Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Feindliche Übernahme

»Ab näch­ster Woche bin ich arbeits­los«, sag­te Paul unvermittelt.

Mar­tin schau­te ihn erschrocken an. »Dir ist gekün­digt worden?«

»Von heut auf mor­gen. Ein Heu-schrecken-Über­fall, ein Skan­dal. Aber nie­mand greift sowas auf.«

Paul war Phar­ma­re­fe­rent, das heißt er besuch­te Ärz­te, denen er Arz­nei­mit­tel vor­stell­te. »Unser Unter­neh­men wur­de von einem ame­ri­ka­ni­schen Kon­zern über­nom­men«, erzähl­te er. »Wir haben einen erheb­li­chen Gewinn gemacht, ein gesun­des Unter­neh­men. Dann haben sie uns im Voll­zug einer feind­li­chen Über­nah­me auf­ge­kauft. Den Kauf­preis haben sie mit Kre­di­ten bezahlt, die haben über­haupt kein eige­nes Kapi­tal ein­ge­setzt. Hin­ter­her haben sie die Kre­di­te mit unse­ren Gewin­nen und mit dem Ver­kauf eini­ger Filet­stücke abgelöst.«

»Eure Fir­ma müss­te sich doch eigent­lich hal­ten kön­nen«, mein­te Mar­tin. »Ihr habt einen ein­ge­führ­ten Namen.«

Paul seufz­te. »Die wol­len Rei­bach machen und sonst nichts. Jetzt sind sie dabei, den Rest der Fir­ma zu ver­sil­bern. Auf der Strecke bleibt die Belegschaft.«

Car­men leg­te ihm die Hand auf den Arm, weil er sich auf­reg­te und laut gewor­den war. »Wo soll ich denn in mei­nem Alter noch eine Stel­le fin­den? Mit Fünf­zig habe ich doch über­haupt kei­ne Chan­ce mehr. Und wenn ich Hartz IV bean­tra­gen muss, gehen nach und nach unse­re Erspar­nis­se flöten.«

Car­men nick­te. »Unse­re Rück­la­gen fürs Alter. Von der zu erwar­ten­den Ren­te kön­nen wir gera­de mal die festen Kosten bezah­len. Ich weiß gar nicht, wie es wei­ter­ge­hen soll.«

»Sie neh­men uns so oder so unse­re Erspar­nis­se weg«, sag­te Mar­tin, »spä­te­stens bei der zu erwar­ten­den Finanz­kri­se. Die Infla­ti­ons­ra­te steigt; auf mein Fest­geld bekom­me ich schon seit Jah­ren kei­ne Zin­sen mehr.«

»Nun malt mal den Teu­fel nicht an die Wand«, warf Agnes ein. »Uns geht’s doch eigent­lich gar nicht so schlecht.«

»Du hast gut reden«, hielt ihr Paul ent­ge­gen. »Du bist Beam­tin und kriegst regel­mä­ßig dein Gehalt. Wenn du nicht sil­ber­ne Löf­fel klaust, hast du ausgesorgt.«