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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hauptfigur: Das Gedächtnis

Ob es nun der auf dem Wasch­zet­tel ver­spro­che­ne »Meta­ro­man« ist oder nicht – die­ses Buch Maria Ste­pa­no­vas ist etwas ganz Beson­de­res. Nicht des­we­gen, weil das Gedächt­nis zum Prot­ago­ni­sten eines Romans gemacht wird, son­dern weil die Autorin, unauf­dring­lich zwar, aber doch mit Nach­druck, Lehr­stun­den in »Erin­ne­rungs­kun­de« erteilt. Ist sol­che Nach­hil­fe nötig in Zei­ten des stän­di­gen Foto­gra­fie­rens, der Sel­fies, des Inter­nets, das nichts »ver­gisst«? Ja. Gera­de in unse­rer bil­der­über­flu­te­ten Gegen­wart, in der Ver­gan­gen­heit schnell ver­sinkt. In einer fast gro­tes­ken Epi­so­de erzählt Ste­pa­no­va, wie ein Bekann­ter sie zu einer Fahrt nach Sara­tow ani­miert, sie dort das Haus ihres Urgroß­va­ters »untrüg­lich« erkennt. Nach ein paar Tagen ruft der Bekann­te an und sagt ver­schämt, er habe sich in der Adres­se geirrt, die Stra­ße sei zwar rich­tig, die Haus­num­mer aber falsch gewe­sen. Die Autorin resü­miert: »Und das ist in etwa alles, was ich über Erin­ne­rung weiß.«

In der Haus­num­mer kann man sich irren, doch sind Brie­fe, Bücher, Fotos, Por­zel­lan­fi­gür­chen, vie­le Relik­te der Ver­gan­gen­heit mög­li­cher­wei­se zuver­läs­si­ger. Die gro­ße, hier in der Über­set­zung von Olga Radetz­ka­ja vor­lie­gen­de Schreib­kunst Ste­pa­no­vas erweist sich dar­an, dass sie anhand der »Gegen­stän­de«, die zu Erklä­run­gen, Bild­be­schrei­bun­gen, Exkur­sen, phi­lo­so­phi­schen Trak­ta­ten, Zita­ten zwin­gen, einen Raum des Gedächt­nis­ses erschafft, den der Leser unbe­dingt betre­ten will, weil er etwas erfährt, auch über sich.

In den Gedächt­nis­hal­len der Autorin aber bleibt er nicht allein, son­dern wird an die Hand genom­men, weil er Ver­trau­tes liest, das als »All­zu-Mensch­li­ches« oft schnell abge­wer­tet ist. Doch das ist das Leben – das die mei­sten leben wol­len, zumal in Zei­ten, die seit mehr als hun­dert Jah­ren von Gewalt beherrscht sind: »Bei allen ande­ren bestand die Fami­lie aus Prot­ago­ni­sten der Geschich­te, bei mir nur aus ihren Unter­mie­tern« – der weit­ver­zweig­ten rus­sisch-jüdi­schen Fami­lie der Autorin. Es sind mei­stens Tote, von denen erzählt wird: »Die Dahin­ge­gan­ge­nen aber sind, anders als die Natur, unend­lich füg­sam. Kei­ne Inter­pre­ta­ti­on, gegen die sie sich weh­ren, kei­ne Demü­ti­gung, gegen die sie auf­be­geh­ren wür­den …« Das Wun­der­ba­re ist, dass den Toten, da sie gewis­ser­ma­ßen am Buch mit­schrei­ben, Gerech­tig­keit wider­fährt. Beson­ders ergrei­fend geschieht das mit Leo­nid Him­mel­farb, dem Cou­sin des Groß­va­ters Maria Ste­pa­no­vas, der 1942, neun­zehn­jäh­rig, wäh­rend der Blocka­de Lenin­grads, den »Hel­den­tod« stirbt. Sei­ne stets mit »Ljo­dik« unter­zeich­ne­ten Brie­fe an sei­ne »Mamot­sch­ka« sind beredt, indem sie ver­schwei­gen. Er sei wohl­auf, gesund, betont er ste­reo­typ, er brau­che nichts. Wahr­schein­lich schwer ver­wun­det, begrün­det er einen Kran­ken­haus­auf­ent­halt mit »Angi­na«.

Maria Ste­pa­no­vas Buch ist ein Kunst-Gebil­de: des Wor­tes, der Phi­lo­so­phie, und Kunst­in­ter­pre­ta­ti­on, der Lebens­be­trach­tung und vor allem des Ver­mö­gens der Erin­ne­rung. Man soll­te es lesen.

Maria Ste­pa­no­va: »Nach dem Gedächt­nis«, aus dem Rus­si­schen von Olga Radetz­ka­ja, Suhr­kamp Ver­lag, 527 Sei­ten, 24 €