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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krieg um Gas?

Prä­si­dent Biden sprach sehr deut­lich aus, wor­um es geht, als Bun­des­kanz­ler Scholz ihn erst­mals am 7. Janu­ar in Washing­ton besuch­te: »Wenn rus­si­sche Trup­pen die Gren­ze zur Ukrai­ne über­schrei­ten wer­den – dann bedeu­tet das defi­ni­tiv das Aus für die Gas­pipe­line Nord Stream 2.« Die Mei­nungs­ge­ber der abend­li­chen Tages­schau kom­men­tier­ten Scholz’ Zusi­che­rung, »man wür­de dann alles tun, was nötig sei«, als völ­lig unzu­rei­chend, eben weil er Nord Stream 2 nicht expres­sis ver­bis benannte.

Jeder kann damit ver­ste­hen: Es geht den Ame­ri­ka­nern der­zeit offen­bar weni­ger um die Ukrai­ne als sol­che, son­dern um jene Ost­see-Pipe­line, die die USA von Beginn an abge­lehnt haben und seit­dem tor­pe­die­ren. Denn sie wol­len ver­hin­dern, dass in Zukunft Gas direkt von Russ­land nach Deutsch­land (und in wei­te­re EU-Län­der) gelei­tet wer­den kann und dabei die dazwi­schen lie­gen­den Staa­ten, Bela­rus und Ukrai­ne, über die Visegrád-Staa­ten bis zum Bal­ti­kum, außen vor blei­ben, die inzwi­schen alle­samt unter US-, und gro­ßen­teils unter Nato-Kon­trol­le stehen.

Die Ukrai­ne stell­te 2008 ein erstes Bei­tritts­ge­such zur Nato, doch der dama­li­ge Prä­si­dent Janu­ko­witsch zog 2010 eine neu­tra­le Posi­ti­on des Lan­des vor, was auch Deutsch­land damals befür­wor­te­te. Selbst nach dem obsku­ren Putsch des Mai­dan (Febru­ar 2014) und der fol­gen­den Inte­rims­re­gie­rung in Kiew behielt man die­sen Sta­tus bei – obwohl Prä­si­dent Oba­ma sofort den mög­li­chen Bei­tritt zur EU ven­ti­lier­te. Dar­auf reagier­te Putin mit sei­nem Ein­marsch auf der Krim, nach­dem eine dor­ti­ge Volks­ab­stim­mung für Russ­land votiert hat­te. Oba­ma schloss Putin dar­auf­hin aus dem G8 aus – ohne auf die Ein­sicht Hen­ry Kis­sin­gers zu hören, die Ukrai­ne sol­le bes­ser zu einer Brücke zwi­schen den Mäch­ten wer­den als zu einem Vor­po­sten der einen Sei­te gegen die ande­re. Auch Ange­la Mer­kel war klar­ge­wor­den, dass eine wei­te­re Ost-Aus­deh­nung von Nato oder EU als direk­te Bedro­hung von Mos­kau ange­se­hen wür­de und damit als inak­zep­ta­bel, denn inzwi­schen kon­trol­liert die Nato ein Dut­zend Län­der des ein­sti­gen War­schau­er Pakts längs der rus­si­schen Gren­ze. Im Som­mer 2021 fan­den dort Zehn­tau­sen­de Sol­da­ten umfas­sen­de Nato-Manö­ver statt.

Und bereits am 30. Okto­ber 2021 mach­te die Washing­ton Post »rus­si­sche Trup­pen­be­we­gun­gen an der ukrai­ni­schen Gren­ze aus«, die Besorg­nis aus­lö­sten. Seit gut 100 Tagen gei­stert also das Gerücht einer rus­si­schen Inva­si­on durch die Welt­pres­se und wird wie­der und wie­der von rus­si­scher Sei­te demen­tiert. Zuletzt von Ser­gej Kara­ga­nov vom Rus­si­schen Rat für Ver­tei­di­gung und Außen­po­li­tik, der Anfang Febru­ar gegen­über der Finan­cial Times die »Hypo­the­se einer Inva­si­on in ein Land, das von sei­nen eige­nen Macht­ha­bern zer­stört wur­de«, als »Unsinn« bezeich­ne­te. Selbst ukrai­ni­sche Stim­men hal­ten die US-Kriegs­pro­pa­gan­da für unan­ge­mes­sen »apo­ka­lyp­tisch«, von Prä­si­dent Selen­skyj bis zu Außen­mi­ni­ster Dmyt­ro Kule­ba. Letz­te­rer for­der­te die Ukrai­ner auf, sich nicht erschrecken zu las­sen, ins­be­son­de­re nach der Ankün­di­gung des US-Außen­mi­ni­ste­ri­ums, die geschätz­ten Opfer einer rus­si­schen Inva­si­on könn­ten sich auf 25.000 bis 50.000 ukrai­ni­sche Zivi­li­sten und 5.000 bis 25.000 Sol­da­ten belau­fen, sowie auf 3.000 bis 10.000 Rus­sen. Auch die Flug­zeu­ge der US-Mili­tär­hil­fe, mit weit über tau­send Ton­nen Waf­fen und Muni­ti­on im Wert von ca. 1,5 Mil­li­ar­den Dol­lar, die den ukrai­ni­schen Him­mel durch­schnei­den, tra­gen nicht unbe­dingt zur Beru­hi­gung bei – eben­so wenig wie erneu­te Trup­pen­be­we­gun­gen im Mit­tel­meer­raum. Seit Anfang Janu­ar über­flie­gen US-Jagd­bom­ber wie­der Sizi­li­en, Ita­li­en ist ja mit sei­nen 117 Mili­tär-Basen seit je der größ­te Flug­zeug­trä­ger der Nato.

Die Fra­ge, wer eigent­lich wen bedroht, steht damit im Raum. Kürz­lich erklär­te der noch-Nato-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg sogar, falls Russ­land in die Ukrai­ne ein­mar­schie­ren soll­te, wür­de die Nato gar nicht inter­ve­nie­ren kön­nen, denn die Ukrai­ne gehö­re ja noch gar nicht zum atlan­ti­schen Bünd­nis. Ob die­se Aus­sa­ge eine impli­zi­te Ein­la­dung an die Ukrai­ne sein soll, dem Atlan­tik­pakt zügig bei­zu­tre­ten? Oder darf man das als indi­rek­te Auf­for­de­rung an Putin zum Ein­marsch ver­ste­hen, um dann die ange­droh­ten US-Sank­tio­nen ver­an­las­sen zu können?

Damit wäre man wie­der beim oben genann­ten casus bel­li, dem Gas. Die Ame­ri­ka­ner, die heu­te über uner­war­tet gro­ße Fracking-Gas­men­gen ver­fü­gen, suchen dafür drin­gend Absatz­märk­te. Aber ihr Gas erfor­dert einen kom­ple­xen Umwand­lungs­pro­zess von der Extrak­ti­on über den Trans­port per Schiff bis zur end­li­chen Ver­wen­dung durch Regasi­fi­zie­rung, ein teu­res und auch gefähr­li­ches Ver­fah­ren. Von den 380 Mil­li­ar­den Kubik­me­tern Gas, die 2020 nach Euro­pa gepumpt wur­den, kamen 145 Mrd. aus Russ­land und nur 23 Mrd. aus den USA. Kurz- und mit­tel­fri­stig kön­nen die USA mit den Bedin­gun­gen von Gaz­prom nicht kon­kur­rie­ren – nur ein Krieg, der Russ­lands Lie­fe­run­gen durch Sank­tio­nen weit­ge­hend aus­schal­te­te, könn­te für Euro­pa das US-Gas nötig machen, mal abge­se­hen von alter­na­ti­ven Pro­du­zen­ten aus dem mitt­le­ren Ori­ent, die ja aber schon weit­ge­hend mit US-Sank­tio­nen belegt sind. Alber­to Negri, Kor­re­spon­dent von il mani­festo (8.2.2022), dem ich vie­le der hier genann­ten Zah­len ver­dan­ke, fasst die Lage fol­gen­der­ma­ßen zusam­men: »Kurz gesagt: Der ven­ti­lier­te Ukrai­ne-Krieg ist eine Simu­la­ti­on eines Krie­ges um Gas.«

Wie schrieb Tuchol­sky, als er vor fast hun­dert Jah­ren (1924) sei­nen Blick über die ver­wü­ste­ten Schlacht­fel­der von Ver­dun schwei­fen ließ? »Weit dahin­ten am Hori­zont raucht das, was dem deut­schen Idea­lis­mus 1914 so sehr gefehlt hat: das Erz­la­ger von Briey.«