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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ironie vom Feinsten

Hur­ra! Er hat und nutzt ihn wie­der! Sei­nen trocke­nen Humor, mit dem er dies­mal die gegen­wär­ti­ge Gesell­schaft betrach­tet. Jahr­zehn­te­lang hat er sich aus­schließ­lich kul­tur­hi­sto­risch inter­es­san­ten Per­so­nen aus der bran­den­bur­gisch-preu­ßi­schen Geschich­te gewid­met, nun bleibt er zwar auch in Bran­den­burg, aber er erfin­det Kon­stel­la­tio­nen und Per­so­nen, Land­schaf­ten und Bege­ben­hei­ten, erzählt in fein kon­stru­ier­ter Pro­sa, reiht Neben­satz an Haupt­satz und wie­der einen Neben­satz – ein Erbe von Theo­dor Fon­ta­ne oder Tho­mas Mann.

Im Mit­tel­punkt ste­hen Leon­hardt (»Leo«) und Hed­wig (»Hedy«) Ley­den­frost, ein Geschwi­ster­paar, das erst im Alter wie­der im Hei­mat­dorf Wit­ten­ha­gen wohnt. Hedy war einst im Westen akti­ve Grü­nen-Poli­ti­ke­rin, Leo ein stil­ler, heim­lich nör­geln­der Biblio­the­kar. Die Vor­be­rei­tung von Hedys neun­zig­stem Geburts­tag, der für eine Spen­den­ak­ti­on für Flücht­lings­kin­der genutzt wer­den soll, macht die Hand­lung aus, und dabei kann de Bruyn sei­nem Affen Zucker geben. Die per­sön­li­chen Inter­es­sen und Eigen­hei­ten der ein­zel­nen Dorf­be­woh­ner und Funk­tio­nä­re kom­men voll zum Zug, die poli­ti­sche Situa­ti­on und der kom­mu­na­le Umgang mit aktu­el­len Losun­gen wer­den von ihnen sehr eigen­wil­lig und vor allem eigen­nüt­zig inter­pre­tiert. Schließ­lich wird aus dem geplan­ten Flücht­lings­heim eine Well­ness-Oase, denn die Flücht­lin­ge wol­len nicht in die »Wüste«, und immer gewin­nen die Wende-Gewinner.

So ganz neu ist das, was sich ereig­net, nicht, aber wie es erzählt ist, ist ein Genuss! Fein­ste Iro­nie und vor allem der Blick auf Leo, der über die Gescheh­nis­se von heu­te genau­so nölt wie frü­her und bei aller Nör­ge­lei ein Quent­chen Recht hat. Köstlich!

Gün­ter de Bruyn: »Der neun­zig­ste Geburts­tag. Ein länd­li­ches Idyll«, S. Fischer, 272 Sei­ten, 22 €