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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Ein reizendes Rangfoyer-Solo«

So fer­tig­te der Rezen­sent des Ham­bur­ger Abend­blatts nach der Pre­mie­re die Lei­stung des Schau­spie­lers Samu­el Weiss ab und setz­te hin­zu: »Lei­der wenig mehr.«

Das scheint mir nicht gerecht­fer­tigt. Wie soll­te die letz­te Ver­öf­fent­li­chung, die Fried­rich Nietz­sche her­aus­brach­te, bevor sein Wahn­sinn mani­fest wur­de, anders als über­dreht und komö­di­an­tisch dar­ge­stellt wer­den? Im vol­len Ernst wäre eine Adap­ti­on nicht erträglich.

Die Auf­füh­rung am 16.12. fand im Rang-Foy­er des Schau­spiel­hau­ses statt, das für gut zwei Dut­zend Per­so­nen Platz bot. Das Büh­nen­bild stellt eine Art rie­si­ger Wohn­kü­che (mit angren­zen­dem pyra­mi­den­ar­ti­gem Bau­werk) dar, mit Gerä­ten – Kaf­fee­ma­schi­ne, Toa­ster, Mikro­wel­le –, die alle vom Dar­stel­ler Nietz­sches in Funk­ti­on gesetzt wer­den, so dass eine Slap­stick-Komik ent­steht, die auch davor nicht zurück­schreckt, dass er sich nach den ersten Schlucken Kaf­fees auf einem Eimer erleichtert.

Sein Erschei­nungs­bild ändert sich im Lauf der Auf­füh­rung oft; tex­ti­le Wän­de die­nen als Hilfs­mit­tel der Ver­klei­dung: Zunächst in Jeans und Unter­hemd, taucht er dann in einer Art Gei­sha-Kostüm, dann nackt, spä­ter auch in einem durch­sich­ti­gen Pla­stik­an­zug mit Pla­teau­schu­hen und High-Heels auf, dabei auch kopf­über an einem Fla­schen­zug hängend.

Die bur­les­ke Sze­ne­rie und das komö­di­an­ti­sche Talent des Schau­spie­lers las­sen den Ver­dacht auf­kom­men, das Gan­ze sei ein ein­zi­ger Kla­mauk. Mein Sitz­nach­bar woll­te sich stän­dig scheckiglachen.

Dage­gen ist aller­dings dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Samu­el Weiss durch­aus ande­re Facet­ten des Ver­fas­sers von »Ecce homo« zum Aus­druck brach­te: Er war auch der »Über­mensch«, der »Wei­se«, der »tra­gi­sche Phi­lo­soph«, der »Unver­stan­de­ne«, der »Umwer­ter«, der Ver­eh­rer des Got­tes Dio­ny­sos, als den Nietz­sche sich selbst gern stilisierte.

Eben­so wie die­se Facet­ten, tra­ten Nietz­sches The­men her­vor, wenn­gleich weni­ger offen­kun­dig; sie lie­ßen sich aber durch­aus erken­nen: der »amor fati« (»ruu­si­sche Säälä«), die Wei­ge­rung, auf die Schlä­ge des Schick­sals zu reagie­ren, die Abnei­gung gegen sei­ne Lands­leu­te als Ver­der­ber der Kul­tur, gegen den zuvor von ihm ver­göt­ter­ten Wag­ner, aber auch die Bedeu­tung der Ernäh­rung für die Stär­kung des »Über­men­schen«, den er pries, sei­ne künst­li­che Genea­lo­gie (als Sohn Cae­sars und Alex­an­ders des Gro­ßen) und die Bedeu­tungs­lo­sig­keit der bio­lo­gi­schen Eltern für die Ent­wick­lung der Persönlichkeit.

Ist es berech­tigt, Nietz­sche als »Hans­wurst« dar­zu­stel­len? Ja, aus ver­schie­de­nen Grün­den: Zum einen, weil dies eine Rol­le war, die er nach eige­ner Aus­sa­ge der des »Hei­li­gen« vor­zog, vor allem aber, weil die Nietz­sche-Ver­eh­rung in der Geschich­te pro­ble­ma­ti­sche Fol­gen nach sich zog, für die nicht zuletzt Nietz­sches Schwe­ster Ver­ant­wor­tung trug: Irra­tio­na­lis­mus, Ver­eh­rung des »Über­men­schen«, Kron­zeu­ge des Faschismus.

Wenn ich das Schluss­bild rich­tig ver­stan­den habe, zeigt der Regis­seur schließ­lich auch sei­ne Zunei­gung: Samu­el Weiss umarmt eine Papp­säu­le, die zu Beginn eine Dyna­mit­stan­ge mit Zünd­schnur dar­stellt. Sie erin­ner­te mich in die­ser Funk­ti­on an ein Bild vom Aus­bruch Nietz­sches Wahn­sinns in Turin. In Gott­fried Ben­ns Gedicht »Turin« heißt es: »Indes Euro­pas Edelfäule/​ an Pau, Bay­reuth und Epsom sog, /​ umarm­te er zwei Drosch­ken­gäu­le, /​ bis ihn sein Wirt nach Hau­se zog. «

Näch­ste Auf­füh­rung: 11.1.2022, 19 Uhr.