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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Allzu freie Demokraten

Stutt­gart besitzt einen deso­la­ten Haupt­bahn­hof als Dau­er­bau­stel­le. Das Opern­haus mutier­te beim Tra­di­ti­ons­tref­fen der FDP am Tag der Hei­li­gen Drei Köni­ge digi­tal für eine Stun­de zur Hall of Fame für den Grals­hü­ter bun­des-föde­ra­ler Frei­heit: Chri­sti­an Lind­ner. Der Schat­ten­kanz­ler von eige­nen Gna­den, der alles bis­her Gewohn­te die­ser Wan­kel­par­tei über­trof­fen hat­te, muss­te sich mit einer ein­stün­di­gen Kund­ge­bung im publi­kums­frei­en Opern­haus begnü­gen. Coro­na kann­te kei­nen Par­don für den Mann, der stren­gen Blickes wochen­lang mit staats­män­ni­scher Atti­tü­de Ampel­re­geln im Koali­ti­ons­po­ker vor­ge­ge­ben hat­te. Zu sei­ner natür­li­chen Befä­hi­gung als intel­lek­tu­el­ler Über­flie­ger ward ihm näm­lich in Wehr­übun­gen des Luft­waf­fen­füh­rungs­kom­man­dos Köln-Wahn prak­ti­sche Erfah­rung als Ein­satz­ta­ge­buch­füh­rer zuteilgeworden.

Bei der Jamai­ka-Kun­ge­lei vor vier Jah­ren, nach dem Wie­der­ein­zug der FDP in den Bun­des­tag, hat­te der Mann erfolgs­du­se­lig zu hoch gepo­kert. Die zu spä­te Erkennt­nis: »Mit knapp 11 Pro­zent kann man nicht den Kurs einer gan­zen Repu­blik dik­tie­ren«. Die Nie­der­la­ge falsch­münz­te er flugs ins Posi­ti­ve: »Es ist bes­ser, nicht zu regie­ren, als falsch zu regie­re«. Heu­er fehl­te es im Vor­feld an Fan­ta­sie für eine Ampel­ko­ali­ti­on sowie erneut an gewich­ten­den Pro­zen­ten. Des­halb wur­de ein Spek­ta­kel nach alt­rö­mi­scher Art insze­niert: divi­de et impera!

Zuerst Schmu­se­kurs mit den Grü­nen. Deren Spit­zen­per­so­nal ent­le­dig­te sich anstands­los jeg­li­cher Beden­ken. Der auto­ri­tä­re Regis­seur und die Gespie­len zink­ten die Kar­ten nach Belie­ben. Zu spä­te­ren Mee­tings der Drei­farbal­li­anz erschien im Pulk der Erb­fol­ger von Ange­la Mer­kel immer erho­be­nen Haup­tes und for­schen Schritts: der Gla­dia­tor der Frei­de­mo­kra­ten. Mit mage­ren 11,5 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men, mar­gi­na­len 0,8 Punk­ten mehr als 2017, obsieg­te er schein­bar im Nach­gang über die SPD mit deren 25,7 Pro­zent. Ver­kehr­te Welt war ange­sagt. Das Wahl­volk bekam wort­schwal­li­ge State­ments als Stra­fe. Unwort des Jah­res ob des uner­träg­li­chen Dau­erge­brauchs: Her­aus­for­de­run­gen.

Han­sea­tisch gepräg­te Gelas­sen­heit bewies Poker­face Olaf Scholz. Der Kanz­ler in spe mit Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz laut GG und die gan­ze SPD öffent­lich gedeppt? Ein bun­des­ge­schicht­lich ein­ma­li­ger Affront. Ger­hard Schrö­der und selbst ein Gemüts­mensch wie Kurt Beck hät­ten garan­tiert dra­stisch reagiert. Statt­des­sen pure sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Freu­de und Einig­keit aller Getreu­en sowie der etwai­gen grün-gel­ben Mit­re­gie­rer nach außen. Das mach­te skeptisch!

Schließ­lich die wort­kar­ge Bot­schaft: Mehr Fort­schritt wagen mit ver­schwur­bel­ten Ver­hei­ßun­gen (sie­he Bernd Traut­vet­ter »Zum Koali­ti­ons­ver­trag«, in Ossietzky 24/​2021). War der SPD als Koali­ti­ons­part­ner in den letz­ten Jahr­zehn­ten nicht hin­rei­chend Gele­gen­heit gege­ben, Fort­schrit­te zu bewir­ken? Das Gegen­teil befeu­er­te zuletzt ihr Außen­mi­ni­ster Hei­ko Maas hin­rei­chend. Scholz selbst hat­te sich längst sei­ner Juso-Ver­gan­gen­heit ent­le­digt. Das waren noch Zei­ten, als er gegen Nato und Rüstung und Kapi­ta­lis­mus auf­muck­te. Anna­le­na Baer­bock will den bis­he­ri­gen russo­pho­ben Kurs top­pen. Ihren ersten Auf­tritt in Paris nutz­te sie, um Russ­land im Fal­le einer Eska­la­ti­on im Ukrai­ne-Kon­flikt mit schwe­ren Fol­gen zu dro­hen. Die Nato und Kiew wären die rich­ti­ge Adres­se gewe­sen. Noch vor ihrem offi­zi­el­len Amts­an­tritt kün­dig­te sie här­te­re Maß­nah­men gegen die Volks­re­pu­blik Chi­na an, einen Olym­pia-Boy­kott der Pekin­ger Win­ter­spie­le inklusive.

Dem durch die vier­te unbe­herrsch­te Coro­na-Wel­le schwer gebeu­tel­ten Land bleibt nichts erspart. The Show must go on. Das farb­ge­misch­te Koali­ti­ons­pa­pier seg­ne­ten Son­der­par­tei­ta­ge von SPD und FDP ab. Sonst Dik­ta­tu­ren zuge­ord­ne­te Pro­zent­mehr­hei­ten sowie das dürf­ti­ge grü­ne Mit­glie­der­vo­tum hei­lig­ten das Maxi­mum des klein­sten gemein­sa­men Nen­ners. Nach der Unter­zeich­nung blitz­te beim FDP-Chef auf der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz kurz der Oppo­si­tio­nel­le mit Ver­weis auf Leit­plan­ken durch, um Steu­er­erhö­hun­gen zu ver­mei­den und ab 2023 wie­der die Schul­den­brem­se anzu­zie­hen. Der Sozi­al­brem­ser im Ori­gi­nal­ton: »Die Frei­en Demo­kra­ten ste­hen nicht für einen Links­ruck in Deutsch­land zur Ver­fü­gung, weil wir bereits sehr viel lin­ke Poli­tik in unse­rem Land haben.«

Wer­den jetzt alle Kanz­ler­blü­ten­träu­me samt grü­ner Gar­ni­tur am Spar­tropf ver­dor­ren? Ein weich­ge­spül­ter, sich in Demut üben­der Lind­ner fand loben­de Wor­te für den bis­he­ri­gen Chef über die Bun­des­fi­nan­zen: Die Finanz­pla­nung sei »vor­aus­schau­end« gewe­sen. Jetzt spä­te­stens wird klar, wes­halb sich Olaf Scholz in Wire-Card-Gelas­sen­heit und Cum-Ex-Geduld übte. Sein Insi­der­wis­sen ist der Joker schlecht­hin. Als Vize­kanz­ler und Vor­gän­ger im Amt kennt er sich bestens mit der Kon­trol­le über die Finanz­spiel­räu­me prak­tisch aller ande­ren Mini­ste­ri­en aus, ein­schließ­lich der Inve­sti­tio­nen. Auf den neu­en spar­fuch­si­gen Macht­ha­ber, der sozu­sa­gen im Blind­flug in der Wil­helm-Stra­ße lan­de­te, kom­men har­te Zei­ten der Erkennt­nis am Kanz­ler­tisch zu. Alle gegen einen und alle gegen jede*n.

Ein spek­ta­ku­lä­res Sanie­rungs­wun­der wäre z. B. eine jähr­li­che Kür­zung des Wehr­etats um 20 Pro­zent (wir wol­len es ja nicht gleich über­trei­ben!). Der Gar­aus für das teu­re bonn-ber­li­ni­sche Spek­ta­kel von Dop­pel­mi­ni­ste­ri­en wäre ein wei­te­res Pfund, mit dem zu wuchern wäre. Selbst im Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten hat­te bis­lang nie­mand die Idee, Mini­ste­ri­en außer­halb von Washing­ton in June­au, New Orleans oder auf Hawaii anzu­sie­deln. Aber zu sol­chen Ein­spa­run­gen wird sich der ober­ste Haus­häl­ter natür­lich nie her­ge­ben. Sie wären in FDP-Les­art frei­heits­be­droh­lich für Waf­fen­schmie­den wie Rhein­me­tall & Co. sowie den pri­vi­le­gier­ten Rei­se­ver­kehr von Staats­die­nern zwi­schen Spree und Rhein.

Im Bun­des­tag gin­gen nach alt­her­ge­brach­ter Pro­ze­dur des GG Art 64 Kanz­ler­wahl und Inthro­ni­sa­ti­on samt Eid nach GG Arti­kel 56 über die Büh­ne. Die heh­ren Wor­te waren zum 25. Mal von einer Regie­rungs­rie­ge zu hören. Rea­li­ter wären sämt­li­che die­ser Zere­mo­nien total ver­zicht­bar. Die lila Tages­pa­ro­le des FDP-Son­der­par­tei­ta­ges als Marsch­be­fehl wür­de völ­lig rei­chen: Fan­gen wir an. Denn für staats­kon­for­me (Mein)Eide exi­stie­ren im wah­ren Leben hilf­rei­che Geset­zes­lücken. Sämt­li­che Amts­ei­de, die das deut­sche öffent­li­che Recht vor­sieht, sind nicht straf­be­wehrt. Selbst bei einer offen­sicht­lich fol­gen­schwe­ren Ver­let­zung der über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen kann in Deutsch­land nie­mand zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Das Regie­rungs­ver­sa­gen in der Coro­na-Pan­de­mie koste­te bis­lang über 102.000 Mit­men­schen das Leben. Die Todes­zahl ent­spricht zur­zeit etwa der Ein­woh­ner­zahl von Koblenz oder Jena. Eine maka­bre Bilanz für die Ex-Regie­rung, die für die­sen Eid nicht ein­stand bzw. nur unzu­läng­lich han­del­te. Die FDP war als Oppo­si­ti­on (!) betei­ligt, da sie die Recht­mä­ßig­keit der Bun­des­not­brem­se in Zwei­fel zog, in Karls­ru­he klag­te, so die Zöger­lich­keit beför­der­te. Sie hat das Desa­ster mit zu ver­ant­wor­ten. Bei ihr gilt das Dog­ma: In dubio pro Gesetz – con­tra Leben!

Wer motz­te daher sofort gegen das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts? Der desi­gnier­te Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ster Dr. jur. Mar­co Busch­mann. Von die­sem Jün­ger Justi­ti­as dürf­te eini­ges zu erwar­ten sein. FDP-Par­tei­vi­ze Wolf­gang Kubicki wie­der­um oppo­nier­te gegen die all­ge­mei­ne Impf­pflicht, die er einen tie­fen Grund­rechts­ein­griff nann­te. Sei­ner abstru­sen Logik zufol­ge müss­ten die Mini­ster­prä­si­den­ten Söder und Kret­sch­mann unver­züg­lich vom Ver­fas­sungs­schutz obser­viert wer­den. Sie haben die­se Impf­pflicht öffent­lich gefor­dert, offen­sicht­lich gemein­sam eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung gebil­det und sich als Gefähr­der der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung geoutet.

Das frei­de­mo­kra­ti­sche Spit­zen­per­so­nal demon­tiert sich nach wie vor am lieb­sten selbst. Erin­nern wir uns kurz des Pol­itall­tags der Bon­ner Repu­blik. Die FDP rühm­te sich, Züng­lein an der Waa­ge zu sein, und wech­sel­te belie­big die Sei­ten. Die Licht­ge­stalt Erich Men­de ließ sich vom Alt­li­be­ra­len Theo­dor Heuss, wohl­ge­merkt erster Bun­des­prä­si­dent, ermun­tern, das Nazi-Rit­ter­kreuz wie­der öffent­lich zu tra­gen. M. ver­wei­ger­te sich dann der Brandt´schen Ost­po­li­tik, brach sein schrift­lich gege­be­nes Ehren­wort und wech­sel­te samt FDP-Man­dat zur CDU.

Äußerst dubi­os wur­de 1990 bei der »Ver­ei­ni­gung« mit den Ost-Libe­ra­len deren Mit­glie­der­plus per Stimm­schlüs­sel in eine Mehr­heit für die schwach­brü­sti­ge Alt-FDP mani­pu­liert. Eigent­li­ches Traum­ziel war der Markt­wert an Grund­stücken und Ver­mö­gen, den die vor­ma­li­ge LDPD als Bund Frei­er Demo­kra­ten aus­wies. Die Sei­fen­bla­se platz­te. Damals wur­de eben­falls viel von Frei­heit gere­det, weni­ger von Demo­kra­tie. Im Osten schmolz dar­ob die Mit­glie­der­zahl wie­der rasch dahin. Sie bleibt mit 75.000 gesamt­deutsch beschei­den. Nur staat­li­che Zuschüs­se mit 15.694.937 Euro aus unser aller Steu­er­geld sowie Groß­spen­den hal­ten die Par­tei finan­zi­ell am Leben. Das Wahl­jahr 2021 beför­der­te die FDP mit 3,7 Mil­lio­nen Euro Spen­den zum unan­ge­foch­te­nen Spit­zen­rei­ter. Ein Schelm, der Schlech­tes über Spen­der und Emp­fän­ger denkt.

Es hat den Anschein, dass (frei nach Brecht) die Mühen der Ebe­nen bewäl­tigt sind. Die Mühen der Ber­ge wer­den zei­gen, ob die Seil­schaft durchhält.

Eine nor­ma­le Ampel an der Stra­ße zeigt übri­gens nur kurz­zei­tig gelb …

Freie Demo­kra­tie, gibt es sie über­haupt? Laut Schwa­ben­sen­der Kil­les­berg im Prin­zip scho’. Vor­be­halt­lich Caputh I »Deutsch­land – Ein Win­ter­mär­chen« des Herrn Dr. jur. Hein­rich Hei­ne und bun­des­deut­scher Verfasstheiten.