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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Grün verpackter Deal

Die Web­site von Fri­days for Future Deutsch­land öff­net mit die­ser Aus­sa­ge: »Die Kli­ma­kri­se ist eine rea­le Bedro­hung für die mensch­li­che Zivi­li­sa­ti­on – die Bewäl­ti­gung der Kli­ma­kri­se ist die Haupt­auf­ga­be des 21. Jahr­hun­derts.« Das Kli­ma auf der Erde hängt auch damit zusam­men, wie wir Men­schen mit­ein­an­der umge­hen. Man­geln­de Rück­sicht auf­ein­an­der kor­re­spon­diert mit man­geln­der Acht­sam­keit im Umgang mit der Umwelt. Allein die­ser Zusam­men­hang macht schon klar, dass sich die Bedro­hung nicht iso­liert mit Ein­zel­maß­nah­men für Ener­gie­ef­fi­zi­enz, erneu­er­ba­re Ener­gie und Spar­sam­keit im Kon­sum lösen lässt.

In der Öko­lo­gie­be­we­gung debat­tie­ren Men­schen unter­schied­li­cher Welt­an­schau­un­gen und Par­tei-Prä­fe­ren­zen über die Fra­ge, wie fun­da­men­tal gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus­fal­len müs­sen, um nach­hal­ti­gen Kli­ma- und Umwelt­schutz zu gewährleisten.

Das erste Grund­satz­pro­gramm der Grü­nen von 1980 besag­te noch: »Wir wen­den uns gegen eine Wirt­schafts­ord­nung, in der die wirt­schaft­lich Mäch­ti­gen über den Arbeits­pro­zess, das Arbeits­er­geb­nis und die Exi­stenz­be­din­gun­gen der gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung bestimmen.«

Das aktu­el­le Grund­satz­pro­gramm hat sich von die­ser fun­da­men­ta­len Kri­tik am Wirt­schafts­sy­stem ver­ab­schie­det. Im Kapi­tel »Sozi­al-öko­lo­gi­sche Markt­wirt­schaft« lesen wir: »Den Weg zur sozi­al­öko­lo­gi­schen Markt­wirt­schaft berei­tet ein Green New Deal. Er schafft den neu­en Ord­nungs­rah­men für fai­res, öko­lo­gi­sches und nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten, indem er auf ein Bünd­nis aus Arbeit und Umwelt baut. Er inve­stiert mutig in die Zukunft. Er setzt neue Kräf­te für Krea­ti­vi­tät und Inno­va­tio­nen frei. Er sorgt für sozia­len Aus­gleich und för­dert eine geschlech­ter­ge­rech­te Gesellschaft.«

Der Begriff einer sozi­al­öko­lo­gi­schen Markt­wirt­schaft eröff­net den Bünd­nis­grü­nen Macht­per­spek­ti­ven für Koali­tio­nen, die in ihrer Grün­der­zeit undenk­bar schie­nen. Der Koali­ti­ons­ver­trag der Ampel-Par­tei­en greift auf, was die Bünd­nis­grü­nen erklä­ren: »Wir stel­len die Wei­chen auf eine sozi­al-öko­lo­gi­sche Markt­wirt­schaft und lei­ten ein Jahr­zehnt der Zukunfts­in­ve­sti­tio­nen ein. Damit legen wir die Grund­la­gen, um nach­hal­ti­gen Wohl­stand zu sichern, und schaf­fen Raum für Inno­va­ti­on, Wett­be­werbs­fä­hig­keit und mehr Effi­zi­enz, für gute Arbeit, sozia­len Auf­stieg und neue Stärke.«

Das wür­de auch die CSU unter­schrei­ben; ihr Par­tei­vor­stand erklär­te 2019 in sei­nem Papier »Die Kli­ma­stra­te­gie der CSU – Kli­ma schüt­zen, Kon­junk­tur stüt­zen«: »Unse­re Sozia­le Markt­wirt­schaft müs­sen wir um die öko­lo­gi­sche Dimen­si­on und damit um ein nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten erwei­tern. Die Öko­so­zia­le Markt­wirt­schaft ver­eint sozia­le, öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Zie­le gleichermaßen.«

Der Begriff der »sozia­len Markt­wirt­schaft«, ange­rei­chert mit Umwelt­schutz fin­det sich auch im AfD-Pro­gramm: »Sozia­le Markt­wirt­schaft statt Plan­wirt­schaft«. Der Punkt des Umwelt­schut­zes ent­larvt sich als Lip­pen­be­kennt­nis, folgt doch auf die Aus­sa­ge »Eine gesun­de Umwelt ist die Lebens­grund­la­ge für alle Men­schen und zukünf­ti­ge Genera­tio­nen« deren Rela­ti­vie­rung mit die­sen Wor­ten: »Natur­schutz darf nicht zu Lasten der Men­schen gehen.« Dass eine zer­stör­te Natur erst recht zu Lasten der Men­schen geht, fällt den Par­tei-Ideo­lo­gen offen­sicht­lich nicht auf.

Auch die Schwe­ster­par­tei der AfD in Öster­reich, die FPÖ, pro­pa­giert eine soge­nann­te sozia­le Markt­wirt­schaft und Umwelt­schutz: »Wir beken­nen uns zu einer Markt­wirt­schaft mit sozia­ler Ver­ant­wor­tung (…) und den Schutz unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen in einer wert­vol­len Natur- und Kulturlandschaft.«

Die­se pro­gram­ma­ti­sche Über­ein­stim­mung wischt die Unter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en in ande­ren Punk­ten nicht weg, sie drückt aber aus, dass sich hier auf­grund der Gemein­sam­kei­ten in der öko­no­mi­schen Grund­aus­rich­tung Fra­gen an die Ernst­haf­tig­keit der öko­lo­gi­schen Pro­gram­ma­tik stellen.

Die Kli­ma­ka­ta­stro­phe ist nicht die ein­zi­ge Zukunfts­ge­fähr­dung. Sie über­strahlt aller­dings alle ande­ren glo­ba­len Kata­stro­phen. Ein Grund für die Gefahr liegt dar­in, dass ein­fluss­rei­che Krei­se so tun, als läge der Weg zum ret­ten­den Ufer allein in der Inge­nieurs­kunst und in der unge­stör­ten Wirk­sam­keit des von ihnen »Markt« genann­ten Kapi­ta­lis­mus. Die Pro­pa­gie­rung einer öko­so­zia­len Markt­wirt­schaft kommt in der Pro­gram­ma­tik der SPD, der Bünd­nis­grü­nen, der CSU, der rech­ten FPÖ vor, und selbst AfD-Füh­rungs­kräf­ten stim­men da mit ein. Der Begriff »Markt« schränkt den Blick in die Welt der Öko­no­mie auf die Pro­zes­se des Ver­kaufs nach Fer­tig­stel­lung der Waren ein, er lenkt also von einer genau­en Ana­ly­se ab. Ein wich­ti­ger Schritt zur nach­hal­ti­gen Ret­tung, und dar­um geht es, ist die Abkehr vom Dog­ma, unse­rer Gesell­schafts­ord­nung sei, wie es die Pro­pa­gan­di­sten des Mark­tes behaup­ten, die best­mög­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­form für das Zusam­men­le­ben der Men­schen. Gegen­auf­klä­rung muss alles radi­kal auf den Prüf­stand stel­len: Belebt Kon­kur­renz das Geschäft? Ist Sicher­heits­po­li­tik mili­tä­risch durch­zu­füh­ren? Hilft Wachs­tum aus Kri­sen? Folgt Wohl­stand, wenn alle ego­istisch handeln?

Solan­ge offen ist, wohin die Rei­se geht, ist es das Gebot der Zeit, den Weg zum ret­ten­den Ufer mög­lichst weit offen zu hal­ten – mit Hil­fe von kurz­fri­stig durch­zu­füh­ren­den Ein­zel­maß­nah­men wie dem Aus­stieg aus Tech­no­lo­gien wie jenen, die der Ver­bren­nung fos­si­ler Ener­gien und der Atom­kraft bedür­fen. Die­se Schrit­te müs­sen dann durch gesell­schaft­li­che Umwäl­zun­gen nach­hal­tig werden.

Die Aus­lö­schung einer nicht zähl­ba­ren Sum­me von Arten im Tier­reich und in der Pflan­zen­welt, der Ver­lust der ein­ge­spiel­ten Balan­ce in den Kreis­läu­fen der Bio­sphä­re, Fake News als alter­na­ti­ve Fak­ten und die sozia­le Spal­tung der Gesellschaft/​en, die Gefahr des Atom­kriegs – all das ver­langt nach kurz- und lang­fri­sti­gen Ant­wor­ten besten­falls eines jeden Menschen.

Viel­leicht ist die Gefahr einer glo­ba­len Exi­stenz­kri­se für die Mensch­heit zugleich ihre gro­ße Chan­ce, erwach­sen zu wer­den, ihr Schick­sal als Welt­ge­mein­schaft in die eige­ne Hand zu neh­men, sich nichts mehr vor­zu­ma­chen. Das ist die Hoff­nung. Wenn kei­ne Angst mehr vor der Ver­ant­wor­tung im Weg ist, als Mensch­heit erwach­sen zu wer­den, wenn sich immer mehr Men­schen den Auf­ga­ben stel­len, die sich aus dem Auf­trag an die Leben­den erge­ben, die Gesell­schaft so zu gestal­ten, dass zukünf­ti­ge Genera­tio­nen wei­ter krea­tiv Zukunft gestal­ten kön­nen, dann gibt es viel­leicht einen Weg zum ret­ten­den Ufer. Dann sind kei­ne äuße­ren Mäch­te mehr ver­ant­wort­lich für das, was geschieht, kein Gott, kei­ne Zau­be­rer, kei­ne feind­li­che Macht, son­dern dann gestal­ten die Men­schen das Leben koope­ra­tiv mit­tels einer bewuss­ten Anpas­sung an die Umwelt­be­din­gun­gen ent­spre­chend ihren gemein­sa­men Bedürf­nis­sen. Dann ist der Stoff­wech­sel zwi­schen den Men­schen und der sie umge­ben­den Natur nicht mehr durch das Inter­es­se von Kon­zer­nen, und hier vor allem der mul­ti­na­tio­na­len, nach Ver­wer­tung von Res­sour­cen und Ver­mark­tung von Pro­duk­ten unterbrochen.

Dabei ist zu beto­nen, dass sich die Kri­tik nicht nur auf die Kon­zer­ne und deren Eig­ner und lei­ten­de Mana­ger redu­zie­ren darf, denn die­se neh­men ledig­lich Posi­tio­nen im System der Kon­kur­renz der Ein­zel­ka­pi­ta­le ein. Bleibt die Kri­tik auf der ober­fläch­li­chen Ebe­ne der Ankla­ge von aktu­ell Mäch­ti­gen, dann über­geht sie die Tat­sa­che, dass die Posi­tio­nen in einer Archi­tek­tur von ganz ganz oben über die Mit­tel­schich­ten bis ganz ganz unten das Pro­blem dar­stel­len. Das »System« ist nicht nur ein äuße­rer, son­dern auch ein inne­rer Feind. Wir sind Teil davon (sie­he hier­zu auch schon Tere­sa Sci­ac­ca »Pro­tect me from what I want« in Ossietzky 3/​2021). Eine redu­zier­te Kri­tik etwa an soge­nann­ten Eli­ten oder Ver­schwö­rern lenkt vom System ab und wird schei­tern, ins Lee­re lau­fen, und so einen Bei­trag zur Auf­recht­erhal­tung der Zukuft­s­ge­fähr­dun­gen leisten.