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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Erinnerung im deutschen Fußball

Nie­mand kann mir nach­sa­gen, dass ich ein begei­ster­ter Fuß­ball-Fan sei. Tat­säch­lich habe ich noch nie ein Fuß­ball­sta­di­on wäh­rend eines Spiels von innen gese­hen, und noch nie habe ich das als Man­gel emp­fun­den. Bis neu­lich, als mir das wun­der­ba­re Foto aus dem Sta­di­on in Mön­chen­glad­bach wäh­rend des Spiels gegen den FC Bay­ern am 7. Dezem­ber zuge­schickt wur­de. Die Fans ver­folg­ten das Spiel unter drei gro­ßen, über meh­re­re Blöcke aus­ge­spann­ten Ban­nern mit der Auf­schrift: »Anti­fa­schis­mus ist und bleibt gemein­nüt­zig!« Und: »Fin­ger weg von VVN!« Super, dach­te ich – und dass ich bei so einer ein­ma­li­gen Akti­on zur Ver­tei­di­gung des Anti­fa­schis­mus – der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) soll die Gemein­nüt­zig­keit ent­zo­gen wer­den (s. Ossietzky 24/​2019) – gern dabei gewe­sen wäre.

Ein­ma­li­ge Akti­on? Von wegen. Gestern erhielt ich eine Pres­se­mit­tei­lung, die mich erneut begei­ster­te. Sie kam von einer Initia­ti­ve »!Nie wie­der – Erin­ne­rungs­tag im deut­schen Fuß­ball«, die am 27. Janu­ar 2004 in der Ver­söh­nungs­kir­che auf dem Gelän­de der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au gegrün­det wur­de. Es han­de­le sich, so las ich, um »ein Bünd­nis aus Ein­zel­per­so­nen, Fan­grup­pen und Fan­pro­jek­ten, Ver­ei­nen, Ver­bän­den und Insti­tu­tio­nen aus dem Fuß­ball«, das sich für eine wür­di­ge Gedenk­kul­tur und für ein Sta­di­on ohne Dis­kri­mi­nie­rung enga­gie­re. Aktu­el­ler Anlass für die Pres­se­mit­tei­lung sei der bevor­ste­hen­de inter­na­tio­na­le Gedenk­tag für die Opfer des deut­schen Faschis­mus am 27. Janu­ar. Ange­kün­digt wur­den ver­schie­de­ne Akti­vi­tä­ten an den Spiel­ta­gen rund um die­ses Datum, bun­des­weit in den Sta­di­en und außer­halb davon. So wur­den bei­spiels­wei­se Tex­te erar­bei­tet und mit der Deut­schen Fuß­ball Liga (DFL) abge­stimmt, die den Ver­ei­nen zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, um sie als »Sta­di­on­durch­sa­ge« zu ver­le­sen bezie­hungs­wei­se in ihren Sta­di­on­ma­ga­zi­nen zu ver­öf­fent­li­chen. Die Akti­vi­tä­ten im Sta­di­on sol­len von einer Fül­le von Aktio­nen im und um das Sta­di­on her­um beglei­tet wer­den. »Vom Selbst­ver­ständ­nis einer ›Gras­wur­zel­be­we­gung‹ geprägt, pla­nen und orga­ni­sie­ren die Bünd­nis­part­ner ihre ›Ein­mi­schun­gen‹ auto­nom«, heißt es in der Pressemitteilung.

Der Text, der als Sta­di­on­durch­sa­ge ver­le­sen wer­den soll, erin­nert zunächst an die Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz durch die Rote Armee vor 75 Jah­ren. »In Demut, Respekt und Mit­ge­fühl geden­ken wir aller Opfer, der Über­le­ben­den und ihrer Fami­li­en.« Auch Men­schen aus der »Fuß­ball­fa­mi­lie« sei­en ver­folgt und ermor­det wor­den. »Statt sie zu schüt­zen, schlos­sen die Ver­ei­ne ihre jüdi­schen und kom­mu­ni­sti­schen Mit­glie­der aus. Die Schuld der Preis­ga­be wird unver­ges­sen blei­ben.« In beson­de­rer Ver­ant­wor­tung ste­he der deut­sche Fuß­ball gegen­über den Sin­ti und Roma, die zu Hun­dert­tau­sen­den zu Opfern der Ver­nich­tungs­po­li­tik der Nazis wur­den. »Es war der lang­jäh­ri­ge DFB-Prä­si­dent Felix Lin­ne­mann, der vor 1945 als SS-Stan­dar­ten­füh­rer und Kri­po­chef von Han­no­ver unmit­tel­bar an ihrer bru­ta­len Ver­fol­gung betei­ligt war.«

Ver­pflich­tet füh­len sich die Fuß­ball-Fans der Initia­ti­ve der euro­päi­schen Frie­dens­vi­si­on des Walt­her Ben­se­mann. Der aus einer jüdi­schen Fami­lie stam­men­de Fuß­ball­pio­nier, Mit­be­grün­der des Deut­schen Fuß­ball­bunds (1900) und der Fuß­ball­zeit­schrift Kicker (1920), trug wesent­lich dazu bei, dass der vor­her in Deutsch­land ver­pön­te Fuß­ball zu einem Volks­sport wur­de. »Mit sei­nem sozia­len Enga­ge­ment, mit sei­nem muti­gen Anschrei­ben gegen den völ­ki­schen Natio­na­lis­mus, mit sei­ner For­de­rung nach ›Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa‹ weist er uns den Weg. Er wuss­te, der Fuß­ball kann das«, so die geplan­te Stadiondurchsage.

Die Erin­ne­rung an den Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma bil­det einen Schwer­punkt der dies­jäh­ri­gen Akti­vi­tä­ten. Ange­sichts des wie­der zuneh­men­den Anti­zi­ga­nis­mus in Deutsch­land und bei unse­ren euro­päi­schen Nach­barn sei es »das Gebot der Stun­de, sich zusam­men mit den Sin­ti- und Roma-Freund*innen gegen die­ses Übel ent­schie­den zur Wehr zu set­zen«. So lädt das Fan­pro­jekt Mün­chen zusam­men mit der Ver­söh­nungs­kir­che Dach­au, der Flücht­lings­in­itia­ti­ve »Bel­le­vue de Mona­co« und der Initia­ti­ve »!Nie wie­der« zu einem Gespräch mit dem Sin­to Oswald Mar­schall ein (30.1. um 19 Uhr, Mün­chen, Bel­le­vue de Mona­co, Mül­ler­stra­ße 2-6). Dem erfolg­rei­chen Ama­teur­bo­xer ver­wei­ger­te der Deut­sche Box­ver­band 1976, trotz sei­ner Spit­zen­lei­stun­gen, die Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Spie­len. Danach gab der damals 22-Jäh­ri­ge sei­ne Kar­rie­re auf, wur­de Box­trai­ner und wid­me­te sich der För­de­rung von Jugend­li­chen aus der Min­der­heit und der Mehr­heits­ge­sell­schaft durch Sport. Gleich­zei­tig enga­gier­te er sich in der Bür­ger­rechts­be­we­gung der Sin­ti und Roma. Heu­te ist er Poli­ti­scher Refe­rent des Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma.

Auch anders­wo wer­den »Erin­ne­rungs­ta­ge im deut­schen Fuß­ball« began­gen. In Mainz zum Bei­spiel sind ver­schie­de­ne Aktio­nen im Rah­men der »Main­zer Erin­ne­rungs­wo­chen« (19.1.–11.2.) der Geschich­te der Sin­ti und Roma gewid­met. Im Fan­haus (Wei­sen­au­er Stra­ße 15) zeigt eine Aus­stel­lung mit dem Titel »Abseits im eige­nen Land« die Geschich­te von Sin­ti-und-Roma-Sport­lern und die Wid­rig­kei­ten, mit denen sie zu kämp­fen hat­ten. Oswald Mar­schall spricht dort am 29. Janu­ar im Haus des Erin­nerns, Flachs­markt­stra­ße 36. Und für den 1. Febru­ar ist eine Sta­di­onak­ti­on vor dem Heim­spiel der Main­zer gegen Bay­ern Mün­chen in der OPEL-Are­na geplant. Nach Anga­ben der All­ge­mei­nen Zei­tung wird Roma­ni Rose, der Vor­sit­zen­de des Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma, eine Anspra­che hal­ten. Das gan­ze Pro­gramm der Main­zer Erin­ne­rungs­wo­chen mit wei­te­ren inter­es­san­ten Ver­an­stal­tun­gen (dar­un­ter Lesung und Kon­zert mit Esther Beja­ra­no und der Micro­pho­ne Mafia) ist im Inter­net unter https://www.allgemeine-zeitung.de/fm/819/Erinnerungswochen 2020.pdf abrufbar.

Ob ich also dem­nächst doch mal ins Fuß­ball­sta­di­on gehe? Mal sehen … Jeden­falls wer­de ich mir am 1. Febru­ar die Sport­schau anse­hen. Und vor­her Oswald Mar­schall zuhören.