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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eine Instanz

1979, in einer kur­zen »Aus­kunft« nach ihrer Auf­nah­me stell­te sich Chri­sta Wolf den Mit­glie­dern der »Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung« in Darm­stadt vor: »Hei­mat­su­che kann man aus häu­fi­gem Orts­wech­sel sicher her­aus­le­sen; aber vor allem: Da war eine gro­ße Neu­gier, eine star­ke akti­ve Anteil­nah­me an dem Unter­neh­men einer Gesell­schaft, mit den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen ›das Leben‹ zu ändern. Es schien uns – vie­len mei­ner Genera­ti­on – änderns­wert, und das scheint es mir heu­te noch. (…) Mir scheint, daß der anstren­gen­de, schmerz­haf­te Ver­such, nicht zu Ver­ein­ba­ren­des mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren, seit lan­gem schon, und bis heu­te, eine Wur­zel für den Zwang zum Schrei­ben ist. So ent­steht – ent­stand – bei mir Bin­dung, als ein wider­sprüch­li­cher Pro­zeß; so – aus Über­ein­stim­mung und Rei­bung, aus Hoff­nung und Kon­flikt – ent­stan­den die Bücher, die ich bis­her geschrie­ben habe.«

Bes­ser kann man es nicht erklä­ren, und weil sie kei­nen grund­sätz­li­chen Unter­schied zwi­schen ihrer Pro­sa und ihrer Essay­istik gese­hen hat, kann man getrost die jetzt erschie­ne­nen drei Bän­de »Sämt­li­che Reden und Essays«, her­aus­ge­ge­ben von Son­ja Hil­z­in­ger, unter die­ser War­te betrach­ten und bestä­ti­gen: Aus Über­ein­stim­mung und Rei­bung, aus Hoff­nung und Kon­flikt wur­den die­se Tex­te geschaf­fen, 1800 Sei­ten! Ein eige­nes Lebens­werk neben den bekann­ten Romanen.

Beim Wie­der-Lesen und Blät­tern wird mir bewusst, wie sehr sie fehlt, aber auch, wie sich das Leben ver­än­dert hat und wie anders Schrift­stel­ler heu­te sind. Fast seis­mo­gra­fisch reagier­te sie auf die Zei­chen der Zeit, misch­te sich ein – auf ihre Art, die oft als »essay­istisch« bezeich­net wur­de. Seit »Nach­den­ken über Chri­sta T.«, ja schon erkenn­bar im »Geteil­ten Him­mel«, ver­voll­komm­ne­te sie die­se Metho­de: »Die Gang­art nicht gleich­mä­ßig, oft zögernd, stockend, Rück­we­ge ein­ge­schlos­sen. (…) Auto­bio­gra­fi­sches Schrei­ben muß, jeden­falls in unse­rer Zeit, Selbst­er­for­schung sein, was heißt, in die Untie­fen der eige­nen Erin­ne­rung abzu­tau­chen, Schmerz und Scham zu erfah­ren und die Fun­de, die man in die Bewußt­seins­hel­le her­auf­bringt, in ihrer Authen­ti­zi­tät immer wie­der in Fra­ge zu stellen.«

Sel­ten hob sie ab in phi­lo­so­phi­sche Sphä­ren, sie blieb im Irdi­schen, wenn sie in ihren Tex­ten mit­teil­te, wo sie gera­de schrieb, wer sie ange­regt hat, selbst, wie das Wet­ter gera­de war. In ihren Vor­le­sun­gen zu »Kas­san­dra« war es eine Grie­chen­land­rei­se, in die sie die ästhe­ti­schen und poli­ti­schen Pro­ble­me ein­bet­te­te. In den Tex­ten an und über die Freun­de ist der Wein, der gemein­sam getrun­ken wor­den war, genau­so wich­tig wie das Essen, das »G.« ihnen zu Ehren gekocht hat­te. Schrei­ben ist für sie eine »heik­le Tätig­keit«, sie schreibt nicht aus Lust, gar aus Spaß, son­dern aus dem Gewis­sens­zwang, den sie sich sel­ber auf­er­legt. Und Schmerz? Ja, auch Schmerz über Unein­ge­lö­stes teilt sich mit. So ent­stand der »Chri­sta-Wolf-Sound«, von Jün­ge­ren, bei­spiels­wei­se Tho­mas Brussig, belä­stert, aber von vie­len – Brie­fe bezeu­gen es – bewundert.

So wurde/​war sie eine Instanz. »Erin­ne­rung« und »Gewis­sen« sind Haupt­wör­ter, und nie ging es um Lite­ra­tur oder Kunst allein. »Leben« im umfas­sen­den Sinn wur­de befragt, sei es das klein­ste Detail in Sachen Kin­der­er­zie­hung oder die gro­ße Poli­tik. Wie enga­giert trat sie für – auch ein­sei­ti­ge – Abrü­stung ein und wie auf­merk­sam und sen­si­bel reagier­te sie, wenn es um Män­ner und Frau­en ging! Dabei misch­te sie sich ein in Sachen, die Schrift­stel­ler lie­ber ande­ren – der Wis­sen­schaft – über­lie­ßen, sie schrieb unter ande­rem über Krank­hei­ten, Gene­tik und Atom­phy­sik. Über Kas­san­dras und Mede­as wuss­te sie bes­ser Bescheid als die Spezialisten.

Die Tex­te sind chro­no­lo­gisch geord­net mit jeweils einem Nach­wort der Her­aus­ge­be­rin Son­ja Hil­z­in­ger. Dar­in geht sie ein auf die domi­nie­ren­den The­men in den ver­schie­de­nen Jah­ren. Im ersten Band (1961 – 1980) behan­delt sie den Pro­zess der Selbst­fin­dung als Autorin. Wesent­lich dafür war zwei­fel­los die Annä­he­rung an Inge­borg Bach­mann und vor allem der Essay »Lesen und Schrei­ben« (1968). Hier fin­den sich die grund­sätz­li­chen Posi­tio­nen, die für Chri­sta Wolfs Lite­ra­tur­ver­ständ­nis wesent­lich wur­den. So fragt sie, wel­che Bedeu­tung Lite­ra­tur im Leben des Men­schen habe und stellt sich ein Schreckens­sze­na­rio von einer Men­schen­welt ohne Wis­sen von Mär­chen und Sagen, ohne die Kennt­nis von Welt­li­te­ra­tur, ohne Lie­der vor. So eine Welt ohne tie­fe Regun­gen und eine huma­ne Grund­sub­stanz war damals, da man noch an Zukunft und eine pro­gres­si­ve Ent­wick­lung glaub­te, gera­de­zu undenk- und unvor­stell­bar. Lite­ra­tur stößt in Tie­fen und Untie­fen, sie soll­te – so mein­te sie – gar unver­film­bar sein, wobei doch Kon­rad Wolfs »Der geteil­te Him­mel« (1964) ein gro­ßer Erfolg wur­de und es eine Zeit gab, in der sie und Ger­hard Wolf vor allem Dreh­bü­cher schrieben.

Im zwei­ten Band (1981-1990) wird die zuneh­men­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt­la­ge und die kri­ti­sche Reflek­ti­on der eige­nen Gesell­schaft erkenn­bar und domi­nie­rend. Manch­mal unter­schei­det sich ihr Text kaum von denen von Poli­ti­kern, und so sahen sie und ihre Kol­le­gen sich auch, wenn sie auf inter­na­tio­na­len Foren Ver­stän­di­gung, Frie­den und Abrü­stung ein­klag­ten. Der Gedan­ke, das sei nicht ihre Sache, kam gar nicht auf, schien es doch dar­um zu gehen, die Welt zu ret­ten. Das haben sie zwar nicht erreicht, hat­ten aber doch wesent­li­chen Anteil dar­an, dass es eine kur­ze Zeit der Hoff­nung für uns gab. Chri­sta Wolf geriet »in den Stru­del von Ver­samm­lun­gen, Bera­tun­gen, Reso­lu­tio­nen, Mee­tings, Ver­laut­ba­run­gen, Demon­stra­tio­nen, in denen wir, über­for­dert natür­lich, ver­su­chen muß­ten, die Übel des alten Systems mit aller Schär­fe zu benen­nen, auf­zu­decken und doch gleich­zei­tig Züge an uns selbst und den ande­ren zu fin­den und zu ent­wickeln, die uns wei­ter­hel­fen konnten.«

Chri­sta Wolf beob­ach­te­te die Ent­wick­lung genau und sah schnell die Schwach­stel­len. Nicht leicht dabei war für sie die Erfah­rung, nicht gewollt zu sein, auch ver­leum­det zu wer­den. Noch schwe­rer für sie eine ver­ges­se­ne IM-Akte aus frü­hen Jah­ren. »Es gibt, lese ich, ein Men­schen­recht auf Irr­tum. Gibt es ein Men­schen­recht auf eine IM-Akte?«, schreibt sie in einem ver­zwei­fel­ten Brief-Gedicht an den Freund Vol­ker Braun.

Mehr noch als frü­her wid­met sie sich den Freun­den (allein, wie oft rede­te sie – ob bei Leb­zei­ten oder nach deren Tod – mit oder über die Men­to­rin und Freun­din Anna Seg­hers!) Wenn sie 2009 an Adolf Muschg schreibt: »Die Welt will nicht nach unse­ren Vor­stel­lun­gen lau­fen, nicht wahr?«, blieb sie doch immer die Hell­sich­ti­ge und die War­ne­rin: »Die absur­de Lage, in der wir uns befin­den, ist es ja, daß wir von den zer­stö­re­ri­schen Mäch­ten abhän­gig sind; daß wir mit ihnen in einem Boot, rich­ti­ger: in einem Kriegs­schiff sit­zen und ihr Unter­gang uns mit hin­ab­rei­ßen wür­de. (…) Die gro­ße Fra­ge ist, ob die Kräf­te, die Alter­na­ti­ven schaf­fen, schnell genug wach­sen kön­nen.« (2007) Es sieht lei­der nach wie vor nicht danach aus.

Chri­sta Wolf: Essays und Reden, hrsg. von Son­ja Hil­z­in­ger, Suhr­kamp, 1800 S., 36 €.