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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von Briten geduldete Nazi-Morde

Über eine ver­wir­ren­de Lage bei Kriegs­en­de berich­tet die Bie­le­fel­der Akti­vi­stin des Pro­jekts »Blu­men für Stu­ken­b­rock« Elfrie­de Haug, Jahr­gang 1930, in dem Buch über ihre Kin­der­jah­re »Mama, es ist Krieg!«: »Im Mai 1945, vor der deut­schen Kapi­tu­la­ti­on, waren unse­re Befrei­er kana­di­sche Sol­da­ten. Ich konn­te ein paar Wor­te Eng­lisch und hab dem Offi­zier erzählt, dass die Zwangs­ar­bei­te­rin Maria sich freu­te, wie­der nach Hau­se gehen zu kön­nen. ›Aber die Maria kommt nicht nach Hau­se‹, sag­te der Offi­zier, ›weil wir erst mal alle gemein­sam, Alli­ier­te und deut­sche Armee, Krieg gegen Russ­land machen müssen‹.«

Sol­che Plä­ne gab es tat­säch­lich. Sie waren unver­öf­fent­licht, nur gerüch­te­wei­se bekannt, aber spie­gel­ten doch das Bewusst­sein vie­ler wider. Hein­rich Himm­lers Bemü­hun­gen um Waf­fen­still­stand mit Lon­don waren durch einen Bericht der BBC am 28. April 1945 bekannt gewor­den. In der FAZ vom 7. Mai 2005 wur­de ein Bericht des Ber­li­ner FU-Insti­tuts für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­schich­te und ange­wand­te Kul­tur­wis­sen­schaf­ten publi­ziert, dem­zu­fol­ge noch am 6. Mai 1945 »die zwei­fel­los über­wie­gen­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung sich nicht vor­stel­len konn­te, dass die mili­tä­ri­sche Nie­der­la­ge des Rei­ches schon end­gül­tig ist. Man sieht im gegen­wär­ti­gen Zustand eine aus­ge­spro­che­ne Über­gangs­si­tua­ti­on und erst dann das End­sta­di­um des Krie­ges erreicht, wenn der Kampf gegen die Sowjet­uni­on mit oder ohne frem­de Hil­fe zu unse­ren Gun­sten ent­schie­den ist.« In der Rund­funk­an­spra­che des Nach­fol­gers des Füh­rers als Reichs­prä­si­dent, Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz, wur­de die Fort­set­zung des ent­schlos­se­nen Kamp­fes »gegen den Bol­sche­wis­mus« ver­kün­det, vom Kampf an der West­front war nicht mehr die Rede.

Ein Bei­trag von Andre­as Hill­gru­ber in »Deutsch­land zwi­schen den Welt­mäch­ten 1945-1965« wird in Wiki­pe­dia so zusam­men­ge­fasst: »Der bri­ti­sche Pre­mier­mi­ni­ster Win­s­ton Chur­chill hielt zunächst noch an der Regie­rung Dönitz fest, um für den Fall eines sowje­ti­schen Vor­mar­sches bis an die Nord­see die deut­schen Trup­pen gegen die Rote Armee ein­set­zen zu kön­nen. Die­se anti­so­wje­ti­sche Faust­pfand­po­li­tik fand aller­dings in der bri­ti­schen Öffent­lich­keit zu wenig Rück­halt.« Rück­halt fand sie jedoch bei der deut­schen Mari­ne und ihrem Ober­kom­man­die­ren­den Karl Dönitz, spä­ter in Nürn­berg als Kriegs­ver­bre­cher zu lan­ger Haft ver­ur­teilt; er war noch bis zum 23. Mai 1945 deut­scher Regie­rungs­chef von Chur­chills Gnaden.

Es gab gegen das Wei­ter­kämp­fen der Mari­ne im Osten meh­re­re Matro­sen­auf­stän­de. Am 5. Mai 1945 star­ben der 21jährige Maschi­nen-Maat Hein­rich Glas­ma­cher aus Neuss und zehn sei­ner Kame­ra­den als eini­ge der letz­ten deut­schen Wider­stands­kämp­fer. Das Mit­glied der katho­li­schen Jugend wur­de mit Dul­dung der Bri­ten, die sei­ne Ein­heit nicht ent­waff­net hat­ten, von Deut­schen erschos­sen, weil er den Matro­sen­auf­stand auf dem Minen­such­boot »M 612« nahe der schles­wig-hol­stei­nisch-däni­schen Küste ange­führt hat­te. Er und sei­ne Kame­ra­den woll­ten nicht nach dem Osten fah­ren, um wei­ter gegen den »Bol­sche­wis­mus« – nun mit Bil­li­gung der Bri­ten – zu kämp­fen. Die Ermor­de­ten woll­ten Frie­den. Sie wur­den die ersten Toten im sich abzeich­nen­den Kal­ten Krieg. Ihre Mör­der wur­den hohe Offi­zie­re der Bundesmarine.

Es gab wei­te­re sol­che Auf­stän­de. In der Geschichts­schrei­bung aus Krei­sen der Mari­ne wer­den die­se als Wei­ge­rung, Flücht­lin­ge zu ret­ten, dar­ge­stellt. Die Hin­rich­tung der Auf­stän­di­schen sei jedoch nicht legal gewe­sen. Es han­de­le sich um drei Män­ner auf dem Begleit­schiff »Buea«, hin­ge­rich­tet am 10.05.1945, und um Kapi­tän­leut­nant Asmus Jep­sen sowie um drei Män­ner des Zer­stö­rers »Paul Jaco­bi«, am 5.5.1945 um 10.00 Uhr – nach Beginn der Kapi­tu­la­ti­on – hin­ge­rich­tet, die eben­falls das Aus­lau­fen nach Osten hat­ten ver­hin­dern wollen.

Was geschah auf der M 612? Nach Durch­sickern der Nach­richt von der deutsch-bri­ti­schen Teil­ka­pi­tu­la­ti­on am 4. Mai 1945 ent­schlie­ßen sich die jun­gen Matro­sen zum Wider­stand gegen die Durch­hal­te­pa­ro­len ihrer Offi­zie­re. Sie brin­gen das Schiff in ihre Gewalt und neh­men statt auf das heiß umkämpf­te let­ti­sche Kur­land direk­ten Kurs Rich­tung Hei­mat, zunächst woll­ten sie nach Flens­burg. Das Kom­man­do über­nimmt Hein­rich Glas­ma­cher. Doch bald wird der Minen­su­cher, der nun unter roter Flag­ge fährt, von deut­schen Schnell­boo­ten ver­folgt und gestoppt. Kapi­tän zur See Hugo Pahl stellt die alte »Ord­nung« auf dem Schiff wie­der her und orga­ni­siert mit Hil­fe der Mari­ne­füh­rung ein Stand­ge­richt, das elf der auf­stän­di­schen Matro­sen zum Tode ver­ur­teilt. Kom­mo­do­re Rudolf Peter­sen bestä­tig­te das Urteil, das am 5. Mai auf der Ree­de vor Sonderburg/​Dänemark in der Flens­bur­ger För­de voll­streckt wur­de. Dies zu einem Zeit­punkt, da die Teil­ka­pi­tu­la­ti­on ein Ende aller Kampf­hand­lun­gen an den ent­spre­chen­den Front­ab­schnit­ten im Nor­den vor­sah und die Eng­län­der bereits Kopen­ha­gen besetzt hat­ten. Offen­bar haben die Bri­ten von dem Mord an den Matro­sen gewusst, aber nichts dage­gen unternommen.

Von den neben Hein­rich Glas­ma­cher erschos­se­nen jun­gen Matro­sen sind uns die Namen bekannt: Wil­helm Bretz­ke (22), Gustav Köl­le (21), Rein­hold Kolen­da (20), Hel­mut Nuckelt (24) Rolf Peters (21), Ger­hard Prenz­ler (21), Gustav Ritz (22), Anton Roth (20), Bru­no Rust (22) und Heinz Wil­kow­ski (21). Für sie wur­de im Sep­tem­ber 2020 in Sonderburg/​Dänemark eine Gedenk­stät­te ein­ge­rich­tet. Wil­helm Bretz­ke und Rein­hold Kolen­da beka­men ein Grab auf dem Son­der­bur­ger Fried­hof. Sie gehö­ren zu den sie­ben ange­schwemm­ten Opfern, die nach der Hin­rich­tung ins Meer gewor­fen wur­den. Von ihren wei­te­ren Kame­ra­den fehl­te jede Spur.

In der­sel­ben Nacht, da Glas­ma­cher und sei­ne Kame­ra­den erschos­sen wur­den, mach­ten sich vier Ange­hö­ri­ge des in Däne­mark sta­tio­nier­ten 2. Schnell­boot­ba­tail­lons im Schut­ze der Dun­kel­heit und all­ge­mei­nen Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen auf den Weg in Rich­tung Hei­mat. Es sind die Matro­sen Alfred Gail (20), Mar­tin Schil­ling (22), Kurt Schwa­len­berg und Fritz Wehr­mann (22). Am 6. Mai 1945 wer­den die Flüch­ti­gen von däni­schen Poli­zi­sten auf­ge­grif­fen und an ihre Ein­heit über­ge­ben, die sich schon im Bereich der Bri­ten befin­det. Die Bri­ten hat­ten den deut­schen Kom­man­deu­ren die Ver­ant­wor­tung für die »Auf­recht­erhal­tung der Ord­nung« in der Trup­pe und in den Unter­künf­ten über­las­sen. Nach der Flag­gen­ein­ho­lung und der Bekannt­ga­be der bedin­gungs­lo­sen Gesamt­ka­pi­tu­la­ti­on wer­den die vier Deser­teu­re wie ihre Lei­dens­ge­fähr­ten von M 612 abge­ur­teilt, drei von ihnen erschos­sen, Schwa­len­berg bekam Zucht­haus, prak­tisch als letz­te Amts­hand­lung der hohen Offi­zie­re, die sich unmit­tel­bar dar­auf den West­al­li­ier­ten mit ihren Erfah­run­gen andien­ten. Wie­der hat Kom­mo­do­re Peter­sen das Urteil bestä­tigt; er kommt des­we­gen spä­ter vor Gericht, wird frei­ge­spro­chen und vom MAD der Bun­des­wehr (Mili­tä­ri­schem Abschirm­dienst) über­nom­men. Die Mut­ter von Alfred Gail nahm sich nach dem Frei­spruch des Kriegs­ver­bre­chers das Leben.

Die Defa hat vor 50 Jah­ren den jun­gen Wider­ständ­lern in dem Film »Rot­ten­knech­te« ein fil­mi­sches Denk­mal gesetzt, und Sieg­fried Lenz lie­fer­te 1984 das lite­ra­ri­sche Gegen­stück mit dem Titel »Ein Kriegsende«.

Sechs Jah­re zuvor muss­te Hans Fil­bin­ger (CDU) als Mini­ster­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg zurück­tre­ten. Es waren vier Todes­ur­tei­le gegen jun­ge Matro­sen bekannt gewor­den, die Fil­bin­ger als Mari­ne­rich­ter bei Kriegs­en­de ver­häng­te. Sie waren nicht voll­streckt wor­den. Fil­bin­ger recht­fer­tig­te die Mord­ur­tei­le bis zuletzt: »Was damals Recht war, kann heu­te nicht Unrecht sein.« Unrecht war nach sei­ner Mei­nung auch nicht die Lei­tung der Hin­rich­tung des Matro­sen Wal­ter Grö­ger in Nor­we­gen. Noch am 29. Mai 1945 – drei Wochen nach Kriegs­en­de – ver­ur­teil­te Fil­bin­ger in einem eng­li­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger den Gefrei­ten Kurt Pet­zold, der in eng­li­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft sei­nem ehe­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten gesagt hat­te: »Ihr Nazi­hun­de, Ihr seid schuld an die­sem Krieg.« Fil­bin­ger erklär­te, als ehe­ma­li­ger HJ-Füh­rer hät­te Pet­zold mit sei­nen Äuße­run­gen »Gesin­nungs­ver­fall« bewie­sen. Einer der Nach­fol­ger Fil­bin­gers als Lan­des­mi­ni­ster­prä­si­dent, Gün­ter Oettin­ger, löste schar­fe Pro­te­ste aus, als er den »furcht­ba­ren Juri­sten« und Nazi Fil­bin­ger zum Wider­stands­kämp­fer erklärte.

Dass es auch 1945 Matro­sen gab, die sich gegen den Krieg erho­ben wie 1918, ist heu­te weit­ge­hend unbe­kannt. Die Ver­öf­fent­li­chun­gen dar­über lie­gen 50 Jah­re zurück. Es wird Zeit, auch die­se Sei­te des anti­fa­schi­sti­schen Wider­stan­des jun­ger Men­schen wie­der in Erin­ne­rung zu rufen und auch die Tat­sa­che der Wei­ter­be­schäf­ti­gung ihrer Mör­der in der Bundeswehr.