Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Renate Hennecke   China und die Pandemie

»Wir müs­sen noch ein paar Mona­te die Pobacken zusam­men­knei­fen.« Mit die­sen Wor­ten kün­dig­te Lothar Wie­ler, Direk­tor des Robert-Koch-Insti­tuts in Ber­lin, Anfang Novem­ber an, dass der gegen­wär­ti­ge »Lock­down light«, der zunächst bis zum Ende des Monats dau­ern soll­te, so leicht und kurz wohl nicht wer­den wird. Die Zahl der täg­lich bestä­tig­ten Covid-19-Neu­in­fek­tio­nen ist immer noch alar­mie­rend hoch, und vie­le Gesund­heits­äm­ter kön­nen die Infek­ti­ons­ket­ten schon lan­ge nicht mehr nach­ver­fol­gen. Im Fern­se­hen wird vor einem »Volllau­fen« der Inten­siv­sta­tio­nen mit schwer erkrank­ten Covid-19-Pati­en­ten gewarnt. Wäh­rend­des­sen demon­strie­ren immer wie­der soge­nann­te Quer­den­ker, gemischt mit Nazis aller Art, gegen die Maß­nah­men, mit deren Hil­fe die Regie­rung die Pan­de­mie unter Kon­trol­le brin­gen will.

Ganz anders die Situa­ti­on in meh­re­ren Län­dern Asi­ens, allen vor­an Chi­na. Seit Mona­ten gibt es dort kaum noch neue Covid-19-Fäl­le. Kommt es hie und da doch noch zu einem loka­len Aus­bruch, wird die Infek­ti­ons­quel­le – meist aus dem Aus­land ein­rei­sen­de Per­so­nen – in Rekord­tem­po aus­fin­dig gemacht und die Aus­brei­tung unterbunden.

Wie haben es die Chi­ne­sen geschafft, die Pan­de­mie so schnell erfolg­reich in den Griff zu bekom­men? Aus unse­ren Medi­en erfah­ren wir das nicht. Meist heißt es nur, die chi­ne­si­schen Metho­den sei­en in frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Län­dern nicht anwendbar.

Bei mei­ner Suche nach Infor­ma­tio­nen sto­ße ich im Inter­net auf zwei Arti­kel in The Lan­cet. Die wöchent­lich in Lon­don erschei­nen­de eng­lisch­spra­chi­ge Zeit­schrift ist eine der welt­weit bekann­te­sten und renom­mier­te­sten medi­zi­ni­schen Fach­pu­bli­ka­tio­nen. Das nicht nament­lich gezeich­ne­te Edi­to­ri­al der Aus­ga­be vom 25. Juli ist über­schrie­ben »Covid-19 and Chi­na: les­sons and the way for­ward« (Covid-19 und Chi­na: Was wir ler­nen und wie wir vor­an­kom­men kön­nen). Und in der Aus­ga­be vom 8. Okto­ber beschäf­tigt sich Lan­cet-Autor Talha Bur­ki mit »China’s suc­cess­ful con­trol of Covid-19« (Chi­nas erfolg­rei­che Kon­trol­le von Covid-19). Einen wei­te­ren inter­es­san­ten Arti­kel fin­de ich in der deut­schen Aus­ga­be des Online-Dien­stes Busi­ness Insi­der vom 2. Novem­ber. Über­schrift: »Ohne Lock­down – War­um Asi­en die Coro­na-Pan­de­mie unter Kon­trol­le hat«.

Alle drei Arti­kel rich­ten den Fokus nicht so sehr auf Details des Vor­ge­hens der chi­ne­si­schen Regie­rung, son­dern ana­ly­sie­ren des­sen wich­tig­ste Grundzüge.

Chi­na war vorbereitet

Als erster Fak­tor wird die Vor­be­rei­tung Chi­nas (und ande­rer asia­ti­scher Län­der) auf mög­li­che wei­te­re Pan­de­mien nach der SARS-Pan­de­mie von 2002/​2003 genannt. Chi­na habe in den letz­ten Jah­ren, so The Lan­cet, rie­si­ge Sum­men in die For­schung und in den Aus­bau des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens inve­stiert. Die Labor­ka­pa­zi­tä­ten sei­en ver­grö­ßert, mehr Per­so­nal aus­ge­bil­det und ein­ge­stellt, Pro­duk­ti­ons­stät­ten für Mas­ken und Schutz­ma­te­ria­li­en errich­tet wor­den. Infol­ge­des­sen sei das Land auf Covid-19 viel bes­ser vor­be­rei­tet gewe­sen als damals auf den SARS-Aus­bruch. »Als im Dezem­ber 2019 die ersten Covid-19-Fäl­le auf­tra­ten, waren die chi­ne­si­schen Wis­sen­schaft­ler sehr schnell in der Lage, das Virus zu iden­ti­fi­zie­ren. Sie teil­ten die Genom­se­quenz am 11. Janu­ar 2020 inter­na­tio­nal. Bis Ende Janu­ar gelang Ärz­ten aus Fest­land­chi­na und Hong­kong die Cha­rak­te­ri­sie­rung der kli­ni­schen Merk­ma­le von Covid-19 und die Klä­rung der Über­tra­gungs­we­ge von Mensch zu Mensch sowie der Genom-Cha­rak­te­ri­sti­ka und des epi­de­mio­lo­gi­schen Ver­hal­tens des Virus. Die Daten konn­ten in The Lan­cet ver­öf­fent­licht und die Welt auf die­sem Wege über die Gefahr durch Covid-19 infor­miert wer­den.« (eige­ne Über­set­zung die­ser und aller wei­te­ren Pas­sa­gen aus The Lan­cet; R. H.) Schon lan­ge vor dem ersten Auf­tre­ten von Covid-19 waren, laut Busi­ness Insi­der, vie­le chi­ne­si­sche Flug­hä­fen mit Fie­ber­mess­stel­len aus­ge­rü­stet, und fer­tig aus­ge­ar­bei­te­te Pan­de­mie­plä­ne lagen bereit. Die dadurch ermög­lich­te »Schnel­lig­keit, mit der Chi­na reagier­te«, sei nach Ein­schät­zung von Gre­go­ry Poland von der Mayo Cli­nic Roche­ster (USA) der »ent­schei­den­de Fak­tor für den erfolg­rei­chen Kampf gegen die Aus­brei­tung der Seu­che« gewesen.

76 Tage schar­fer Lockdown

Als »zwei­te Lek­ti­on« nennt The Lan­cet die Erfah­rung, dass »eine robu­ste wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge noch kei­ne Garan­tie für eine effek­ti­ve Kon­trol­le der Pan­de­mie« ist, wenn nicht »die ober­ste poli­ti­sche Ebe­ne alles dar­an­setzt, den Aus­bruch zu besie­gen«. Die Regie­run­gen müss­ten ent­schie­den vor­ge­hen und »so agie­ren, wie es für die Gesell­schaft am besten ist«.

Als die Pan­de­mie in Wuhan aus­brach, ent­sand­te die Natio­na­le Gesund­heits­kom­mis­si­on drei Grup­pen von Exper­ten für Infek­ti­ons­krank­hei­ten dort­hin, um die Risi­ken von Covid-19 und die Über­tra­gungs­we­ge der Krank­heit fest­zu­stel­len. Auf­grund ihrer Emp­feh­lun­gen wur­de die 11-Mil­lio­nen-Stadt voll­stän­dig abge­rie­gelt und am 23. Janu­ar ein schar­fer Lock­down ver­hängt. Kurz dar­auf wur­de auch in den ande­ren Städ­ten der Pro­vinz Hubei das öffent­li­che Leben dra­stisch her­un­ter­ge­fah­ren. Erst nach 76 Tagen wur­den die Beschrän­kun­gen auf­ge­ho­ben. In die­ser Zeit war die Bewe­gungs­frei­heit der Bevöl­ke­rung enorm ein­ge­schränkt und die per­sön­li­chen Kon­tak­te auf das Aller­not­wen­dig­ste redu­ziert. Wer aus drin­gen­dem Grund die Woh­nung ver­las­sen muss­te, war ver­pflich­tet, eine Mas­ke zu tra­gen und den Min­dest­ab­stand zu beach­ten. Die Ein­hal­tung der Regeln wur­de genau kon­trol­liert. An zahl­rei­chen Kon­troll­stel­len wur­de Fie­ber gemes­sen und der Nach­weis eines nega­ti­ven Coro­na-Tests ver­langt, um pas­sie­ren zu dür­fen. Wur­de jemand ohne Mas­ke gesich­tet, konn­te es pas­sie­ren, dass er oder sie von einer her­um­flie­gen­den Droh­ne freund­lich, aber bestimmt nach Hau­se geschickt wur­de: »Ja, Tant­chen, Sie sind gemeint. Sie soll­ten nicht ohne Mas­ke drau­ßen her­um­lau­fen. Gehen Sie heim und ver­ges­sen Sie nicht, Ihre Hän­de zu waschen.«

Fangcang-Hospi­tä­ler und Mil­lio­nen Tests

Wäh­rend des Lock­downs, aber auch danach wur­de umfang­reich gete­stet. Posi­tiv Gete­ste­te wur­den sofort iso­liert. Waren sie sym­ptom­frei, wur­de ihnen häus­li­che Qua­ran­tä­ne ver­ord­net, bei leich­ter bis mit­tel­schwe­rer Sym­pto­ma­tik wur­den sie hospitalisiert.

Da die regu­lä­ren Kran­ken­häu­ser von Wuhan in den ersten Wochen der Pan­de­mie nicht aus­reich­ten, wur­den inner­halb kür­ze­ster Zeit zusätz­lich sech­zehn tem­po­rä­re Kran­ken­häu­ser mit gro­ßen Schlaf­sä­len betriebs­fer­tig ein­ge­rich­tet und die Zahl der ver­füg­ba­ren Bet­ten dadurch ver­viel­facht. Für drei die­ser soge­nann­ten Fangcang-Hospi­tä­ler wur­den bestehen­de öffent­li­che Gebäu­de wie Kon­gress­zen­tren oder Aus­stel­lungs­hal­len umge­rü­stet, die übri­gen wur­den aus Fer­tig­tei­len neu errich­tet. Durch die Iso­lie­rung der Infi­zier­ten wur­de einer­seits eine wei­te­re unkon­trol­lier­te Aus­brei­tung des Virus ver­hin­dert, und ande­rer­seits konn­ten die Pati­en­ten in den tem­po­rä­ren Hospi­tä­lern eine medi­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung erhal­ten und bei Bedarf schnell in ein regu­lä­res Kran­ken­haus ver­legt werden.

Die Fangcang-Kran­ken­häu­ser konn­ten schon im März wie­der geschlos­sen wer­den. Die groß­zü­gi­gen Test­kam­pa­gnen wur­den aber bei­be­hal­ten und auch außer­halb der Pro­vinz Hubei durch­ge­führt. Dadurch konn­ten neue Covid-19-Aus­brü­che sofort ein­ge­dämmt wer­den. Busi­ness Insi­der: »Im Kampf gegen Coro­na wer­den auch gan­ze Städ­te durch­kämmt. Im Mai teste­te Wuhan sei­ne 11 Mil­lio­nen Ein­woh­ner über einen Zeit­raum von 10 Tagen … Am 9. Okto­ber kün­dig­te die ost­chi­ne­si­sche Stadt Qing­dao an, dass sie alle 9 Mil­lio­nen Ein­woh­ner inner­halb von fünf Tagen auf das Coro­na­vi­rus testen wer­de, nach­dem sie 12 neue Fäl­le im Zusam­men­hang mit einem ört­li­chen Kran­ken­haus iden­ti­fi­ziert hat­te. Eben­so wur­den … alle Ein­woh­ner der Stadt Kasch­gar in der Pro­vinz Xin­jiang gete­stet, nach­dem es dort einen Aus­bruch mit 183 Infek­tio­nen gege­ben hat­te.« Die Kosten der Mas­sen­tests trug der chi­ne­si­sche Staat.

Das Ergeb­nis laut The Lan­cet: Bis zum 4. Okto­ber sei­en in Chi­na (1400 Mil­lio­nen Ein­woh­ner) 90.604 bestä­tig­te Covid-19-Fäl­le und 4739 Coro­na-Tote gezählt wor­den. In den USA (329 Mil­lio­nen Ein­woh­ner) habe die Zahl der Fäl­le bis zu dem Tag 7.382.194 und die Zahl der Toten 209.382 betra­gen. Ein Wis­sen­schaft­ler­team an der Yale School of Public Health (New Haven, Con­nec­ti­cut, USA) habe errech­net, dass zwi­schen dem 29. Janu­ar und dem 29. Febru­ar durch die von Chi­na ergrif­fe­nen Maß­nah­men 1,4 Mil­lio­nen Infek­tio­nen und 56.000 Todes­fäl­le ver­hin­dert wurden.

Bei­spiel­lo­ses Enga­ge­ment der Bevölkerung

Als vier­ten Erfolgs­fak­tor nennt The Lan­cet ein »brei­tes Enga­ge­ment der Bevöl­ke­rung«. Die Soli­da­ri­tät der Bevöl­ke­rung sei wäh­rend des Covid-19-Aus­bruchs in Chi­na »bei­spiel­los« gewe­sen. Bereit­wil­lig hät­ten die Men­schen auch Maß­nah­men akzep­tiert, die als Ein­schrän­kung der indi­vi­du­el­len Frei­heit emp­fun­den wer­den konn­ten, wie zum Bei­spiel die Pflicht zum Mas­ken­tra­gen in der Öffent­lich­keit. Busi­ness Insi­der weist in dem Zusam­men­hang auf »die weni­ger indi­vi­dua­li­stisch gepräg­te Kul­tur in der Regi­on« hin: »Dort ist der Ein­zel­ne eher bereit, sich für das All­ge­mein­wohl einzuschränken.«

Aber das Enga­ge­ment ging weit über das Tra­gen von Mas­ken hin­aus. Ärz­te und Pfle­ge­per­so­nal aus ganz Chi­na kamen und arbei­te­ten rund um die Uhr bis zur tota­len Erschöp­fung, um das Leben der schwer erkrank­ten Pati­en­ten zu ret­ten. Tech­ni­ker und Bau­ar­bei­ter errich­te­ten in Rekord­zeit die Fangcang-Hospi­tä­ler. Men­schen aller Beru­fe orga­ni­sier­ten die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Lebens­mit­teln und Medi­ka­men­ten, brach­ten Per­so­nen, die beson­ders gefähr­det waren oder wegen häus­li­cher Qua­ran­tä­ne ihre Woh­nun­gen auch zum Ein­kau­fen nicht ver­las­sen durf­ten, das Lebens­not­wen­di­ge an die Tür, küm­mer­ten sich um Alte, um Pati­en­ten mit ande­ren schwe­ren Krank­hei­ten, um Schwan­ge­re und Kin­der und erfüll­ten tau­send wei­te­re Aufgaben.

Ein Haupt­ziel der Maß­nah­men war die Aus­hun­ge­rung des Virus durch »Social Distancing«. Busi­ness Insi­der ver­weist auf eine im Juni in der Zeit­schrift Sci­ence ver­öf­fent­lich­te Stu­die, die die mensch­li­chen Inter­ak­tio­nen in den Groß­städ­ten Wuhan und Shang­hai vor und nach der Pan­de­mie ver­glich. Laut Stu­die sei­en »die täg­li­chen Kon­tak­te wäh­rend der sozia­len Distan­zie­rungs­pe­ri­ode von Covid-19 um das Sie­ben- bis Acht­fa­che redu­ziert w[o]rden, wobei die mei­sten Inter­ak­tio­nen auf den Haus­halt beschränkt waren«. Sozia­le Distanz allein, wie sie in Chi­na wäh­rend der Pan­de­mie ein­ge­führt wur­de, rei­che aus, um Covid-19 unter Kon­trol­le zu bringen.

Welt­wei­te Soli­da­ri­tät gegen Covid-19

The Lan­cet fasst zusam­men: »Jedes Land muss sich damit aus­ein­an­der­set­zen, dass Wider­sprü­che zwi­schen Frei­heit und Sicher­heit bestehen. Man­che Über­wa­chungs­maß­nah­men, die in Chi­na ange­wen­det wer­den, wären anders­wo nicht akzep­ta­bel. Aber die chi­ne­si­schen Erfah­run­gen zei­gen die Bedeu­tung der Soli­da­ri­tät der Bevöl­ke­rung und was damit erreicht wer­den kann. So kann man mit Blick auf die Gesund­heits­ver­sor­gung von Chi­na lernen.«

Aus­drück­lich wen­det sich der Autor des Lan­cet-Edi­to­ri­als gegen den Ver­such, Chi­na zum Sün­den­bock für die Pan­de­mie zu machen. Not­wen­dig sei viel­mehr eine welt­wei­te offe­ne Zusam­men­ar­beit, wie sie auch UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Gut­er­res gefor­dert habe. Denn »der Man­gel an glo­ba­ler Soli­da­ri­tät bei der Bekämp­fung von Covid-19 stellt gera­de in einer geo­po­li­tisch insta­bi­len Situa­ti­on eine Gefahr für uns alle dar«.