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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Jude – unschuldig?

Der Anfang: eine Zere­mo­nie der Ent­eh­rung. Ein klei­ner Trupp Sol­da­ten mar­schiert über einen rie­si­gen lee­ren Platz, gesäumt vom gesam­ten Regi­ment, kein Platz ist leer. Hin­ter Zäu­nen gaf­fen­de Zuschau­er. Die Schrit­te hal­len in die Stil­le, die vom Regi­ments­kom­man­deur unter­bro­chen wird. Vom Pferd aus ver­liest er das Urteil des Kriegs­ge­richts: Ver­ban­nung und mili­tä­ri­sche Degra­die­rung. Haupt­mann Alfred Drey­fus, ver­ur­teilt wegen Lan­des­ver­rats und Spio­na­ge für Deutsch­land. Drey­fus – ihm wird alles abge­ris­sen, was ihn zum Haupt­mann mach­te, die Insi­gni­en, sogar die Knöp­fe, der Säbel zer­bro­chen. Sein Gesicht spie­gelt Auf­ruhr: »Sol­da­ten, man ent­ehrt einen Unschul­di­gen«, ruft Drey­fus. Von den Zäu­nen tönt es »Lump«. Aus den Rei­hen der Offi­zie­re, die Drey­fus mit dem Fern­glas obser­vie­ren, die Fra­ge: »Wie sieht er aus?« Die Ant­wort: »Wie ein jüdi­scher Schnei­der, der den Preis der Gold­tres­sen abschätzt.« Drey­fus war der ein­zi­ge Jude im gesam­ten Generalstab.

So beginnt Roman Polanskis Film »Intri­ge«, der ab 6. Febru­ar in Deutsch­land gezeigt wird, Län­ge 132 Minu­ten. Das Dreh­buch ver­fass­te er gemein­sam mit dem Autor Robert Har­ris, der vor­her einen Roman über das The­ma geschrie­ben hat. Der Film erhielt 2019 in Vene­dig den gro­ßen Preis der Jury. In den Haupt­rol­len: Lou­is Gar­rel (Drey­fus), Jean Dujar­din (Marie-Geor­ges Pic­quart, Lei­ter der Inlands­spio­na­ge-Abtei­lung) und Emma­nu­el­le Seig­ner (Pau­li­ne Mon­nier, Gelieb­te von Picquart).

Der Film – ein Histo­ri­en­dra­ma – führt uns in die Welt des Mili­tärs mit deren eige­nen Riten und Nor­men. Für Zivi­li­sten exo­tisch. Das Volk bleibt drau­ßen, rebel­liert oder applau­diert an den Zäu­nen, auf der Trep­pe zum Gericht. Die Ehre ist das Wich­tig­ste für Offi­zie­re. Und das Erfül­len der Pflicht, das Han­deln auf Befehl – auch wenn der kri­mi­nell ist. Ver­tu­schen, aber ohne Auf­se­hen. Der all­ge­gen­wär­ti­ge Anti­se­mi­tis­mus durch­zieht den Film, der die Zeit um 1900 beschreibt. Alles stimmt wun­der­bar: das Inte­ri­eur, alte Gerät­schaf­ten, Tele­fon, Foto­ap­pa­ra­te, wobei die Arbeit des Geheim­dien­stes oft an die Gegen­wart erin­nert, etwas pri­mi­ti­ver, gewiss, Brie­fe über Dampf geöff­net, Beob­ach­tung mit Fern­rohr. Die Akten mit Schlei­fen zusam­men­ge­bun­den. Alles düster und ver­staubt. Der neue Chef des Nach­rich­ten­dien­stes Marie-Geor­ges Pic­quart ver­sucht immer wie­der, die Fen­ster auf­zu­rei­ßen, ver­geb­lich. Anti­se­mit auch er, der den ver­ur­teil­ten Juden Drey­fus spä­ter für unschul­dig hal­ten wird. War­um erfah­ren denn die Deut­schen noch immer Geheim­nis­se, obwohl der als schul­dig Ver­ur­teil­te auf der Teu­fels­in­sel in Fran­zö­sisch-Gua­ya­na fest­ge­hal­ten, ja in Eisen gelegt wird?

Es beginnt ein akri­bi­sches Recher­chie­ren, was ihn in den Augen sei­ner Vor­ge­setz­ten selbst bela­stet. Ein Besuch bei sei­nem Vor­gän­ger im Amt, Oberst Sand­herr, der krank im Bett liegt. Der über­gibt Pic­quart eine Liste mit den Namen von 100.000 poten­ti­el­len Ver­rä­tern, die im Kriegs­fall zu inter­nie­ren sind – Aus­län­der vor allem. »Die Juden sind da noch nicht drin«, stellt er lako­nisch fest. Er spricht von »Ent­ar­tung, die sich durch unser Land zieht«. Das alles ist nor­mal – damals? Brie­fe, ein Tele­gramm, das nicht abge­schickt wur­de – alles mani­pu­liert als Bewei­se. Da sit­zen sie im pit­to­res­ken Gebäu­de des Nach­rich­ten­dien­stes und ver­su­chen, zer­ris­se­ne Brie­fe zusam­men­zu­set­zen. Dem Zuschau­er kommt so etwas bekannt vor. Wer ist die »Kanail­le D«? Das kann doch nur Drey­fus sein. Es ist ein Mann namens »Dubo­is«, ein Drucker, der ver­schie­de­ne Spra­chen spricht. Als Pic­quart sei­nen Vor­ge­setz­ten Gene­ral Gon­se im Urlaub besucht, er den Satz aus­zu­spre­chen wagt, Drey­fus sei unschul­dig, muss er hören, wie unwich­tig das ist. »Was küm­mert Sie es, wenn ein Jude auf einer ein­sa­men Insel hockt?« Er sol­le schwei­gen. Das ist ein Befehl. Der wird miss­ach­tet. Der Brief, der aus dem Papier­korb des deut­schen Mili­tär­at­ta­chés in Paris gefischt und von der Putz­frau wei­ter­ge­ge­ben wur­de, in einer Kir­che hin­ter­legt, er stammt von dem Major Fer­di­nand Wal­sin-Ester­há­zy, der spä­ter auch ange­klagt und frei­ge­spro­chen wird, freigesprochen!

Auch Pic­quart bekommt eine Ankla­ge und eine Ver­set­zung in nord­afri­ka­ni­sche Gar­ni­so­nen. Sei­ne Woh­nung wird durch­sucht. Wie­der zurück in Frank­reich nimmt er an einer gehei­men Zusam­men­kunft teil, wo er den Her­aus­ge­ber der Zei­tung L´Aurore und Émi­le Zola trifft. Den hat vor allem der Frei­spruch Ester­há­zys zu sei­nem berühm­ten Auf­ruf »J´Accuse« in der L´Aurore gebracht, der am 13. Janu­ar 1898 erschien. Er klag­te alle Offi­zie­re, Gene­rä­le an, nann­te ihre Namen – dafür wur­de auch er ver­ur­teilt zu einem Jahr Gefäng­nis. Alle haben sei­nen flam­men­den Appell gele­sen. Die Reak­ti­on: bren­nen­de Schei­ter­hau­fen, Zei­tun­gen, Bücher, »Tod den Juden«-Rufe und Schmie­re­rei­en an Geschäften.

Pic­quart hat nicht gegen die Juden­feind­schaft gekämpft, nein, er woll­te nur »unse­re Ehre anders als mit blin­dem Gehor­sam ver­tei­di­gen«, bekennt er. »Blin­der Gehor­sam«, das bezieht sich vor allem wohl auf Major Hen­ry, auch Mit­glied des Gene­ral­stabs, der nur tun will, was ihm gesagt wird: »Wenn ich jemand erschie­ßen soll, tue ich es.« Er beschul­digt im Pro­zess Pic­quart, obwohl er selbst der Fäl­scher ist. Es endet im Fecht-Duell. Hen­ry wird ver­letzt. Auch er wird ver­haf­tet, er hat die Fäl­schung nun zugegeben.

Pic­quart sitzt drau­ßen im Café. Ein Mann kommt und stürzt sich auf ihn, schlägt ihn nie­der: »Feig­ling, drecki­ger Jude!« ruft der Angrei­fer. Schnel­ler Schnitt. Schlag­zei­len: Drey­fus wie­der in Frank­reich. Ein erneu­tes Ver­fah­ren gegen ihn. Er beteu­ert sei­ne Unschuld, um der Ehre wil­len. Hat sich nichts geän­dert? Wie­der gibt es Stim­men, die von »Mil­lio­nen, die das Juden­tum für ihn aus­gab« rau­nen. Eine Sze­ne im Park: Pic­quart trifft den Anwalt Labo­ri, er hat die Akten dabei, ist guter Din­ge. Ein Unbe­kann­ter kommt von hin­ten und schießt auf den Anwalt, ver­schwin­det im Unterholz.

Drey­fus wur­de am 9. Sep­tem­ber 1899 erneut des Hoch­ver­rats schul­dig gespro­chen, aber das Straf­maß auf zehn Jah­re Gefäng­nis abge­mil­dert. Zehn Tage spä­ter begna­dig­te der Prä­si­dent der Repu­blik Drey­fus. Unein­ge­schränk­te Reha­bi­li­tie­rung erreich­te Drey­fus erst 1906. Die Zei­ten hat­ten sich geän­dert. Er wur­de wie­der in die Armee auf­ge­nom­men. In einem Nach­spann tref­fen Drey­fus und Pic­quart, der inzwi­schen zum Kriegs­mi­ni­ster auf­ge­stie­gen ist, zusam­men. Drey­fus möch­te Beför­de­rung, die unver­schul­de­te Haft­stra­fe müs­se ange­rech­net wer­den. Pic­qart will die Debat­te nicht neu eröff­nen, aber: »Ohne Sie hät­te ich das nicht erreicht.« Drey­fus: »Sie haben das erreicht, weil Sie Ihre Pflicht getan haben.« Die Pflicht – damit endet die­ser Film, der nach 125 Jah­ren aktu­ell ist.