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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Flach spielen, hoch gewinnen

War­um Fuß­ball, die­ses im Grun­de simp­le Spiel, bei dem – im Fal­le der aktu­el­len EM sind es 22 Män­ner – einer Leder­ku­gel nach­ren­nen, um mög­lichst vie­le Tore zu erzie­len, alle so begei­stert, dar­über zer­bre­chen sich seit Genera­tio­nen schlaue Men­schen den Kopf. Plau­si­ble Erklä­run­gen sind nicht bekannt.

Nur so viel ist sicher: Alles, was in unse­ren See­len so hef­tig bro­delt, darf hier nach Her­zens­lust aus­ge­lebt wer­den. Wut und Kampf, Frust und Freu­de, Trau­er und Eupho­rie, Unglück und Glück­se­lig­keit – nir­gend­wo lie­gen sie so nah bei­ein­an­der wie im Fuß­ball. Manch­mal ent­schei­det über das Wohl und Wehe ein läp­pi­scher Fehl­pass, ein gran­dio­ser Eck­ball. »Flach spie­len, hoch gewin­nen«, so brach­te es der gro­ße deut­sche Volks­phi­lo­soph Sepp Her­ber­ger der­einst auf den Punkt. Ein wei­ser Spruch, der nicht allein für den grü­nen Rasen gilt, son­dern auch als Meta­pher fürs Leben taugt – und das fin­det nun mal in der Regel nicht in der Loge, son­dern auf der Steh­tri­bü­ne statt.

Jetzt ist es also wie­der so weit: Anstoß zur Fuß­ball-Euro­pa­mei­ster­schaft. Spor­ti­ve Berufs­op­ti­mi­sten ver­kün­den auch dies­mal spek­ta­ku­lä­re Tore, groß­ar­ti­ge Spie­le, sen­sa­tio­nel­le Stim­mung (trotz mager gefüll­ter Tri­bü­nen). Fuß­ball ist eine genera­ti­ons­über­grei­fen­de Long­time-Soap. Mil­lio­nen sind dabei, fie­bern mit. Zwei­mal fünf­und­vier­zig Minu­ten las­sen vie­les ver­ges­sen: Coro­na-Desa­ster, Kli­ma-Alp­traum, Flücht­lings-Elend, Poli­tik-Sta­gna­ti­on. Flan­ke, Kopf­ball, Toooor!

Ver­ges­sen und ver­drängt sind gie­ri­ge Funk­tio­nä­re, mafiö­se Struk­tu­ren und Big Business.

Fuß­ball ist ein wun­der­ba­rer Mythos. Einer, der funk­tio­niert, wo Poli­tik ver­sagt. Es ist die Rache des Publi­kums an der Demo­kra­tie. Was es dort aus­hal­ten muss, kann es hier aus­le­ben. Brot und Spie­le. Und jetzt – Anpfiff!