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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Entstehung einer Sprache

Als Kai­ser Kon­stan­tin vor 1700 Jah­ren die Exi­stenz jüdi­schen Lebens am 11. Dezem­ber 321 in einem Edikt beur­kun­de­te, in wel­chem er die Beru­fung von Juden in Ämter gestat­te­te und die Repa­ra­tur einer Rhein­brücke durch einen Köl­ner Juden namens Isaac ermög­lich­te, gab es noch kein deut­sches Land oder eine deut­sche Spra­che. Was es aber bereits damals schon gab, war ein Zusam­men­le­ben von römi­schen zivi­len und mili­tä­ri­schen Kolo­ni­al­ver­wal­tern, ihren ört­li­chen Hilfs­trup­pen, jüdi­schen, ger­ma­ni­schen und kel­ti­schen Bewoh­nern der Kolo­ni­al­städ­te ent­lang des Rheins und ihres Hinterlandes.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Juden bereits im ersten nach­christ­li­chen Jahr­hun­dert – ins­be­son­de­re nach der zwei­ten Tem­pel­zer­stö­rung im Jah­re 70 – mit den Römern in die Ger­ma­nia infe­ri­or zuge­wan­dert sind. Dort tra­fen sie auf Reste kel­ti­scher Ebu­ro­nen und die von dem Schwie­ger­sohn des Augu­stus Mar­cus Agrip­pa im Jah­re 18 v. Chr. auf dem lin­ken Rhein­ufer ange­sie­del­te Ubier, die auf sei­nen Befehl hin auf einem Hügel am Rhein­ufer eine Sied­lung errich­tet hat­ten, die den Namen Colonia/​Köln erhielt. Die Ubier gal­ten bereits zu Zei­ten Cäsars und des gal­li­schen Krie­ges durch Nähe zum Rhein und die sich dar­aus erge­ben­den Händ­ler­kon­tak­te als kul­ti­vier­ter als die ande­ren Germanen.

Als die römi­sche Reichs­gren­ze im Jah­re 352 zusam­men­brach, gesell­ten sich ihnen im vier­ten Jahr­hun­dert noch die Fran­ken bei, die 355 Köln erober­ten und 388/​89 den nie­der­rhei­ni­schen Limes durch­bra­chen, um die römi­schen Kai­ser in die­sem und im dar­auf­fol­gen­den Jahr­hun­dert als foe­de­ra­ti vor Plün­de­rern zu schüt­zen. Nach Zusam­men­bruch der römi­schen Herr­schaft grün­de­ten sie das bedeu­tend­ste roma­nisch-ger­ma­ni­sche Nach­fol­ge­reich im Westen. Im von ihnen gestif­te­ten frän­ki­schen Kul­tur­raum, der sich im Hoch­mit­tel­al­ter bis weit nach Osten auf­span­nen soll­te, galt bei den karo­lin­gi­schen Chri­sten die Leh­re von den drei hei­li­gen Spra­chen (tres lin­guae: Grie­chisch, Latein und Hebrä­isch), in denen Gott zu prei­sen sei, wäh­rend Juden Gott in der hei­li­gen Spra­che der Väter (Hebrä­isch und Ara­mä­isch) lobten.

Im Unter­schied dazu stand eine Lai­en- und Volks­spra­che, die man im 9. Jahr­hun­dert als »diutis­cus« zu bezeich­nen begann und als deren Schwe­ster­spra­che zur glei­chen Zeit die Spra­che ent­stand – das Iwri­taitsch, Juden­deutsch oder Jid­disch –, wel­che im Süd­we­sten des heu­ti­gen Deutsch­lands das Ober­deut­sche mit dem über­lie­fer­ten Sprach­gut aus dem Roma­ni­schen, Ara­mäi­schen und Hebräi­schen ver­quick­te und spä­ter nach sei­ner Ver­brei­tung im Osten Ele­men­te des Sla­wi­schen aufnahm.

Im Iwri­taitsch, Juden­deutsch oder jid­di­schen Idi­om lässt sich die Kul­tur­ge­schich­te des Rau­mes able­sen, der sich bis ins 20. Jahr­hun­dert bis weit ins öst­li­che Euro­pa erstreck­te und des­sen zar­tes ver­bin­den­des Band die Spra­che war, die zwar in ihrem Ent­ste­hungs­raum bereits in der Neu­zeit zugun­sten der Stan­dard­spra­che wie­der zurück­ge­drängt wur­de, aber durch ihre Rück­wir­kun­gen auf die Umge­bungs­spra­chen der zahl­rei­chen Mund­ar­ten und Grup­pen­spra­chen bis heu­te in dem Gebiet sprach­lich anwe­send ist, in dem wir in die­sem Jahr das tau­send­sie­ben­hun­dert­jäh­ri­ge Dasein jüdi­schen Lebens feiern.

Das Idi­om ist gewach­se­ner Aus­druck einer Sym­bio­se, deren zar­te Anfän­ge in dem Bitt­schrei­ben des Köl­ner Stadt­rats an den römi­schen Kai­ser sicht­bar wer­den. Es bil­de­te zunächst eine Brücke zwi­schen dem roma­ni­schen und dem ger­ma­ni­schen, dann zwi­schen dem ger­ma­ni­schen und sla­wi­schen Sprachraum.

Als er vor 1700 Jah­ren den Kai­ser Kon­stan­tin bat, Juden in den Rat auf­neh­men zu dür­fen, um gemein­sam eine Repa­ra­tur einer Rhein­brücke aus­füh­ren zu kön­nen, leg­te der Stadt­rat von Köln den Grund­stein zum Haus der jid­di­schen Sprache.

Der Autor (geb. 1975) ist Histo­ri­ker und Sla­wist. Bei Klo­ster­mann erschien 2020 sein Buch zur rus­sisch-geor­gi­schen Geschichte.