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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein dokumentarischer Theaterabend

Es ist nach Mit­ter­nacht. Ich bin wie­der zu Hau­se nach einem Thea­ter­abend, der bereits um 21.30 Uhr zu Ende war. Aber danach hat­te Julia, ein Mit­glied aus dem Ensem­ble, das gera­de auf der Büh­ne gestan­den hat­te, im Vor­raum der Büh­ne der Tha­lia-Spiel­stät­te in der Gauß­stra­ße, sich ihre Gitar­re und ein Mikro gegrif­fen und dem Pre­mie­ren­pu­bli­kum mit Shan­ties, wie es einer Hafen­stadt wie Ham­burg gebührt, ein­ge­heizt. Eine der­art tem­pe­ra­ment­vol­le Dar­bie­tung, an der sich min­de­stens noch drei wei­te­re Ensem­ble­mit­glie­der betei­lig­ten, war nicht zu erwar­ten gewe­sen, denn die Lai­en­dar­stel­le­rin­nen und -dar­stel­ler, die sich einem Casting hat­ten unter­zie­hen müs­sen und etwa zwei Mona­te lang geprobt hat­ten, waren alle im Ren­ten­al­ter, teils auch über 80 Jah­re alt.

Eini­ge hat­ten auch eige­ne Erfah­run­gen mit »Kin­der­ku­ren in Deutsch­land« (so der Unter­ti­tel) nach 1945. (Anja Röhl hat das The­ma »Ver­schickungs­kin­der« publik gemacht.) Daher moch­te viel­leicht das Bedürf­nis rüh­ren, sich in lau­ter Musik und durch wil­des Tan­zen Luft zu machen.

Als ich aus der Vor­stel­lung ging, dach­te ich: Es ist unmög­lich, über einen sol­chen Thea­ter­abend eine Rezen­si­on zu schrei­ben. Das sag­te ich dann auch in klei­ner Run­de. Aber wäh­rend ich begrün­de­te, wes­halb dies unmög­lich war und wes­halb mei­ner Mei­nung nach die gezeig­ten Lei­stun­gen durch das Raster einer Beur­tei­lung schau­spie­le­ri­scher Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en fie­len, wur­de mir klar, dass dies sehr wohl mög­lich war.

Nun gut: »Ein Leben (geschwei­ge denn die Lebens­läu­fe einer Opfer­grup­pe) kann man nicht rezen­sie­ren.« Trotz­dem ist die Lei­stung der Dar­stel­le­rin­nen und Dar­stel­ler sehr wohl zu wür­di­gen. Ihre Lei­stung beruh­te dar­auf – und dies ist kei­nes­wegs gering zu schät­zen –, dass sie bereit waren, sich bei den Pro­ben einer Dres­sur zu unter­wer­fen, der sich die Ver­schickungs­kin­der in ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten unter Real­be­din­gun­gen hat­ten unter­wer­fen müssen.

Sie hat­ten als Lai­en, zudem in fort­ge­schrit­te­nem Alter, gro­ße Mühen auf sich genom­men. Sie hat­ten in Kin­der­klei­dung und mit Kin­der­mas­ken agie­ren müs­sen. Die Text waren von Kin­dern ein­ge­spro­chen wor­den; eine dif­fi­zi­le Prä­zi­si­ons­ar­beit, aber kei­nes­wegs l’art pour l’art; so wur­de viel­mehr nicht nur die Rea­li­tät der Bre­chung ihrer Cha­rak­te­re durch schwar­ze Päd­ago­gik wider­ge­spie­gelt, son­dern dar­über hin­aus die qual­vol­le Erin­ne­rung alter Men­schen, die all dies hat­te erlei­den müs­sen: Die Ver­schickungs­kin­der muss­ten den Tag über und auch nachts nach den Vor­ga­ben einer »tota­len Insti­tu­ti­on« funk­tio­nie­ren: schla­fen, ohne vorm Ein­schla­fen reden zu dür­fen, alles auf­es­sen, auch Ekli­ges, zuwei­len auch Erbro­che­nes, Schlä­ge erlei­den, in Gelas­se gesperrt zu wer­den, mit­tels Brief­zen­sur von den Eltern iso­liert zu wer­den, nicht mit Namen, son­dern mit Num­mern ange­re­det zu wer­den. Die­se Metho­den und ande­re mehr wur­den bis zum Über­druss sze­nisch so illu­striert, dass das Publi­kum es als Qual emp­fin­den mochte.

Die Lei­stung der vier alten Frau­en und vier alten Män­ner sowie der drei Dar­stel­le­rin­nen und Dar­stel­ler des Heim­per­so­nals wur­de mit fre­ne­ti­schem Bei­fall belohnt.

»Heim-Weh«, näch­ste Vor­stel­lun­gen: 8.6., 20 Uhr, 11.6., 20 Uhr.