Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die verdrängte Zeit

Der Schrift­stel­ler Mar­ko Mar­tin ver­wei­ger­te als 19-Jäh­ri­ger vor 30 Jah­ren den NVA-Dienst, ver­schwand kei­nes­falls im Knast, son­dern ging in die Bun­des­re­pu­blik. Er publi­zier­te jah­re­lang in der Welt und hat jetzt die Kul­tur sei­ner Jugend wie­der­ent­deckt, weil er meint, dass die bedeu­ten­den Autoren sei­ner Zeit und sei­nes Ostens ver­ges­sen wur­den und in der heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik nur eine gerin­ge Rol­le spie­len. Das ist ein löb­li­ches Vor­ha­ben, in einer Zeit, da gern allein die Geschich­te der bun­des­deut­schen Lite­ra­tur von Böll bis Grass, von Bach­mann bis Sieg­fried Lenz vor­ge­führt wird. Er zitiert die DDR-Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur in hohen Auf­la­gen und bester Qua­li­tät von einst, die Wolf­gang Schrey­er und Lud­wig Renn, Alex Wed­ding und Ben­no Plu­dra publi­zier­ten. Vor allem aber ruft er von Wolf Bier­mann bis zu Rei­ner Kun­ze, von Ulrich Plenz­dorf bis Solo Sun­ny die Hel­den sei­ner Jugend ins Bewusst­sein; die eigent­lich nicht ver­ges­sen sind, son­dern gera­de im Umfeld des 30. Jah­res­ta­ges immer gern und unab­läs­sig zitiert wer­den. Es gibt natür­lich nicht weni­ge ver­ges­se­ne Ost-Autoren, die aber sieht er als Par­teibar­den an, hat sie sicher­lich nie gele­sen, obwohl sie über­aus beliebt waren, die Her­mann Kant und Gün­ter Gör­lich, zumin­dest hören sich sei­ne Kurz-Urtei­le so an. Sei­ne Hero­en hin­ge­gen zitiert er nicht sel­ten feh­ler­haft; der berühm­te Satz von Solo Sun­ny »Ist ohne Früh­stück« gilt nach sei­ner Mei­nung ihrem Gelieb­ten, vom Schau­spie­ler Alex­an­der Weigl im Film ver­kör­pert. In Wirk­lich­keit ist’s ein namen­lo­ser One-Night-Stand. Die Brasch-Brü­der sor­tiert er auch mal falsch. Peter Brasch, der jüng­ste Bru­der, ist bei ihm der zwei­te. Vor allem aber teilt Mar­tin gern in befleck­te Künst­ler (mit Sta­si-Kon­takt) und die heh­ren, die der Bun­des­re­pu­blik und dem christ­li­chen Welt­bild die­nen. Gun­di Gun­der­mann bei­spiels­wei­se kommt nur mal sehr kurz vor, obwohl er die eigent­lich exem­pla­ri­sche Ost­bio­gra­fie bie­tet: Gewiss, er ist ja befleckt. Ganz inter­es­sant, wie Mar­tin die Geschich­te von Jurek Becker und sei­nem Vater erzählt, bei ihm könn­te man mei­nen, Becker gehö­re von Beginn an zu den schwer ver­folg­ten jun­gen Autoren der DDR, weil Jude. Chri­stoph Hein und Vol­ker Braun hin­ge­gen sei­en unsi­che­re Kan­to­ni­sten im Sin­ne der Demo­kra­tie. Brauns berühm­tes Gedicht »Das Eigen­tum« von 1989 sei eine DDR-Rein­wa­schung par excel­lence, und von Chri­stoph Hein hört man bei Mar­tin nie, dass er eine gro­ße Phil­ip­pi­ka wider die DDR-Zen­sur auf einem offi­zi­el­len DDR-Schrift­stel­ler­kon­gress gehal­ten habe. Lei­der ord­net Mar­tin auch alle unbe­wie­se­nen IM-Kader mit ihren Deck­na­men, de Mai­zie­re als IM Czer­ni und Gysi selbst­ver­ständ­lich als IM Notar, in die Höl­le der Sta­si-Obri­sten. West­kor­re­spon­den­ten sind besten­falls berühmt und mutig, nie zwie­lich­tig oder gar geheim­dienst­eif­rig. Man ist bei die­sem Buch fast an man­ches beton­i­deo­lo­gi­sche Früh­werk der DDR erin­nert. Ursu­la Karus­seit wird mit der Ober­spie­ßer­mut­ter der BRD, Mut­ter Bei­mer, ver­gli­chen. Bri­git­te Rei­mann, die bis an ihr Lebens­en­de eine glü­hen­de, wenn auch wider den Sta­chel löcken­de Sozia­li­stin war, ist bei Mar­ko Mar­tin eine glü­hen­de Bun­des­deut­sche, qua­si eine Kampf­ge­fähr­tin von Ines Gei­pel und Vera Lengs­feld, die heut­zu­ta­ge immer stramm & eif­rig reak­tio­när argu­men­tie­ren. Immer­hin erfährt man aus die­sem wahr­lich umfang­rei­chen Buch, dass Maxie Wan­der in ihrem berühm­ten Por­trät­buch »Guten Mor­gen, du Schö­ne« ganz rea­le Men­schen, bis heu­te berühmt, porträtierte.

Bemer­kens­wert, wel­che DDR-Autoren bei Mar­tin, der doch einen gan­zen Auf­riss der DDR zei­gen will, nur am Ran­de vor­kom­men – natür­lich Peter Hacks oder auch Ste­fan Heym. Heym krei­det er als Haupt­sün­de an, dass er sich für die PDS als Bun­des­tags­kan­di­dat auf­stel­len ließ. Den schand­ba­ren Umgang mit jüdi­schen Schrift­stel­lern, die nach 1945 in die DDR aus gutem Grund zurück­kehr­ten, wirft Mar­tin man­chem SED-Obe­ren zu Recht vor. Was er ver­gisst, sind jene Intel­lek­tu­el­len, die im Umfeld der über­aus popu­lä­ren Sati­re-Zeit­schrift Eulen­spie­gel ihr Feld beacker­ten. Hier sei­en nur die Namen Rena­te Hol­land-Moritz, Ernst Röhl, Hans­ge­org Sten­gel, Lothar Kusche genannt und eben­je­ne in die DDR zurück­ge­kehr­ten Schrift­stel­ler mosai­scher Her­kunft, die die Chuz­pe der 1920er Jah­re in die jun­ge DDR pflanz­ten und für die oben Genann­ten ech­te Leh­rer waren: Ber­ta Water­s­tradt, Georg Honig­mann oder Jür­gen Kuc­zyn­ski. So prak­ti­ziert Mar­tin genau jenen Stil der Ver­drän­gung – was nicht in mei­nen Kram passt, erwäh­ne ich nicht – mit dem der Autor in sei­nem Buch eigent­lich abrech­nen will.

 Mar­ko Mar­tin: »Die ver­dräng­te Zeit. Vom Ver­schwin­den und Ent­decken der Kul­tur des Ostens«, Tro­pen-Ver­lag Label von Klett-Cot­ta J.G. Cotta’sche Buch­hand­lung, 426 Sei­ten, 20 €