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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Proletarische Prinzessinnen

Die­ser Roman ist einer der selt­sam­sten, die mir in letz­ter Zeit unter­ge­kom­men sind. Aber auch einer, des­sen Lek­tü­re die dafür inve­stier­te Zeit nicht nur lohnt, son­dern belohnt. Gewinn ist zu zie­hen aus dem selt­sa­men, aber immer mehr Sog ent­fal­ten­den Sprach­ge­brauch. Aus dem Eigen­sinn, der hier zu spü­ren ist, und der – in des Wor­tes schön­ster Bedeu­tung – pro­duk­tiv ist und macht, sowie aus den bizar­ren und gru­se­li­gen Ideen der pro­le­ta­ri­schen Prin­zes­sin­nen. Das sind die Ich-Erzäh­le­rin und ihre Freun­din Con­stan­ze, die aus jedem Wört­lein Semi­nar­the­men ent­wickelt, die so gro­tesk sind, dass sie fast der Wirk­lich­keit ent­stam­men könn­ten. Da ist zum Bei­spiel etwas für die Katz, die Schul­bil­dung etwa. Das Semi­nar setzt 15 Schwer­punk­te und beginnt so: »Wirt­schafts­sy­ste­me der Gegen­wart und ihr Ver­hält­nis zur Katz«. Es endet mit einem »Aus­blick auf eine kon­struk­ti­ve Katz«. Das Buch ent­hält noch mehr solch spitz­fin­di­ger und hoch­in­tel­li­gen­ter Ver­spot­tun­gen unse­rer Vor­trags-, Semi­nar- und Wei­ter­bil­dungs­kul­tur, auch des pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Geschwät­zes vie­ler Zeit­ge­nos­sen. Sie sind köst­lich zu lesen.

Die bei­den Hohei­ten legen Wert dar­auf, Prin­zes­sin­nen zu sein, »wie sie nicht in jedem Buche ste­hen«. Aber in die­sem ste­hen sie, und zwar stark und fest, sie haben die Gesprächs­ho­heit. Und das, obwohl plötz­lich im Wochen­lauf auf den Mon­tag wie­der ein Mon­tag folgt. Der viel­leicht erschrecken­de Umstand – es gibt genug Men­schen, die die­sen schö­nen Tag des Beginns nicht mögen – scheint aber die Akti­vi­tä­ten, den Taten­drang und die Rei­se­lust der bei­den Prin­zes­sin­nen anzu­kur­beln. (Wenn es ums Logie­ren in Hotels geht, sind sie auch gar nicht so pro­le­ta­risch, wie sie behaup­ten). Der Leser stellt dabei erschrocken fest, wie vie­le Demon­stran­ten, Spa­zier­gän­ger, Poli­zi­sten die­sen Tag für sich rekla­miert haben.

Ein unbe­ding­ter Vor­zug die­ses Romans, und er bezeugt die hohe Schreib­kunst sei­ner Ver­fas­se­rin, ist es, dass die Welt, die sie schil­dert, obzwar gro­tesk ver­zerrt, klar als unse­re Gegen­wart zu erken­nen ist. Da kön­nen in Leip­zig, wo die Prin­zes­sin­nen woh­nen, auf einem Rum­mel­platz Rie­sen ein Karus­sell betrei­ben, da mischt ein »Unsicht­ba­res Kind« sich kom­men­tie­rend ein und wird spä­ter gar zur Welt gebracht. Sicht­ba­re Kin­der hat die Erzäh­le­rin auch, die sie wecken und zur Schu­le trei­ben muss.

Der selt­sam­ste Haus­ge­nos­se der Prin­zes­sin­nen ist der Tod. Dass er mit ihnen lebt, ist ihnen ganz selbst­ver­ständ­lich. Der Tod ist zuerst ein wenig schwäch­lich, kränk­lich fast, und er hat nicht viel zu mel­den, gelangt aber wie­der zu Kräf­ten, etwa in der Mit­te des Romans wird mit­ge­teilt: »Der Tod kommt mit Ape­rol Spritz von der Bar. Wir sto­ßen an. Er sagt, er habe sich damit abge­fun­den, mög­li­cher­wei­se unglück­lich ver­liebt zu sein. Fern­be­zie­hung, sagt der Tod.« Mit zuneh­men­den Kräf­ten kann der Tod dann immer nach­drück­li­cher agie­ren. »Mit­ten wir im Leben sind mit dem Tod umfan­gen« – das alte luthe­ri­sche Kir­chen­lied klingt beim Lesen in einem auf. Wir wis­sen, dass der Tod ein stän­di­ger Gast ist, bei Hei­ke Geiß­ler ver­liert er als Mit­be­woh­ner sei­nen Schrecken.

Die mei­ster­li­che Dop­pel­deu­tig­keit, die Dop­pel­bö­dig­keit des Tex­tes erweist sich auch an den gei­sti­gen Bezü­gen und Anre­gun­gen, die man unbe­dingt in den »Quel­len« am Ende des Buches nach­le­sen muss. Dass ein Buch sich aus Büchern speist, das gereicht ihm nicht zum Nach­teil. Und die lite­ra­ri­sche Erre­gung über Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart hat man auch schon gele­sen. Aber hier ist etwas neu, das nicht nur mit der kon­se­quent weib­li­chen Sicht, die gewiss hell­sich­tig macht, zu tun hat. Viel­leicht, weil der Befund nach dem Lesen nicht nur lau­tet, dass die Umstän­de und Zustän­de nun ein­mal so sind, wie sie sind – son­dern dass man den Spaß an Fan­ta­sie und Wider­spruch spürt, dass sie Aus­we­ge eröff­nen, ja, einem bewusst machen, was man schnell ver­ges­sen kann: »Wir sind da und mög­lich.« Einen so tröst­li­chen Kom­men­tar auf unse­re Gegen­wart liest man sel­ten. Vor vie­len, vie­len Jah­ren emp­fahl ein Schul­funk­tio­när uns jun­gen Leh­rern, stets das Kom­mu­ni­sti­sche Mani­fest in der Tasche zu haben, damit wir für den All­tag immer gerü­stet sei­en. Er wur­de ange­grinst. Mit dem »Mani­fest« Hei­ke Geiß­lers in der Tasche lie­ße sich, glau­be ich, die Gegen­wart ganz gut begrei­fen und eine Wei­le aus­hal­ten. Und man hät­te einen wirk­li­chen Roman dabei: Ganz in der Rea­li­tät ver­an­kert und doch ein Fantasieprodukt.

 Hei­ke Geiß­ler: Die Woche. Roman. Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2022, 316 S., 24 €.