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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zwei Generäle gingen

In die­sem in jeder Hin­sicht trü­ben Win­ter ver­ging kaum ein Tag, an wel­chem die Agen­tu­ren nicht das Ende eines bekann­ten Men­schen mel­de­ten. Die Gewöh­nung und die Nähe zu die­ser oder jener Per­sön­lich­keit bestimm­ten das Maß der Betrof­fen­heit oder gar der Bestür­zung, wel­che über kurz­zei­ti­ges Inne­hal­ten hin­aus­reich­te. Ende Janu­ar erreich­te mich tele­fo­nisch die Nach­richt, dass Wer­ner Groß­mann ver­stor­ben sei und ich als sein Ver­le­ger das Nöti­ge ver­an­las­sen soll­te, ich hät­te dar­in ja Übung. (Die Mor­ta­li­täts­ra­te der Autoren der edi­ti­on ost ist lei­der kei­nes­wegs nied­rig, wes­halb der Anru­fer nicht irrte.)

Der ehe­ma­li­ge Gene­ral­oberst Wer­ner Groß­mann war in der Nach­fol­ge von Mar­kus Wolf Chef der Aus­lands­auf­klä­rung, der letz­te der DDR, und in die­ser Funk­ti­on auch Stell­ver­tre­ter des Mini­sters für Staats­si­cher­heit. In weni­gen Wochen hät­te er in einem Ber­li­ner Senio­ren­heim sei­nen 93. Geburts­tag began­gen, nein, nicht gefei­ert, das hät­te sein Gesund­heits­zu­stand gewiss nicht erlaubt. Sei­nen Neun­zig­sten hin­ge­gen hat­ten wir in gro­ßer Run­de gefei­ert. In das Hotel unweit des Tier­parks waren vie­le Freun­de, Gefähr­ten und auch ein­sti­ge »Top-Spio­ne« aus dem Westen gekom­men, Frau­en und Män­ner, die sei­ner­zeit, als der Frie­den wie heu­te auf der Kip­pe stand, durch ihre geheim­dienst­li­che Tätig­keit für die Pari­tät der Mili­tär­blöcke gesorgt hat­ten. Mit den – maß­geb­lich auch von der Haupt­ver­wal­tung Auf­klä­rung (HV A) und sei­nem Chef Groß­mann besorg­ten – Infor­ma­tio­nen aus dem Nato-Raum ver­hin­der­ten sie mili­tä­ri­sche Kurz­schlüs­se auf der einen Sei­te, wie eben die Agen­ten auf der ande­ren Sei­te zumin­dest par­ti­ell für eine rea­li­sti­sche Lage­ein­schät­zung ihrer Regie­run­gen sorg­ten. So wuss­te man hüben wie drü­ben ver­läss­lich: Wer als Erster schießt, stirbt als Zwei­ter. Das klang zwar zynisch, war aber weit weni­ger pro­pa­gan­di­stisch ver­lo­gen als die heu­te übli­che Kriegs­rhe­to­rik. Nicht zu reden von Hohn und Häme, wenn dabei die von uns benutz­te Bezeich­nung »Kund­schaf­ter des Frie­dens« iro­nisch zer­kaut wird.

Die mei­sten Gäste wären gewiss nicht zu Groß­manns Geburts­tag erschie­nen, wenn der Jubi­lar zu jener Dämo­nen- und Gang­ster-Mann­schaft gehört hät­te, zu der das MfS im jahr­zehn­te­lan­gen Dau­er­feu­er gemacht wor­den ist. Der Gene­ral­oberst wur­de, unschwer an Gesten und Wor­ten zu erken­nen, noch immer geach­tet, respek­tiert, ver­ehrt. Ein auf­rech­ter, anstän­di­ger Cha­rak­ter, dem man nicht min­der offen zuge­neigt war. Groß­mann wan­der­te von Tisch zu Tisch, lieh fast jedem sein Ohr und hat­te freund­li­che, unter­halt­sa­me Erin­ne­run­gen parat. Erst sehr viel spä­ter wur­de allen bewusst, dass man in die­ser Stun­de hei­ter von­ein­an­der Abschied genom­men hatte.

Wer­ner Groß­mann stamm­te aus ein­fach­sten Ver­hält­nis­sen und war noch Kriegs­beu­te gewor­den: Am Stadt­rand von Pir­na muss­te er im Früh­jahr ’45 mit Gleich­alt­ri­gen Grä­ben aus­he­ben, um »den Rus­sen« auf­zu­hal­ten. Eine Gra­na­te riss dem Freund neben ihm die Bei­ne ab und damit aus dem Leben. Das war ein Schlüs­sel­er­leb­nis für den Sech­zehn­jäh­ri­gen – Mona­te spä­ter schloss er sich der KPD an, weil die am lau­te­sten und am kon­se­quen­te­sten for­der­te: Nie wie­der Faschis­mus, nie wie­der Krieg!

Die neue Ord­nung ermög­lich­te ihm ein Hoch­schul­stu­di­um in Dres­den, er woll­te Bau­in­ge­nieur, wenn nicht gar Archi­tekt wer­den. Dann kam die FDJ und wünsch­te, dass er für zwei Seme­ster pau­sier­te und haupt­amt­li­cher Jugend­funk­tio­när in der Hoch­schul­lei­tung wür­de. Als­bald aber klopf­te auch das Mini­ste­ri­um für Staats­si­cher­heit an und hol­te ihn Anfang 1952 zur Aus­bil­dung nach Ber­lin. Seit dem 1. Okto­ber 1953 gehör­te Groß­mann zum Außen­po­li­ti­schen Nach­rich­ten­dienst (APN), der damals viel­leicht vier­zig Mit­ar­bei­ter zähl­te, alle zwi­schen 20 und 30 Jah­re alt wie er. Der Chef war bereits drei­ßig, also uralt, und hieß Mar­kus Wolf. Aus dem APN wur­de die HV A, und »Mischa« Wolf blieb deren Chef, bis er sich 1986 aus dem Dienst ins Schrift­stel­ler­le­ben ver­ab­schie­de­te und sein Stell­ver­tre­ter Groß­mann die­se Funk­ti­on über­nahm. Der HV A-Chef konn­te zwar auch nicht den Unter­gang der DDR ver­hin­dern, wohl aber vie­le Kund­schaf­ter war­nen, und man­che wur­den bis heu­te nicht ent­deckt. Ihn selbst ver­haf­te­te man noch am ersten Tag der »Ein­heit«, am 3. Okto­ber 1990. Groß­mann wur­de nach Karls­ru­he mit dem Hub­schrau­ber expe­diert, wo man im Bun­des­ge­richts­hof die Absicht vor­trug, ihm wegen Lan­des­ver­rat und Agen­ten­tä­tig­keit den Pro­zess machen zu wol­len. Nach fünf Jah­ren muss­te der Gene­ral­bun­des­an­walt die Ermitt­lun­gen ergeb­nis­los ein­stel­len und die Kla­ge fal­len las­sen. Denn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te zutref­fend fest­ge­stellt: »Die Ange­hö­ri­gen der Geheim­dien­ste der DDR haben – wie die Geheim­dien­ste aller Staa­ten der Welt – eine nach dem Recht ihres Staa­tes erlaub­te und von ihm sogar ver­lang­te Tätig­keit ausgeübt.«

Das galt eigent­lich für alle inof­fi­zi­el­len und haupt­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter des MfS, über die man allen­falls zu Gericht hät­te sit­zen kön­nen, wenn sie nach­weis­lich gegen die Geset­ze ihres Staa­tes – der DDR – ver­sto­ßen hät­ten. Im Rache­feld­zug brach die bun­des­deut­sche Justiz jedoch unge­niert den Ver­fas­sungs­grund­satz, dass eine Tat nur nach dem zum Zeit­punkt der Tat an die­sem Ort gel­ten­den Gesetz ver­folgt wer­den darf. Doch trotz gebro­che­nem Rück­über­tra­gungs­ver­bot war es nicht mög­lich, den füh­ren­den Köp­fen des Klas­sen­fein­des einen Strick zu dre­hen. Wolf­gang Schwa­nitz bei­spiels­wei­se, der im Novem­ber ’89, zuvor Stell­ver­tre­ter von Mini­ster Miel­ke, als Lei­ter des Amtes für Natio­na­le Sicher­heit in die Mod­row-Regie­rung beru­fen wor­den war, soll­te wegen angeb­li­cher Kor­rup­ti­on belangt wer­den. Aller­dings konn­te er bewei­sen, dass das Boot, um das es ging, von ihm bis zum letz­ten Pfen­nig aus eige­ner Tasche bezahlt wor­den war. Auch die­ser Ver­such bil­li­ger Kri­mi­na­li­sie­rung von Expo­nen­ten des ver­meint­li­chen Unrechts­re­gimes misslang.

Wolf­gang Schwa­nitz, gebür­ti­ger Ber­li­ner, war Anfang der fünf­zi­ger Jah­re zum MfS gesto­ßen, hat­te schon bald Kreis­dienst­stel­len gelei­tet und war schließ­lich in der Welt­haupt­stadt der Agen­ten – die bei­den Tei­le der Stadt waren noch nicht durch eine Mau­er geteilt – mit 28 Jah­ren zum Lei­ter der Spio­na­ge­ab­wehr in der Ver­wal­tung von Groß-Ber­lin beru­fen wor­den. Nach Jura-Fern­stu­di­um an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät und Pro­mo­ti­on wur­de er Chef der Bezirks­ver­wal­tung des MfS in der DDR-Haupt­stadt, was er zwölf Jah­re lang blieb. 1986 ernann­te man ihn zu einem der Stell­ver­tre­ter Mielkes.

Der Gene­ral­leut­nant war schon lan­ge a. D., als ich ihn ken­nen­lern­te und er mein Autor wur­de. Als »Geschichts­re­vi­sio­nist« (so der Anti­kom­mu­nist Karl Wil­helm Fricke, der vor­zugs­wei­se von Wiki­pe­dia und ande­ren bür­ger­li­chen Medi­en zitiert wird, wenn Autoren der edi­ti­on ost cha­rak­te­ri­siert, also denun­ziert wer­den müs­sen) war Schwa­nitz schon in den neun­zi­ger Jah­ren unter­wegs, um in öffent­li­chen Gesprächs­krei­sen und in Publi­ka­tio­nen sich an der soge­nann­ten Auf­ar­bei­tung zu betei­li­gen. Er wider­leg­te Ver­leum­dun­gen und bös­wil­li­ge Unter­stel­lun­gen mit Fak­ten wie er auch Glo­ri­fi­zie­run­gen wider­sprach. Wahr­haf­tig­keit hieß für ihn auch, selbst­kri­tisch zu Feh­lern und Irr­tü­mern zu ste­hen. Das nahm ihm man­cher übel, wor­auf er zu ent­geg­nen pfleg­te: »War­um gin­gen wir dann so jäm­mer­lich unter, wenn wir so toll gewe­sen sind, wie du meinst?«

Schwa­nitz ist fünf Tage nach Wer­ner Groß­mann in sei­ner Woh­nung in der Leip­zi­ger Stra­ße in Ber­lin mit 91 Jah­ren ver­stor­ben. Nicht uner­war­tet, denn auch er war gerau­me Zeit schon nicht son­der­lich gesund. Und den­noch. Erlö­sung löst bei den Zurück­blei­ben­den sel­ten ein Gefühl der Genug­tu­ung aus. Es bleibt immer Trau­er. Bei den Ange­hö­ri­gen wie bei den Weg­ge­fähr­ten. Groß­mann und Schwa­nitz waren die bei­den letz­ten Spit­zen der Auf­klä­rung und der Abwehr unter dem Dach eines legi­ti­men und lega­len Dien­stes. Mit ihnen sind wei­te­re wich­ti­ge Zeit­zeu­gen von uns gegan­gen, zwei ehr­ba­re, anstän­di­ge Män­ner, die ohne die DDR nicht gewor­den wären, was sie waren. Und die ihren Teil lei­ste­ten, dass die DDR 41 Jah­re exi­stier­te und in Euro­pa ein hal­bes Jahr­hun­dert Frie­den herrschte.