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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hi, Hitler!

Der Füh­rer mel­de­te sich 2015 zurück. Mit­ten in Ber­lin. Aus einer Rauch­schwa­de war er plötz­lich uns. »Er ist wie­der da«, hieß der Film, nach­dem zuvor schon das gleich­na­mi­ge Buch des Autors Timur Ver­mes die Best­sel­ler-Listen gestürmt hat­te – das mehr als zwei Mil­lio­nen ver­kauft und in 41 Spra­chen über­setzt wurde.

Im Film lässt der Regis­seur sei­nen Haupt­dar­stel­ler in Nazi-Uni­form inmit­ten Ber­lins aus einem Kanal-Gul­ly in die Gegen­wart stei­gen. Adolf Hit­ler (gespielt von Oli­ver Masuc­ci) ist selbst mehr als über­rascht, als er rea­li­siert, dass er nun plötz­lich wie­der am Leben ist. Und wie hat sich die Welt ver­än­dert?! Der gera­de bei einem gro­ßen Pri­vat­sen­der namens »MyTV« gefeu­er­te Jour­na­list Fabi­an Sawatz­ki (gespielt von Fabi­an Busch) wit­tert als Erster die Chan­ce, mit die­sem selt­sam-fas­zi­nie­ren­den ver­meint­li­chen Adolf-Hit­ler-Imi­ta­tor, der dem ech­ten Füh­rer ver­blüf­fend ähn­lich ist, Geld zu ver­die­nen und sei­nen alten Job wie­der­zu­be­kom­men. Es wird ihm gelin­gen. Die­ser Hit­ler begei­stert alle: alte Men­schen erin­nern sich an eine Zeit, in der nicht alles schlecht und vie­les bes­ser war, jun­ge Leu­te fin­den ihn cool, eine »irre Type«.

Der zurück­ge­kehr­te Füh­rer tritt sei­nen Sie­ges­zug an, tin­gelt durch Talk­shows, wird bestaunt von der Pres­se, beju­belt vom Bou­le­vard und zum Hit auf You­Tube. Die Füh­rung der NPD macht er der­weil beim Orts­be­such in der Par­tei­zen­tra­le zur Min­na, weil sie so ein ver­lo­re­ner Hau­fen sei. Wenn er bloß die SS wie­der hät­te! Hit­lers schein­bar unauf­halt­sa­mer Auf­stieg bekommt erst dann einen Knacks, als ein Video auf­taucht, das zeigt, wie er einen Hund erschießt. Het­ze gegen Min­der­hei­ten, Gefa­sel vom Wohl des deut­schen Vol­kes – das geht. Kein Herz für Tie­re – das geht nicht, vor allem nicht mit den Grü­nen, die sich der neue, alte Hit­ler gut als Koali­ti­ons­part­ner vor­stel­len kann. Schließ­lich ist Natur­schutz nichts ande­res als Hei­mat­schutz, und wie man die Hei­mat schützt, das weiß nie­mand bes­ser als er.

Regis­seur David Wnendt spielt schein­do­ku­men­ta­risch mit Men­schen, denen der ver­meint­li­che Hit­ler in All­tags­si­tua­tio­nen vor die Nase gestellt wird. Die Men­schen jubeln ihm zu, er stellt sich vors Bran­den­bur­ger Tor und lässt sich foto­gra­fie­ren, geht ins Gast­haus zum Stamm­tisch, an dem rech­te Paro­len die Run­de machen, Asia­ti­sche Tou­ri­sten fin­den ihn lustig, auf Sylt oder in Pas­sau schwa­dro­nie­ren älte­re Her­ren, sie hät­ten nichts gegen Aus­län­der, aber …! Die Frau von der Imbiss­bu­de schließ­lich fasst zusam­men, was dem Film-Publi­kum inner­halb von zwei Stun­den an Res­sen­ti­ments um die Ohren gehau­en wird: Es gibt kei­ne Demo­kra­tie, Poli­ti­ker sind kor­rupt, Aus­län­der kri­mi­nell, deren Kin­der eine Pla­ge – und sei­ne Mei­nung darf man auch nicht sagen. Das wer­de ich ändern, ver­spricht der freund­li­che Herr Hit­ler. Da bit­tet die Frau vom Imbiss um ein Sel­fie. »Er ist wie­der da« ist über wei­te Strecken beäng­sti­gend komisch. Wel­che Idio­ten echt sind und wel­che Tei­le der Insze­nie­rung, das ist nicht so ganz klar.

Sogleich frag­ten vie­le besorgt: Darf man das? Die­se Fra­ge beant­wor­te­te schon Char­lie Chap­lins famo­se Sati­re »Der gro­ße Dik­ta­tor« 1940. Man darf! Das gilt auch acht Jahr­zehn­te spä­ter noch. Im Rah­men der Kunst und Unter­hal­tung ist es durch­aus erlaubt, sich über Adolf Hit­ler lustig zu machen, um den Tyran­nen mit den Waf­fen der Sati­re zu bekämp­fen. Doch was pas­siert, wenn man nicht über, son­dern mit Adolf Hit­ler lacht?

»Er ist wie­der da« bie­tet nicht den ein­di­men­sio­na­len Dämo­nen Hit­ler, son­dern einen nicht unchar­man­ten Prag­ma­ti­ker, der das moder­ne Leben schnell adap­tiert und zu sei­nen Zwecken nutzt. Die­ser »neue« Hit­ler hält weit­ge­hend an sei­nen men­schen­ver­ach­ten­den The­sen fest, die­se kom­men aber nun als Come­dy getarnt daher, ohne dabei ihre Wir­kung zu ver­feh­len. Mit der Par­odie-Figur Hit­ler sind die Men­schen ver­traut, ver­trau­ter als mit dem ech­ten Tyran­nen, den die wenig­sten noch per­sön­lich erlebt haben. Somit begibt sich der Film auf ideo­lo­gisch unweg­sa­mes Ter­rain, wenn er sein Publi­kum mit die­sem – und über die­sen – Adolf Hit­ler lachen lässt. Ein Kri­ti­ker bemerk­te dazu, die toxi­sche Komö­die sei so unter­halt­sam-lustig wie glei­cher­ma­ßen schmerz­haft, wenn man sähe, »wie vie­le dem Hit­ler 2.0 schon wie­der auf den Leim gehen«. David Wnendts Film hielt den Deut­schen einen Spie­gel vor.

Hit­ler und die Nazis: kaum ein Abend ver­geht, an dem nicht irgend­ei­ne Drit­te-Reich-Doku durch die Fern­seh­pro­gram­me rauscht. Hit­ler ist eine omni­prä­sen­te Figur. Als Kari­ka­tur, als Wer­be­fi­gur, als Comic. Hit­ler ist ein Pop­star. In sei­nem Erre­gungs- und Ent­rü­stungs­po­ten­zi­al wird er von kei­ner ande­ren histo­ri­schen Schreckens­ge­stalt übertroffen.

Schon 2007, als Dani Levys Film »Mein Füh­rer – Die wirk­lich wahr­ste Wahr­heit über Adolf Hit­ler« in die Kinos kam, war die Auf­merk­sam­keit groß. Levy prä­sen­tier­te dem Publi­kum die wohl komisch­ste Hit­ler-Figur der Film­ge­schich­te, gespielt von Hel­ge Schnei­der. Aus dem Schick­sals­kanz­ler der Deut­schen wird ein hier gro­tes­ker Mini-Gröfaz, den der jüdi­sche Schau­spie­ler »Adolf Grün­berg« mit aller­lei Köper- und Sprech­übun­gen auf eine Neu­jahrs­re­de 1945 vor­be­rei­ten soll, um den kriegs­mü­den Deut­schen neue Moti­va­ti­on zu geben. Doch der Füh­rer selbst ist schwach und ver­wirrt. Grün­berg wird aus dem KZ geholt, um Hit­ler wie­der in Form zu brin­gen, ihn zu moti­vie­ren und ihm als Leh­rer zur Sei­te zu ste­hen. Hit­ler als Witz­fi­gur, des­sen Über­le­ben in der Hand eines jüdi­schen Schau­spie­lers liegt. Eine gran­dio­se Parodie.

Kei­ne Fra­ge: Es gibt eine neue Leich­tig­keit im Umgang mit Hit­ler und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus. Nicht weil der Gegen­stand sei­nen Schrecken ver­lo­ren, son­dern weil sich der Schrecken vom Gegen­stand gelöst hat. Ob als Film, Buch oder Par­odie-Vor­la­ge: das tat­säch­lich Gesche­he­ne weicht einem histo­ri­schen Mythos, der kei­ne Wider­sprü­che kennt. Die Gestal­ten, die Pro­pa­gan­da, die Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­li­sten, das rea­le Grau­en schlägt um in schau­dern­de Fas­zi­na­ti­on, mit­un­ter in Kla­mauk und trü­be Come­dy. So wird das NS-Deutsch­land ver­ne­belt und markt­gän­gig in die Jetzt-Zeit trans­fe­riert. Die Nazi-Ära ver­kommt zur belie­big ersetz­ba­ren Chif­fre des Bösen – mit einem ver­häng­nis­vol­len Neben­ef­fekt: der Verharmlosung.

In sei­ner mitt­ler­wei­le auch in deut­scher Über­set­zung vor­lie­gen­den Stu­die mit dem Titel »Hi Hit­ler!«, weist der US-ame­ri­ka­ni­sche Histo­ri­ker Gavri­el D. Rosen­feld auf eine seit Jah­ren anhal­ten­de »Nor­ma­li­sie­rungs­wel­le« hin, eine Ten­denz, die die Ein­zig­ar­tig­keit der NS-Ver­bre­chen negiert. Mit dem Ver­schwin­den von Zeit­zeu­gen wer­de, so Rosen­feld, das Gesche­he­ne zuneh­mend aus dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis gelöscht. Begün­stigt wer­de die­se Ent­wick­lung durch die Infor­ma­ti­ons­re­vo­lu­ti­on. Der Auf­stieg digi­ta­ler Tech­no­lo­gien und vor allem des Inter­nets erleich­tert, ja erzeu­ge »kon­tra­fak­ti­sches Den­ken«. Die NS-Ver­gan­gen­heit löse sich zuneh­mend vom histo­ri­schen Kon­text. Adolf Hit­ler erlebt seit Jah­ren eine Normalisierung.

Galt er jahr­zehn­te­lang als Inbe­griff des Bösen, erscheint er nun zuneh­mend als skur­ri­le, gro­tes­ke Figur. Nir­gend­wo wird der Wan­del sicht­ba­rer als im Inter­net. Wer bei Goog­le eine ein­fa­che Bild­su­che zu Hit­ler star­tet, sieht neben doku­men­ta­ri­schen Archiv­fo­tos, zuneh­mend digi­tal ver­än­der­te humo­ri­sti­sche Fotos. Hit­lers als Witz­fi­gur, als Lach­num­mer, der unter einer 70er-Jah­re Dis­co­ku­gel als »Dis­co Hit­ler« den flot­ten Tän­zer gibt oder in »Bedti­me Hit­ler« im Schlaf­an­zug auf dem Schlit­ten durch den Nacht­him­mel fährt. Es gibt zahl­lo­se Bild­ma­kros von Hit­lers-Kopf, die mit Pho­to­shop auf die Kör­per von Super­mo­dells, Pop­sän­gern und Sport-Heroes mon­tiert wur­den, und in Sprech­bla­sen wird der ein­sti­ge Füh­rer statt mit »Heil« mit einem coo­len »Hi« begrüßt.

Der Aus­ruf »Hi, Hit­ler« steht nicht nur wegen sei­ner Komik für eine neue Ten­denz in der Dar­stel­lung der NS-Ver­gan­gen­heit. Tat­sa­che ist, unter­schied­li­che Gen­res wie das der Sati­re, der Fan­ta­sy und kon­tra­fak­ti­scher Geschichts­er­zäh­lun­gen, tra­gen zur histo­ri­schen und mora­li­schen Ver­fla­chung bei. Sie lau­fen dadurch Gefahr, Inhal­te zu Gun­sten von Gags und Poin­ten zu opfern. Zwar geben die Pro­du­zen­ten stets an, heh­re mora­li­sche Zie­le zu ver­fol­gen und sich der histo­ri­schen Auf­klä­rung ver­pflich­tet zu füh­len. Es gehe dar­um, mit moder­nen visu­el­len Dar­stel­lungs­for­men vor allem jün­ge­re Men­schen anzu­spre­chen. Für Gavri­el D. Rosen­feld aber sind die sati­ri­schen Dar­stel­lun­gen Hit­lers im Inter­net Teil eines grö­ße­ren Wan­dels, der sich aktu­ell in der Erin­ne­rungs­kul­tur an die NS-Zeit voll­zieht: die Nor­ma­li­sie­rung und Rela­ti­vie­rung der Vergangenheit.

Im Nach­kriegs-Deutsch­land woll­ten die ein­sti­gen Volks­ge­nos­sen die »dunk­len Jah­re« von ihrem eige­nen Erle­ben und Mit-Tun abspal­ten. Hit­ler allein soll­te es gewe­sen sein, ver­ant­wort­lich für das Ver­der­ben der Deut­schen und ihre mil­lio­nen­fa­chen Ver­bre­chen. Wenn nicht allein, dann allen­falls eine klei­ne ver­bre­che­ri­sche Nazi-Eli­te und ihre fana­ti­schen Getreu­en. Eine beque­me, exkul­pie­ren­de Legen­de. So lie­ßen sich per­sön­li­che Schuld und Scham gut ent­sor­gen. Für die heu­ti­ge Gene­ra­ti­on, aus­ge­stat­tet mit jugend­be­ding­ter, nicht kon­ta­mi­nier­ter NS-Gesin­nung, lie­fert die digi­ta­le Unter­hal­tungs- und Zer­streu­ungs­in­du­strie nun soli­des Basis­ma­te­ri­al zur Ver­fla­chung und Rela­ti­vie­rung der Nazi-Bar­ba­rei. Mit­un­ter im coo­len Comic-Slang: »Hi, Hit­ler, weißt Du, wo die Nazis sind?«

Gavri­el D. Rosen­feld: »Hi Hit­ler! Der Natio­nal­so­zia­lis­mus in der Pop­kul­tur«, Theiss Ver­lag, Darm­stadt 2021, 512 S., 48 €.