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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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2022

Der Fern­seh­mo­de­ra­tor kün­digt die näch­ste Sen­dung an, ein Inter­view über die bei­den »Voll­kraft­nah­rungs­mit­tel Soy­lent Rot und Soy­lent Gelb«, vor allem aber über »das neue köst­li­che Soy­lent Green, die Wun­der­kost aus ener­gie­rei­chem Plank­ton, gewon­nen aus den Ozea­nen unse­rer Erde«. Die Nach­fra­ge nach die­sem neu­en Nah­rungs­mit­tel sei so groß, dass infol­ge Ver­knap­pung ab sofort nur noch der Diens­tag ein »Soy­lent-Green-Tag« sei. Der Name ist eine Kom­bi­na­ti­on aus Soy (Soja) und Lent(il) Linse.

Der Sci­ence-Fic­tion-Film »Soy­lent Green« des Regis­seurs Richard Flei­scher kam 1973 in die Kinos, hier­zu­lan­de unter dem Titel »… Jahr 2022 … die über­le­ben wol­len«. Im Herbst des­sel­ben Jah­res wur­de in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che der Club of Rome mit dem Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels für sei­nen 1972 unter dem Titel »Die Gren­zen des Wachs­tums« erschie­ne­nen »Bericht zur Lage der Mensch­heit» aus­ge­zeich­net. Eben­falls 1972 fand im Juni in Stock­holm die erste Kon­fe­renz der Ver­ein­ten Natio­nen zum The­ma Umwelt statt. Die­se Welt­um­welt­kon­fe­renz (UNCHE) gilt als Beginn der inter­na­tio­na­len, glo­ba­len Umwelt­po­li­tik. 1200 Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus 113 Staa­ten erar­bei­te­ten die Abschluss­erklä­rung, einen Akti­ons­plan mit 109 Empfehlungen.

Ich war damals ver­ant­wort­li­cher Redak­teur einer Wirt­schafts­zei­tung und ver­öf­fent­lich­te am 16. Dezem­ber 1972 in der Jah­res­schluss­aus­ga­be unter der Über­schrift »Wach­sen wir uns zu Tode?« einen ganz­sei­ti­gen Text zum Bericht des Club of Rome. Des­sen Kern­the­se: Die Mensch­heit wer­de sich irgend­wann im 21. Jahr­hun­dert ohne grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen in ihrem öko­lo­gi­schen Den­ken und Han­deln zu Tode wach­sen, als Fol­ge von Über­be­völ­ke­rung, Nah­rungs­be­darf und Unter­ernäh­rung, Indu­stria­li­sie­rung, Aus­beu­tung von Roh­stoff­re­ser­ven, Umwelt­ver­schmut­zung und Zer­stö­rung von Lebens­raum. Alle end­li­chen Res­sour­cen wür­den in einem expo­nen­ti­el­len Wachs­tum ihren Gren­zen ent­ge­gen­stre­ben. Das »aktu­el­le indi­vi­du­el­le loka­le Han­deln aller habe glo­ba­le Aus­wir­kun­gen, die jedoch nicht dem Zeit­ho­ri­zont und Hand­lungs­raum der Ein­zel­nen« entsprächen.

Mein Arti­kel fand wenig Gna­de vor den Augen eines Teils der Her­aus­ge­ber­schaft. Umwelt­schutz war damals für so man­chen Zeit­ge­nos­sen nur ein Syn­onym für anti­un­ter­neh­me­ri­schen Aktionismus.

Aber nicht alle poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen waren taub oder blind für die Umwelt­pro­ble­me, auch schon vor Grün­dung der Grü­nen. Von den Sozi­al­de­mo­kra­ten sei bei­spiel­haft Erhard Epp­ler genannt, von der CDU Her­bert Gruhl, seit 1969 Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Vor­sit­zen­der der CDU/C­SU-Arbeits­grup­pe für Umwelt­vor­sor­ge. Er ver­öf­fent­lich­te 1975 sein »Unse­ren Kin­dern« gewid­me­tes Buch »Ein Pla­net wird geplün­dert», Unter­zei­le: »Die Schreckens­bi­lanz unse­rer Poli­tik«. Das The­ma war in Poli­tik und Gesell­schaft ange­kom­men und ließ sich nicht mehr aus­sit­zen oder von der Agen­da wegdiskutieren.

Sci­ence-Fic­tion-Autoren sind weder Hell­se­her noch Pro­phe­ten. Sie sind Seis­mo­gra­fen, Deu­ter von Zukunfts­li­ni­en. Sie haben häu­fig dank ihres Gespürs den Fin­ger frü­her als ande­re am Puls der Zeit, kurz gesagt: Sie sind »woke« im Kopf und gut infor­miert in vie­len Fel­dern. Das gilt zum Bei­spiel für den US-ame­ri­ka­ni­schen Sci­ence-Fic­tion-Schrift­stel­ler Har­ry Har­ri­son. Auf sei­ner 1966 erschie­ne­nen düste­ren Zukunfts­vi­si­on »Make room! Make room!« (auf Deutsch: »New York 1999«), der die Kurz­ge­schich­te »Room­ma­tes« (auf Deutsch: »Wohn­ge­mein­schaft«) vor­aus­ging, basiert Flei­schers Film.

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Bio­lo­ge Paul R. Ehr­lich, bekannt gewor­den als For­scher im The­men­be­reich Über­be­völ­ke­rung (»The Popu­la­ti­on Bomb«, 1968; auf Deutsch: »Die Bevöl­ke­rungs­bom­be«) schrieb dazu: »Als ich den Roman im letz­ten Jahr gele­sen hat­te, war ich davon über­zeugt, dass ›Make room! Make room!‹ die beste Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma ›Bevöl­ke­rungs­explo­si­on und ihre Fol­gen‹ im fik­tio­na­len Bereich war, die ich bis dahin gele­sen hat­te.« Ein ande­rer Schrift­stel­ler nann­te 1973 Har­ri­sons Buch »ein unschlag­ba­res Bei­spiel für Wie es schlim­mer kom­men könn­te«. Er ken­ne »kei­ne über­zeu­gen­de­re Ana­ly­se des unver­meid­li­chen Unter­gangs der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft als direk­te Kon­se­quenz der Überbevölkerung«.

Roman, Erzäh­lung, Film haben ähn­li­che Hand­lungs­strän­ge; Namen wur­den ver­än­dert, und Regis­seur Flei­scher nahm sich die Frei­heit, den Film nicht im New York des Jah­res 1999 anzu­sie­deln, son­dern im New York des Jah­res 2022, dem Jahr, in dem die Mensch­heit jetzt lebt. Und er führ­te das titel­ge­ben­de »Soy­lent Green« ein, was nicht allen SF-Puri­sten gefiel, da dadurch der Schwer­punkt der Vor­la­gen von Über­be­völ­ke­rung und Woh­nungs­not zur Ver­sor­gung mit Nah­rung ver­scho­ben wurde.

Das New York des Jah­res 2022 ist ein rie­si­ger Slum mit 40 000 000 Ein­woh­nern, 8 Mil­li­ar­den zählt die Erd­be­völ­ke­rung. Die Men­schen schla­fen auf Trep­pen, in Autos, die über­all her­um­ste­hen und nicht mehr fah­ren, leben von ratio­nier­tem Was­ser und öffent­li­cher Nah­rungs­zu­tei­lung, bei der es regel­mä­ßig zu Revol­ten kommt, die von der Poli­zei gewalt­sam nie­der­ge­schla­gen wer­den, auch unter Ein­satz von Schau­fel­bag­gern. In der Stadt ist es heiß wie in einem Back­ofen. Die Poli­zei ver­sucht in dem Cha­os das Schlimm­ste zu ver­hin­dern, ist oft macht­los, berei­chert sich oft selbst.

Charl­ton Heston spielt solch einen Poli­zi­sten, den Detec­ti­ve Thorn, der 89-jäh­ri­ge Edward G. Robin­son ist sein Zim­mer­ge­nos­se und Gehil­fe Sol Roth, der noch die frü­he­re Welt kann­te: »Sie war wun­der­schön.« Es war die letz­te Rol­le die­ses gro­ßen Schau­spie­lers, er starb in Hol­ly­wood noch vor der Urauf­füh­rung des Films. Als Heston zu einem Mord­fall geru­fen wird, dem ein Unter­neh­mer zum Opfer fiel, der für die Fir­ma Soy­lent gear­bei­tet hat, kommt er mit der Welt der Rei­chen in Kon­takt, in der es flie­ßen­des Was­ser im Bad, fri­sches Gemü­se, ein Stück Rin­der­fi­let und Bour­bon-Whis­ky gibt, für Hun­der­te von Dol­lars in nur den Wohl­ha­ben­den zugäng­li­chen Läden zu kau­fen. Dusche und ein Wasch­becken mit flie­ßen­dem Was­ser: 20 Sekun­den lang genießt der Poli­zist den bis­her unbe­kann­ten Genuss, zum ersten Mal mit Sei­fe die Hän­de zu waschen. Bei dem Ver­such, den Mord auf­zu­klä­ren, gerät Thorn in Lebens­ge­fahr, denn er kommt nach und nach hin­ter das schreck­li­che Geheim­nis der Soy­lent Com­pa­ny, die die hal­be Welt mit Lebens­mit­teln ver­sorgt: Es gibt kein Plank­ton mehr in den leer­ge­fisch­ten, ver­schmutz­ten Ozea­nen. Die ein­zi­ge Res­sour­ce in Über­fül­le ist der Mensch. Soy­lent Green ist Menschenfleisch!

Eine zu düste­re Dys­to­pie? 1974 mein­te ein Kri­ti­ker der Süd­deut­schen Zei­tung: »So wird es uns erge­hen, sagt ganz nüch­tern [Flei­schers] Film, wenn wir nicht auf­hö­ren, Schind­lu­der mit dem zu trei­ben, was wir zum Leben brau­chen.« Oder, um es mit den Wor­ten von ALF, dem Zot­tel­tier vom Pla­ne­ten Mel­nac, zu sagen: »Womit hat so ein hüb­scher Pla­net wie die Erde bloß eure Ras­se ver­dient?« Eine gute Fra­ge, auch für uns im Jahr 2022.

Har­ry Har­ri­son: »New York 1999« ist bei Hey­ne erschie­nen. Die Kurz­ge­schich­te »Wohn­ge­mein­schaft« wur­de in dem Sam­mel­band mit »grü­nen« Sci­ence-Fic­tion-Sto­ries »Die letz­ten Blu­men« 1973 im Ver­lag Bastei-Lüb­be ver­öf­fent­licht, Hrsg. Tho­mas Dische. Den Film »Soy­lent Green«/»… Jahr 2022« gibt es im Strea­ming-Ange­bot von Amazon.