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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Wir waren zu dumm …«

»Ler­ne, ler­ne, ler­ne«, das waren die Wor­te, mit denen mich übli­cher­wei­se mein Groß­va­ter ver­ab­schie­de­te, wenn ich gemein­sam mit mei­nem Stu­di­en­freund Sonn­tag­abends ins süd­hes­si­sche Darm­stadt auf­brach. Die näch­ste Stu­di­en­wo­che war­te­te; oft muss­ten noch Übun­gen ver­voll­stän­digt wer­den – aber manch­mal hat­ten wir auch noch Zeit, den spä­ten Sonn­tag­abend in einer nahe der »Oran­ge­rie« gele­ge­nen Knei­pe zu dis­ku­tie­ren oder ein­fach abzuhängen.

Mein Groß­va­ter war ein stil­ler, etwas hage­rer Mensch, der ursprüng­lich den Schrei­n­er­be­ruf erlernt hat­te. Nach 8 Jah­ren Kriegs­ge­fan­gen­schaft auf der Krim kam er schließ­lich zu sei­ner Frau zurück – der gemein­sa­me Sohn (mein Vater) war inzwi­schen 12 Jah­re; er hat­te aber bei der Wie­der­be­geg­nung kei­ne Erin­ne­rung mehr an mei­nen Groß­va­ter. Über den Krieg hat Groß­va­ter nie mehr gere­det; mei­ne Groß­mutter mein­te ein­mal, sie hät­ten über die gan­ze Gefan­gen­schaft – wenn über­haupt – nur wäss­ri­ge Toma­ten­sup­pe in ihre Blech­tas­sen geschüt­tet bekom­men. Mein Groß­va­ter hat­te als Kind eine eher kra­ke­li­ge Schrift, wes­halb er in die letz­te Bank in der Dorf­schu­le ver­wie­sen wur­de. Zwar konn­te er aus­ge­zeich­net rech­nen, aber sein Wesen war – da er von zier­li­cher Sta­tur und eher den klei­nen Din­gen zuge­wandt war – nicht dazu geeig­net, ihn in die Rei­hen der Lieb­lings­schü­ler auf­rücken zu lassen.

Mein Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits war in Nor­we­gen gelan­det – in einem Dorf jen­seits des Auf­merk­sam­keits­ho­ri­zon­tes der Kom­man­die­ren­den. Sie hat­ten es irgend­wie geschafft, so zu tun, als wäre kein Krieg. Freund­schaf­ten ent­stan­den, und der Sohn der Fami­lie, wo die­ser Groß­va­ter sich selbst sta­tio­niert hat­te, kam bald nach dem Krieg als Gast in unser hes­si­sches Bau­ern­dorf, das ihm als Basis­la­ger dien­te, um von dort aus sein Stu­di­um in Hei­del­berg zu betreiben.

Aber dann hat­te ich mei­nen väter­li­chen Groß­va­ter doch ein­mal nach dem Krieg gefragt; auf der Trep­pe, er war inzwi­schen pen­sio­niert. Er schau­te mich mit etwas glä­ser­nen Augen an und blick­te dann aus dem Fen­ster – lan­ge. Dann sag­te er die­se Wor­te zu mir: »Wir waren zu dumm …«

Er war inzwi­schen prä­mier­ter Tau­ben­züch­ter und hat­te den Tau­ben einen geräu­mi­gen Schlag über sei­ner Werk­statt gezim­mert. Oft ging ich mit ihm abends zum Füt­tern – da zeig­te er mir die Geheim­nis­se sei­nes Zucht­er­folgs. Neben Kräu­tern und ande­rem Aller­lei misch­te er den Kör­nern immer ein paar Trop­fen selbst­ge­mach­ten Sirup bei – davon gab es dann für uns bei­de auch immer einen Löf­fel. Auch wur­de er zu einem gern gemoch­ten Sän­ger – hat­te er doch schon als Jun­ge neben den Zah­len auch die Noten lesen gelernt.

Inzwi­schen hat­te ich eini­ges in Erfah­rung gebracht; ins­be­son­de­re, wie schnell die – teils her­kom­man­dier­ten – Nazi-Anhän­ger in unse­rem klei­nen Dorf damals die Ober­hand gewan­nen. Dann kam der Krieg, und nach Kriegs­en­de rege­ne­rier­te sich das Dorf haupt­säch­lich in Eigenregie.

Erst über 30 Jah­re nach mei­nem Gespräch mit mei­nem Groß­va­ter auf der Trep­pe – bei­de Groß­vä­ter sind lan­ge gestor­ben – bringt mich der dama­li­ge Rade­beu­ler Pfar­rer Micha­el Schlei­nitz in Berüh­rung mit Arbei­ten von Diet­rich Bon­hoef­fer. In dem Essay »Nach Zehn Jah­ren« – der wie durch ein Wun­der im Dach ver­steckt von den Durch­su­chun­gen der Gesta­po unent­deckt blieb – ent­wickelt Bon­hoef­fer eine tief­ge­hen­de Deu­tung von dem, was er als »Dumm­heit« bezeich­net. Er beschreibt, wie sich Macht, Ein­fluss und Kon­trol­le dadurch mani­fe­stie­ren, indem durch ein spe­zi­fi­sches Ver­hal­ten ande­re Men­schen qua­si »infi­ziert« wer­den. Jede äuße­re Macht­ent­fal­tung, sei sie poli­ti­scher oder reli­giö­ser Natur, schlägt die Men­schen mit Dumm­heit. Dar­in sind auch intel­lek­tu­el­le Men­schen ein­ge­schlos­sen, die dadurch sogar eine außer­or­dent­li­che Beweg­lich­keit ent­wickeln kön­nen. Kei­ne der neue­ren Wis­sen­schaf­ten – ob Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie oder auch die Neu­ro­wis­sen­schaft – hat die­ses Phä­no­men bis­her erfas­sen kön­nen. Erst lang­sam zeich­nen sich neue Per­spek­ti­ven ab.

Mit einem Mal erin­ner­te ich mich wie­der an die Wor­te mei­nes Groß­va­ters. Ich bin nicht sicher, ob er jemals von Diet­rich Bon­hoef­fer gehört hat­te. Ich selbst fühl­te mich plötz­lich durch Bon­hoef­fers Wor­te und durch das Leben mei­nes Groß­va­ters auf neue Wei­se berührt und tief verbunden.

Dumm­heit lässt sich, so Bon­hoef­fer, nicht durch Beleh­rung oder Erklä­rung besei­ti­gen. Viel­mehr wird dem Men­schen durch Macht und »bedeut­sa­me Wor­te« sei­ne eige­ne Selb­stän­dig­keit suk­zes­si­ve geraubt, und er wird dadurch – unab­hän­gig von sei­nem Intel­lekt – zum Dum­men. Nur ein Akt der eige­nen, inne­ren Befrei­ung hilft aus der Dumm­heit heraus.

Ich lese heu­te vie­le Tex­te, die das Böse oder das Dum­me ande­ren Men­schen zuschrei­ben. Auch bezie­hen sich Poli­ti­ker wie­der zuse­hends auf »mora­li­sche Grund­sät­ze« zur Recht­fer­ti­gung ihres Handelns.

Eher weni­ge Tex­te berich­ten von der Mög­lich­keit der eige­nen Befrei­ung. Das sind dann aber immer Quel­len ech­ter Inspi­ra­ti­on. Poli­ti­kern fällt es dabei genau­so schwer, die Not­wen­dig­keit ihrer eige­nen Ent­wick­lung und die Dis­kus­si­on ihrer eige­nen Wider­sprü­che als etwas Posi­ti­ves zu bewer­ten. Dass dies so schwer ist und oft zur Her­ab­set­zung unse­rer Poli­ti­ker genutzt wird, dazu trägt auch unse­re der­zei­ti­ge Medi­en­kul­tur bei.

Wir kön­nen aber den­noch Hoff­nung haben. Dass die Mensch­heit Men­schen wie Diet­rich Bon­hoef­fer her­vor­ge­bracht hat, ist kein Zufall. Viel­leicht gelin­gen uns ja ver­mehrt Momen­te der Besin­nung, die etwas von dem zur Erschei­nung brin­gen, was jeder von uns in sich birgt: näm­lich nicht den intel­lek­tu­ell gewief­ten Tak­ti­ker, son­dern den »schlich­ten, ein­fa­chen, gera­den Men­schen« (Bon­hoef­fer). Denn unse­re eige­ne Wider­stands­kraft scheint durch die Kraft von etwas zu leben, was jen­seits des Tru­bels die­ser Zeit – regel­recht in einer ande­ren Welt – liegt; näm­lich der Fähig­keit, uns gegen­sei­tig berüh­ren zu kön­nen. Viel­leicht gelingt es uns gemein­sam, die Ideen und Ein­sich­ten von Diet­rich Bon­hoef­fer und vie­len ande­ren am Leben zu erhal­ten. Viel­leicht war alles, was bis­her auf die­sem Pla­ne­ten gesche­hen ist, nicht umsonst. Die Ant­wort dazu liegt dabei in jedem von uns ver­bor­gen. Frie­den ist da, sobald wir es zulas­sen, im Gegen­über das ent­decken, was uns selbst berei­chern könn­te. Auf den dann nöti­gen zwei­ten Schritt scheint es aber anzu­kom­men. Den müs­sen wir dann selbst tun.

(Zuge­dacht an Micha­el Schlei­nitz und Gerald Hüther)