Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mit oder gegen Biden?

Auch nach dem uner­träg­lich span­nen­den Wahl­kampf und dem Sieg darf Joe Biden sich kei­ne Ruhe­pau­se gön­nen. Die Pro­ble­me drän­gen – von allen Seiten.

Die Virus-Pan­de­mie schlägt noch töd­lich in den USA zu. Impf­stof­fe machen zwar Hoff­nung, doch Trumps Gegen­schlä­ge gel­ten noch immer vor­nehm­lich Golf­bäl­len, weni­ger dem Virus. Und Biden muss nicht nur in die­ser Ange­le­gen­heit drin­gend tätig wer­den. Erbo­ste Bür­ger­grup­pen, von Trump auf­ge­sta­chelt und oft schwer­be­waff­net, skan­die­ren noch Trumps abwe­gi­gen Anspruch, das Wei­ße Haus wei­ter­hin zu beset­zen. Ist ein Putsch­ver­such völ­lig aus­zu­schlie­ßen? Manch ein Euro­pä­er könn­te sor­gen­voll an den Spruch des Base­bal­lers Yogi Ber­ra den­ken: »It ain’t over‚’til it’s over.« (Es ist nicht vor­bei, bis es vor­bei ist.)

Und noch ein Pro­blem drängt, zunächst nur im Süden. In zehn US-Bun­des­staa­ten gilt die Regel, dass wenn im Novem­ber kei­ner der Kan­di­da­ten für den US-Senat 50 Pro­zent der Stim­men erreicht hat, zwei Mona­te spä­ter eine Stich­wahl zwi­schen den zwei stärk­sten statt­fin­det. Der Zufall woll­te es, dass im Jahr 2020 bei­de Sena­to­ren­sit­ze in Geor­gia zur Wahl stan­den. In bei­den Fäl­len erreich­te – bei meh­re­ren Kan­di­da­ten – kei­ner die 50 Pro­zent. Also müs­sen am 5. Janu­ar die vier Stärk­sten um die zwei Sit­ze ringen.

Für den neu­en Senat ste­hen der­zeit 50 Repu­bli­ka­ner und 48 Demo­kra­ten fest. Falls in Geor­gia bei­de Demo­kra­ten sie­gen, steht es in Washing­ton 50 : 50. Und weil im Senat bei unent­schie­de­nen Abstim­mun­gen der Vize­prä­si­dent mit­stim­men darf, wird also ab Janu­ar eine Vize­prä­si­den­tin, die Demo­kra­tin Kama­la Har­ris, die­ses Recht haben. Biden und sei­ne Par­tei hät­ten dann in bei­den Kam­mern eine dün­ne Mehr­heit und die Chan­ce, ihr Pro­gramm durchzusetzen.

Ein Kan­di­dat der Demo­kra­ten ist der 51-jäh­ri­ge Rapha­el War­nock. Der cha­ris­ma­ti­sche schwar­ze Pfar­rer ist in der­sel­ben Kir­che tätig, in der Mar­tin Luther King einst pre­dig­te. Am 3. Novem­ber war er der erfolg­reich­ste unter vie­len (mit 33 Pro­zent). Die zweit­stärk­ste, Kel­ly Loeff­ler (26 Pro­zent), die ihren Sitz ver­tei­di­gen will, besitzt mit ihrem Mann etwa 500 Mil­lio­nen Dol­lar, steht hin­ter Trump und soll Sym­pa­thien für die weit rechts ste­hen­den QAnon-Anhän­ger hegen. Geld spricht laut, auch der Ras­sis­mus, doch viel­leicht wen­den dies­mal zahl­rei­che neu ent­schlos­se­ne schwar­ze Wahl­be­rech­tig­te das Blatt.

In dem ande­ren Ren­nen fehl­ten dem bis­he­ri­gen repu­bli­ka­ni­schen Sit­z­in­ha­ber David Per­due 0,3 Pro­zent der Stim­men, er bekam 49,7 Pro­zent, sein jun­ger Her­aus­for­de­rer, der Jour­na­list Jon Ossoff, 48 Pro­zent. Eine Kan­di­da­tin der Grü­nen, nun aus­ge­schie­den, erhielt 2,3 Pro­zent. Per­due ist wie Loeff­ler äußerst reich und äußerst rechts­la­stig. Ihm wird vor­ge­wor­fen, dass er durch ver­trau­li­che Regie­rungs­in­for­ma­tio­nen vor der Epi­de­mie sei­nen Akti­en­be­sitz rasch umschich­ten und so gro­ße Gewin­ne ein­fah­ren konn­te, gleich­zei­tig aber das Virus ver­harm­lo­ste, wes­halb ihn Jon Ossoff in einer Fern­seh­de­bat­te einen »Gau­ner« nann­te. Dar­auf zog Per­due es vor, auf eine geplan­te zwei­te Debat­te zu ver­zich­ten. Dafür ver­grö­ßer­ten sei­ne Fans auf Wahl­pla­ka­ten die Nase von Ossoff, der jüdisch ist, in der Manier von Stür­mer-Dar­stel­lun­gen und beschimpf­ten ihn, der zum rech­ten Flü­gel der Demo­kra­ten gehört, als »Kom­mu­nist«. Geor­gia nennt sich der »Pfir­sich­staat«; zur­zeit geht es dort alles ande­re als süß zu.

Obwohl gan­ze Regio­nen der USA trum­pla­stig sind – etwa 73 Mil­lio­nen stimm­ten für sei­ne Wie­der­wahl (cir­ca 48 Pro­zent der abge­ge­be­nen Stim­men) – ent­schie­den sich mehr als 78 Mil­lio­nen für Biden und Har­ris (cir­ca 51 Pro­zent). Bei­de Zah­len, alle bis­he­ri­gen Wahl­be­tei­li­gun­gen über­tref­fend, deu­ten klar auf die Pola­ri­sie­rung im Lan­de hin.

Dabei fällt auf, wie vie­le sich zwar für Biden ent­schie­den, jedoch nicht für ande­re Kan­di­da­ten der Demo­kra­ten, also die Kan­di­da­ten für den Kon­gress mit sei­nen zwei Kam­mern, dem Senat und dem Reprä­sen­tan­ten­haus. Die Ver­lu­ste bewie­sen, dass die Par­tei so gespal­ten ist wie das Land. Das wur­de schon 2016 und 2020 mehr als deut­lich, als es für oder gegen Ber­nie San­ders ging. Doch San­ders hat Biden bei der Wahl nach­drück­lich unter­stützt. Wie kam es dann, dass die Demo­kra­ten einen Teil ihrer Mehr­heit im Unter­haus ver­lo­ren und gespannt den 5. Janu­ar in Geor­gia abwar­ten müs­sen, ob sie im Senat wenig­stens 50 : 50 erreichen?

Die Vor­wür­fe der soge­nann­ten Mode­ra­ten kamen sehr rasch: Die Lin­ken sei­en schuld, mein­ten sie. Links­ra­di­ka­le Schlag­wör­ter hät­ten vie­le abge­schreckt oder ver­äng­stigt – Mär­sche, gro­ße Demon­stra­tio­nen mit den »Black Lives Matter«-Rufen, For­de­run­gen, das Geld für die Poli­zei zu kür­zen oder sogar ganz zu strei­chen, die Gesund­heits­für­sor­ge zu ver­staat­li­chen, Hoch­schu­len ohne Stu­di­en­ge­büh­ren, radi­ka­le Umwelt­maß­nah­men, etwa gegen Fracking; das konn­ten vie­le nicht schlucken, die dann wie­der für Trump stimm­ten oder für den gemüt­li­chen alten Biden, aber kei­nen ande­ren Demo­kra­ten wählten.

Die Abge­ord­ne­te Abi­ga­il Span­ber­ger aus Vir­gi­nia, die nur knapp ihren Sitz ver­tei­dig­te, mein­te: »Wir dür­fen nie­mals wie­der die Wör­ter ›Sozia­list‹ oder ›Sozia­lis­mus‹ gebrau­chen. Durch sie ver­lo­ren wir gute Anhän­ger …, sonst wer­den wir 2022 [bei der Zwi­schen­wahl] zer­ris­sen.« Zur Beto­nung füg­te sie ein der­bes Fluch­wort hin­zu. Der füh­ren­de schwar­ze Abge­ord­ne­te James Clyburn aus Süd­ka­ro­li­na mein­te, mit »sozia­li­sier­ter Medi­zin« und Kür­zun­gen für die Poli­zei »wer­den wir nie mehr gewinnen«.

Das ist die Linie der Par­tei­füh­rung – seit der Ära Fran­k­lin Roo­se­velts, der von 1933 bis 1945 Prä­si­dent war. Außer einer kur­zen miss­lun­ge­nen Rebel­li­on 1972 tut sie alles, um die »Wil­den« zu ver­grau­len oder zu ver­ban­nen, und baut auf die »Mode­ra­ten«, die in Wahl­jah­ren tol­le Plä­ne kund­tun, wie sie das Los der Arbei­ten­den und Unter­drück­ten ver­bes­sern wer­den. Doch ein­mal im Amt wer­den die Ver­spre­chen gründ­lich ver­wäs­sert oder ver­ges­sen. Weil die Repu­bli­ka­ner här­ter und unge­schminkt reden und durch­grei­fen, wähl­ten die mei­sten aus der Arbei­ter­klas­se die Demo­kra­ten. 2016 war es für vie­le von ihnen jedoch undenk­bar, für Hil­la­ry Clin­ton zu stim­men. Also ris­kier­ten sie es mit dem fri­schen, fre­chen Trump. Doch 2020 hat­ten etli­che von ihnen Trump schon mehr als satt. Also Biden pro­bie­ren. Doch kei­ne ande­ren von sei­ner Partei!

Nun gibt es seit 2018 einen neu­en Kern muti­ger jun­ger Poli­ti­ke­rin­nen, die in der Demo­kra­ti­schen Par­tei eini­ges ver­än­dern wol­len. Am bekann­te­sten ist Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez (AOC) aus New York. Zu der Grup­pe gehö­ren auch die in Soma­lia gebo­re­ne Ilhan Omar, die Toch­ter palä­sti­nen­si­scher Flücht­lin­ge Rashi­da Tlaib und die schwar­ze Ayan­na Press­ley. Eini­ge älte­re sind auch dabei, wie Bar­ba­ra Lee, die 2001 allein gegen den Krieg in Afgha­ni­stan stimm­te; neue Abge­ord­ne­te neh­men im Janu­ar ihre Arbeit auf. Meh­re­re gehö­ren der kämp­fe­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on Demo­cra­tic Socia­lists of Ame­ri­ca an und unter­stütz­ten Sanders.

Sie erklä­ren die Wahl­re­sul­ta­te völ­lig anders. Wäh­rend die Par­tei­füh­rung um Biden eine »Gras­wur­zel-Wahl­kam­pa­gne« ver­warf, war es gera­de die Lin­ke in der Par­tei, die direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien ent­wickel­te: mas­si­ve Tele­fon­wer­bung und – mit Mas­ken – das Tür­klop­fen bei einer Men­ge Wäh­lern mit der freund­li­chen Bit­te, per Post oder per­sön­lich ihre Stim­men abzu­ge­ben. Bei Lati­nos in Ari­zo­na war das wohl aus­schlag­ge­bend, eben­so bei Afro-Ame­ri­ka­nern in Wis­con­sin, Michi­gan und Penn­syl­va­nia. Unter den Akti­ven waren oft Gewerk­schaf­te­rIn­nen, wie die Hotel­ar­bei­te­rIn­nen, die wegen Coro­na kei­ne Arbeit haben.

Die­se Lin­ke hat kei­ne Angst davor, For­de­run­gen an eine Biden-Regie­rung zu stel­len. Und sie betont, gegen alle Beden­ken der »Mode­ra­ten«, dass eine Mehr­heit im Lan­de gera­de die­se For­de­run­gen unterstütze.

Es gab und gibt unter Lin­ken in den USA eine hei­ße Debat­te, ob es mög­lich und über­haupt wün­schens­wert ist, in einer Par­tei zu blei­ben, die so enge Ver­bin­dun­gen zu den Super­rei­chen unter­hält, die sie finan­zie­ren und im Grun­de kon­trol­lie­ren – auch mit »Mode­rat-Sein«. Vie­le, wie etwa Ber­nie San­ders, mei­nen, dass man es trotz allem ver­su­chen muss, wenn auch ohne Illu­sio­nen. Nur mit den Mil­lio­nen Anhän­gern der Demo­kra­ten kön­ne man ein Bünd­nis gegen Ras­si­sten und Faschi­sten bil­den. Ande­re sehen alle Hoff­nung auf Kräf­te inner­halb der Demo­kra­ti­schen Par­tei als ver­fehlt an. Biden sei gleich Trump und in man­cher Hin­sicht noch gefähr­li­cher. Die Geschich­te habe es bewie­sen. Wie­der ande­re mei­nen, eine kom­ple­xe Stra­te­gie sei klü­ger. Biden wer­de sich in man­chen Fra­gen bewe­gen; so gefähr­lich die Außen­po­li­tik der Demo­kra­ti­schen Par­tei auch sei, beson­ders gegen­über Russ­land und Chi­na, eine Ver­bes­se­rung der Bezie­hun­gen zu Kuba und Iran sei denk­bar und drin­gend nötig. Auch in Fra­gen der Migra­ti­on und des Umwelt­schut­zes sowie der Epi­de­mie sei Bewe­gung denkbar.

Also hängt etli­ches davon ab, den­ken immer mehr Lin­ke, ob es gelingt, ver­schie­de­ne fort­schritt­li­che Kräf­te wei­ter­hin zu mobi­li­sie­ren und zusam­men­zu­brin­gen, sowohl inner­halb als auch außer­halb der Demo­kra­ti­schen Par­tei, um eine Biden-Regie­rung unter stän­di­gen Druck zu set­zen. Nur dür­fen sich die­se Kräf­te nicht mit klei­nen Refor­men abspei­sen las­sen, sich nicht von einer Par­tei­füh­rung kau­fen und kor­rum­pie­ren las­sen, die im Grun­de für die Mil­li­ar­dä­re steht. Das ein­zi­ge ech­te Mit­tel gegen deren zuneh­mend welt­zer­stö­re­ri­sches und men­schen­feind­li­ches Pro­gramm bleibt ihre Entmachtung.