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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Karl Vögtel: Eine deutsche Biografie

Ende Janu­ar wur­de in Mett­mann, einer klei­nen Stadt zwi­schen Düs­sel­dorf und Wup­per­tal, von Gun­ter Dem­nig vor einem Haus in der Grui­ten­er­stra­ße einer sei­ner Stol­per­stei­ne ver­legt, der drei­und­zwan­zig­ste in die­ser Stadt. Er habe inzwi­schen in 26 Län­dern 91.000 sol­cher Gedächt­nis­stei­ne ver­legt. Dies­mal war es ein Stein für Karl Vög­tel, einen 1902 gebo­re­nen KPD-Genos­sen, der nach Buchen­wald ver­schleppt wor­den war, das Lager über­leb­te und in dem Haus in Mett­mann nach 1945 bis zu sei­nem Tod 1972 gelebt hat. Es kamen neben der Bür­ger­mei­ste­rin auch Reprä­sen­tan­ten der Initia­ti­ve »Kin­der des Wider­stan­des« (kinder-des-widerstandes.de). Das Beson­de­re an die­ser Ehrung: Die Enke­lin Karl Vög­tels, Katin­ka Poens­gen, war aus Frank­furt ange­reist, um von ihren Recher­chen zum Leben ihres Groß­va­ters zu erzäh­len, mit dem sie als Kind noch man­che Spa­zier­gän­ge unter­nom­men hat­te. Poens­gen stell­te eine 89 Sei­ten star­ke Bro­schü­re vor, mit zahl­rei­chen Fotos und in sehr anspre­chen­der Auf­ma­chung. Mit dabei: die Regio­nal­grup­pe Rhein-Ruhr des Netz­werks »Lebens­lau­te«, die die Ver­an­stal­tung bei nass­kal­tem Win­ter­wet­ter musi­ka­lisch umrahm­te. Sie san­gen »Unsterb­li­che Opfer«, eine rus­si­sche Trau­er­hym­ne von Ikon­ni­kow, sowie das Buchenwald-Lied.

Wie kann, wie soll man ein sol­ches Lied heu­te sin­gen? Die Grup­pe von »Lebens­lau­te« hat­te sich ent­schlos­sen, das Tem­po nicht zu marsch­mä­ßig zu neh­men und die Stim­men zu dämp­fen, um der Trau­er über das Schreck­li­che Aus­druck zu verleihen.

Karl Vög­tel stamm­te aus Mann­heim, wo er das Schlos­ser­hand­werk erlern­te. Sei­ne spä­te­re Frau Lui­se Locke­mann war Schnei­de­rin. Karls Hob­by war das Motor­rad­fah­ren. Es gibt ein wun­der­schö­nes Foto mit dem Motor­rad­club »Soli­da­ri­tät«, in dem er mit sei­nen Freun­den von der KPD Mit­glied war. 1928 hei­ra­te­ten Karl und Lui­se, aber nur stan­des­amt­lich: Lui­se war bereits 1919 aus der Kir­che aus­ge­tre­ten, Karl 1927. Bei­de hat­ten die Mei­ster­prü­fung in ihrem Fach abge­legt, aber nur Lui­se hat­te (selbst­stän­dig) ste­tig Arbeit: Karl ver­lor sie immer wie­der, teils auf­grund der wirt­schaft­li­chen Lage, ein­mal aber, bei der Fir­ma Bopp & Reu­ter, »wegen Dif­fe­ren­zen mit der Betriebs­lei­tung«. Bei die­ser Fir­ma war er »Lit.-Obmann«, d. h. für die Ver­brei­tung der Schrif­ten der Par­tei zustän­dig, in der er seit 1926 Mit­glied war. Fotos der Gesta­po von 1938 zei­gen einen kraft­vol­len, ent­schlos­sen wir­ken­den Mann.

Doch zunächst führ­te ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment (oder die schlech­te wirt­schaft­li­che Lage) Lui­se und Karl in die Sowjetunion.…

 

Quel­le: Katin­ka Poens­gen, Mann­heim - Tag­an­arog (Asow­sches Meer) - Buchen­wald - Mett­mann. Tage­buch einer Recher­che, hg. Kin­der des Wider­stands, Ober­hau­sen 2022.