Furcht vor dem vor, was ein Wil­helm Brink­mann aus Dort­mund-Apler­beck geschrie­ben hat. Er berich­te­te sei­ner Frau im April 1944 von der »Par­ti­sa­nen­jagd« und vom Ver­schlep­pen von Zivi­li­sten. »Ich habe viel Elend und man­che Trä­ne gese­hen. Wenn der Krieg ver­lo­ren gehen soll­te, dann sehe ich sehr schwarz, denn die ande­ren machen es eben­so.« Es waren unse­re lie­ben Nach­barn, von denen vie­le von der Angst getrie­ben han­del­ten: Wenn die ehe­ma­li­gen Gefan­ge­nen nun uns das antun, was wir ihnen und ihren Lands­leu­ten anta­ten – dann Gna­de uns Gott.

An die­ser Stel­le ist an den Mas­sen­sui­zid von Dem­min zu erin­nern. Das war eine Mas­sen­selbst­tö­tung von nahe­zu ein­tau­send Zivi­li­sten, die sich in der vor­pom­mer­schen Klein­stadt Dem­min zwi­schen dem 30. April und dem 5. Mai 1945 ereig­ne­te, als die Rote Armee kurz vor Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges den Ort erreichte.

Vor­her hat­te sich dort wie über­all in Deutsch­land eine gro­ße Mas­se aus Hit­ler­ju­gend und Volks­sturm unter Füh­rung ört­li­cher NSDAP-Grö­ßen als Mord­ge­hil­fen der SS betä­tigt. Dies sich vor Augen füh­rend, wird erkenn­bar, mit wel­chen Leu­ten wir es in den Jah­ren nach 1945 zu tun hat­ten. Nicht alles, was damals in den Köp­fen der Leu­te steck­te, ist heu­te über­wun­den, vie­les wird in Kri­sen­zei­ten reak­ti­viert. Und zwar im Osten Deutsch­lands mehr als im Westen. In der BRD war die­se Erin­ne­rung nie ganz ver­schüt­tet, es brauch­te kei­ne AfD, sie her­vor­zu­keh­ren; es gab schon früh die CDU, die FDP, die Deut­sche Par­tei, den Bund Hei­mat­ver­trie­be­ner und Entrechteter.

Wie sieht es im Osten aus? Dort sieht der aktu­el­le faschi­sti­sche Füh­rer der AfD, Björn Höcke, bereits das Feu­er des Faschis­mus sich neu ent­fa­chen, nach­dem trotz rea­lem Sozia­lis­mus und Grund­ge­setz der Nazi­bo­den­satz erhal­ten geblie­ben sei: »Wir wer­den auf jeden Fall alles tun, um aus die­ser Lebens­glut, die sich unter vier­zig Jah­ren kom­mu­ni­sti­scher Bevor­mun­dung erhal­ten hat und der auch der schar­fe Wind des nach­fol­gen­den kapi­ta­li­sti­schen Umbaus nichts anha­ben konn­te, wie­der ein leben­di­ges Feu­er her­vor­schla­gen zu las­sen« (lt. Süd­deut­scheZei­tung, 27.03.2020)

Der Füh­rer hat­te es ähn­li­ches vor­aus­ge­se­hen. Adolf Hit­ler hat in sei­nem Testa­ment vom 29. April 1945, kurz vor sei­nem Selbst­mord, das »Opfer unse­rer Sol­da­ten« als Kraft­quell dafür bezeich­net, dass »in der deut­schen Geschich­te so oder so ein­mal wie­der der Samen auf­ge­hen (wird) zur strah­len­den Wie­der­ge­burt der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Bewe­gung und damit zur Ver­wirk­li­chung einer wah­ren Volks­ge­mein­schaft«. Josef Goe­b­bels, der NS-Pro­pa­g­an­da­chef, wuss­te gar, wann das sein wird. Er schrieb am 25. April 1945 in sein Tage­buch: »In fünf Jah­ren spä­te­stens ist der Füh­rer eine legen­dä­re Per­sön­lich­keit und der Natio­nal­so­zia­lis­mus ein Mythos«.

Nun hat es nicht fünf Jah­re, son­dern 75 Jah­re gedau­ert, bis bei vie­len das »leben­di­ge« Feu­er des Faschis­mus wie­der »her­vor­schlägt« und ein ver­zwei­fel­ter Obsku­ran­tis­mus sich ultra­rechts Bahn bricht.

Nach­ge­hol­fen wird mit­tels Struk­tu­ren, die im Ver­bor­ge­nen wirk­ten. Die­se gehen auf den Herbst 1944 zurück, da Ver­tre­ter der SS und gro­ßer Kon­zer­ne auf einem Geheim­tref­fen in Straß­burg beschlos­sen: Wir legen eine Kas­se an, damit die Fort­füh­rung der Nazi-Par­tei eine Per­spek­ti­ve hat (Juli­us Mader: »Der Ban­di­ten­schatz«, Ber­lin 1966). Noch reicht Höcke nicht der Deut­schen Bank und Rhein­me­tall die Hand – oder umge­kehrt. Doch wenn die umfas­sen­de Kri­se anders nicht über­wun­den wer­den kann, ist auch das Bünd­nis der öko­no­mi­schen Eli­ten mit den Rechts­au­ßen wie­der denk­bar. Und die Wahl von Fried­rich Merz zum CDU-Vor­sit­zen­den – mit über­wäl­ti­gen­der Stim­men­zahl – ist auch kein Signal gegen Rechts­au­ßen und gegen das gro­ße Kapi­tal. Der Mul­ti­mil­lio­när, Ex-Black­Rock-Chef mit vie­len Auf­sichts­rats­po­sten, rückt inhalt­lich an die AfD her­an, die er in das Bun­des­tags­prä­si­di­um wäh­len und die er offen­bar durch Über­nah­me rech­ter Posi­tio­nen »ent­zau­bern« will.