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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Abenteurer und Weltenbummler

Wer in den 1950er und 1960er Jah­ren als jugend­li­cher Leser in der DDR kei­ne West­ver­wandt­schaft hat­te, für den waren die Aben­teu­er­bü­cher von Karl May gewis­ser­ma­ßen tabu. Der muss­te mit den »Leder­strumpf-Erzäh­lun­gen« von James F. Coo­per, mit Fried­rich Ger­stäcker, Robert Lou­is Ste­ven­son oder spä­ter mit Jack Lon­don »vor­lieb­neh­men«. Sie waren aber weit mehr als ein »Karl-May-Ersatz«, sie boten auf­re­gen­de Aben­teu­er­lek­tü­re, die man ver­schlang – nicht sel­ten mit der Taschen­lam­pe unter der Bettdecke.

Jeder kennt wohl Karl Mays »Old Fire­hand« oder »Der Schatz im Sil­ber­see«; kaum bekannt ist jedoch, dass die Vor­bil­der dafür die Wer­ke von Fried­rich Ger­stäcker waren, des­sen 150. Todes­tag am 31. Mai ist. May über­nahm sogar gan­ze Pas­sa­gen aus den Erzäh­lun­gen und Roma­nen, selbst sei­ne berühm­te Win­ne­tou-Figur basier­te auf einem India­ner, den Ger­stäcker in einem sei­ner Roma­ne beschrie­ben hat­te. Im 19. Jahr­hun­dert gehör­te Ger­stäcker zu den meist­ge­le­se­nen Aben­teu­er­schrift­stel­lern; sei­ne Wer­ke wur­den zu Best­sel­lern und in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Im Gegen­satz zu Karl May hat­te Ger­stäcker die Hand­lungs­or­te sei­ner Aben­teu­er­erzäh­lun­gen selbst als Augen­zeu­ge erlebt. Der Umtrie­bi­ge war durch die Welt gestreift, und so liest sich sei­ne Bio­gra­fie selbst wie ein Abenteuer.

Fried­rich Ger­stäcker wur­de am 10. Mai 1816 in Ham­burg gebo­ren. Die Mut­ter war Schau­spie­le­rin und der Vater ein bekann­ter Opern­sän­ger, der aber schon 1825 starb, sodass Ger­stäcker und sei­ne Schwe­ster bei Ver­wand­ten in Braun­schweig auf­ge­zo­gen wur­den. Dort besuch­te er die Schu­le und absol­vier­te eine land­wirt­schaft­li­che Leh­re. Wie Mil­lio­nen von jun­gen Euro­pä­ern im 19. Jahr­hun­dert träum­te auch der jun­ge Ger­stäcker von Ame­ri­ka, mit der Aus­sicht auf ein bes­se­res Leben. 1837 mach­te der 21-Jäh­ri­ge sei­nen Traum wahr und setz­te auf einem Aus­wan­de­rer­schiff nach New York über. Bis in die ent­le­gen­sten Win­kel streif­te er sechs Jah­re lang durch das Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten. Sei­nen Lebens­un­ter­halt bestritt er dabei in den ver­schie­den­sten Beru­fen – unter ande­rem als Hei­zer auf einem Mis­sis­sip­pi-Damp­fer, als Vieh­trei­ber, Jäger, Far­mer, Koch, Sil­ber­schmied, Holz­fäl­ler oder Scho­ko­la­den­her­stel­ler. »Ich durch­zog die gan­zen Ver­ei­nig­ten Staa­ten quer von Kana­da bis Texas zu Fuß, arbei­te­te unter­wegs, wo mir das Geld aus­ging, und blieb end­lich in Arkan­sas, wo ich ganz und allein von der Jagd leb­te, bis ich dort halb ver­wil­der­te«, schrieb er in sei­nen Tage­buch­auf­zeich­nun­gen, in denen er sei­ne Erleb­nis­se für die Fami­lie fest­hielt und die er 1845 in »Streif- und Jagd­zü­ge durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten Nord-Ame­ri­kas« ver­öf­fent­lich­te. Sie gehö­ren unzwei­fel­haft zu den authen­tisch­sten Berich­ten über die Pio­nier­zeit Ame­ri­kas im 19. Jahr­hun­dert. Vor allem in Euro­pa waren Infor­ma­tio­nen über die Neue Welt rar.

Als Ger­stäcker 1843 das Heim­weh pack­te, ver­dien­te er sich als Hote­lier das nöti­ge Geld für die Rück­rei­se. Er ließ sich in Dres­den nie­der, fer­tig­te Über­set­zun­gen bekann­ter Autoren aus dem Eng­li­schen an und ver­öf­fent­lich­te sei­ne ersten schrift­stel­le­ri­schen Arbei­ten in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten. Hier ent­stan­den auch sei­ne ersten Aben­teu­er­ro­ma­ne »Die Regu­la­to­ren von Arkan­sas« (1846) und »Die Fluss­pi­ra­ten des Mis­sis­sip­pi« (1847), die schnell meh­re­re Auf­la­gen erreich­ten und bald in Fran­zö­sisch, Eng­lisch, Hol­län­disch und Rus­sisch erschie­nen. Neben der span­nungs­ge­la­de­nen, aben­teu­er­li­chen Hand­lung schil­der­te Ger­stäcker hier auch die stür­mi­schen Ent­wick­lungs­jah­re der jun­gen ame­ri­ka­ni­schen Nati­on, deren Zivi­li­sa­ti­ons­gren­zen sich immer wei­ter nach Westen verschoben.

Ger­stäcker nahm auch regen Anteil am poli­ti­schen Gesche­hen in Deutsch­land; so setz­te er sich wäh­rend der revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se um 1848 für die neu­en demo­kra­ti­schen Ideen ein. Obwohl Ger­stäcker 1845 gehei­ra­tet und eine Fami­lie gegrün­det hat­te, war das Fern­weh stär­ker. Mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung des Deut­schen Par­la­men­tes in Frank­furt und der Cotta’schen Ver­lags­buch­hand­lung brach er im Früh­jahr 1849 erneut auf und rei­ste nach Süd­ame­ri­ka, dann wei­ter nach Kali­for­ni­en. Dort erleb­te er den Gold­rausch und ver­such­te sich selbst als Gold­grä­ber, ver­dien­te sein Geld aber auch als Holz­fäl­ler und Lebens­mit­tel­händ­ler. Von San Fran­cis­co aus durch­quer­te er per Schiff den Pazi­fik mit Sta­tio­nen auf Hawaii und Tahi­ti. Es schloss sich eine grö­ße­re Rund­rei­se auf dem austra­li­schen Kon­ti­nent an. Über Java kehr­te Ger­stäcker erst 1852 wie­der nach Deutsch­land zurück. Da sei­ne Fami­lie inzwi­schen durch sei­ne ver­öf­fent­lich­ten Wer­ke finan­zi­ell abge­si­chert war, unter­nahm Ger­stäcker 1860 eine zwei­te Süd­ame­ri­ka-Rei­se. Auf der Rück­rei­se erhielt er jedoch die trau­ri­ge Nach­richt vom Tod sei­ner Frau. Daheim stürz­te er sich in sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Arbeit; neben dem java­ni­schen Sit­ten­bild »Unter dem Äqua­tor« (1861) und dem Rei­se­be­richt »Acht­zehn Mona­te in Süd-Ame­ri­ka« (1862) ent­stan­den wei­te­re Erzäh­lun­gen und unzäh­li­ge Bei­trä­ge für Zeit­schrif­ten, in denen er sich mit­un­ter auch dem Schick­sal der deut­schen Aus­wan­de­rer, dem ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg und der Befrei­ung der schwar­zen Skla­ven wid­me­te, ohne jedoch tief­grei­fen­de gei­stig-poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge her­aus­zu­ar­bei­ten. Zuneh­mend bedien­te Ger­stäcker eine Leser­schaft, die eine mehr ober­fläch­li­che Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur verlangte.

Ger­stäcker hat­te inzwi­schen einen sol­chen Ruf als aner­kann­ter Rei­se­schrift­stel­ler, dass er auf Ein­la­dung Her­zog Ernsts II. von Sach­sen-Coburg und Gotha mit einer Rei­se­ge­sell­schaft (u. a. mit dem Natur­for­scher Alfred Brehm) 1862 die Kul­tur­denk­mä­ler in Ägyp­ten und die Län­der der Habab, Men­sa und Bogos besuch­te. Der Her­zog nutz­te die Kul­tur­rei­se aller­dings auch zur Groß­wild­jagd. Ein Jahr spä­ter hei­ra­te­te Ger­stäcker ein zwei­tes Mal. Im Som­mer 1867 brach er zu sei­ner letz­ten Rei­se auf, die ihn in die USA, nach Mexi­ko, die Kari­bik und Vene­zue­la führ­te. Auch die­se Erleb­nis­se ver­wer­te­te er in zahl­rei­chen Erzäh­lun­gen und Zeit­schrif­ten­bei­trä­gen. 1869 zog er mit der Fami­lie nach Braun­schweig und war noch kurz­zei­tig Kriegs­be­richt­erstat­ter im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/​71. Ein Jahr spä­ter woll­te Fried­rich Ger­stäcker zu einer Asi­en-Rei­se auf­bre­chen, doch noch wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen starb er am 31. Mai 1872 in Braun­schweig im Alter von nur 56 Jahren.

Nach sei­nem Tod erschie­nen sei­ne »Gesam­mel­ten Schrif­ten« in 45 (!) Bän­den. Doch der Erfolgs­au­tor geriet bald in Ver­ges­sen­heit. Im 20. Jahr­hun­dert wur­den sei­ne Wer­ke meist als Jugend­li­te­ra­tur abge­tan – abge­se­hen von einer klei­nen Renais­sance in den 1960er Jah­ren als mit den Karl-May- und zwei Ger­stäcker-Ver­fil­mun­gen das Wild­west-Inter­es­se groß war. Seit Jah­ren sucht man Ger­stäcker jedoch ver­ge­bens in den grö­ße­ren Ver­la­gen; gedruck­te Exem­pla­re sind meist nur noch anti­qua­risch erhält­lich. Aller­dings kann der inter­es­sier­te Leser auf zahl­rei­che ePub-Aus­ga­ben zugrei­fen. 2016 muss­te das Ger­stäcker-Muse­um in Braun­schweig schlie­ßen. An sei­nem Geburts­haus in Ham­burg und sei­nem Wohn­haus in Braun­schweig erin­nern immer­hin eine Pla­ket­te bzw. eine Info­ta­fel an den Schrift­stel­ler. Seit 1947 wird außer­dem alle zwei Jah­re der »Fried­rich-Ger­stäcker-Preis« für Jugend­li­te­ra­tur ver­lie­hen. Mit dem älte­sten Jugend­buch­preis der Bun­des­re­pu­blik wer­den Wer­ke aus­ge­zeich­net, die für Tole­ranz und Welt­of­fen­heit werben.

Ganz anders ehrt Ame­ri­ka den Aben­teu­er­schrift­stel­ler: In Arkan­sas wur­de Fried­rich Ger­stäcker 1957 post­hum zum Ehren­bür­ger erklärt und seit 1986 gilt dort zudem sein Geburts­tag, der 10. Mai, als »Fried­rich Ger­stäcker Day«.

Wie also Fried­rich Ger­stäcker zu sei­nem 150. Todes­tag die Refe­renz erwei­sen? Neu­erschei­nun­gen zu dem Jubi­lä­um sucht man ver­ge­bens; also wer­de ich in den näch­sten Wochen mei­ne alten Aus­ga­ben (meist aus den Ver­la­gen Neu­es Leben und Kul­tur und Fort­schritt) wie­der ein­mal zur Hand neh­men – auch wegen der eige­nen Jugenderinnerungen.

Übri­gens wur­de Karl May in den 1980er Jah­ren auch in der DDR »gesell­schafts­fä­hig«, als im Ver­lag Neu­es Leben die »Karl-May-Edi­ti­on« gestar­tet wur­de, die nach der Wen­de bis zum Ver­lags­en­de 2001 (ins­ge­samt 66 Bän­de im dun­kel­grü­nen Out­fit) fort­ge­setzt wurde.