Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kinder des Sisyfos

Wir müs­sen uns Sisy­phos als einen glück­li­chen Men­schen vor­stel­len, hat Albert Camus einst in sei­nem berühm­ten Buch über den »Mythos des Sisy­phos« geschrie­ben. Und genau­so möch­te ich mir den in Köln leben­den Schrift­stel­ler Eras­mus Schö­fer vor­stel­len, der am 4. Juni 2021 sei­nen 90. Geburts­tag fei­er­te und eben­so uner­müd­lich wie der Mann im Mythos »den Stein« der Arbei­ter­li­te­ra­tur beweg­te. Gemein­sam mit Gün­ter Wall­raff hat Schö­fer 1969 den »Werk­kreis Lite­ra­tur der Arbeits­welt« gegrün­det und damit eine Bewe­gung initi­iert und koor­di­niert, deren Hun­der­te Mit­glie­der vor allem in den 1970er und 1980er Jah­ren der Arbeits­welt erst­mals eine auch lite­ra­risch hör­ba­re Stim­me verliehen.

Gekrönt hat Eras­mus Schö­fer die­sen Erfolg selbst, indem er den genann­ten Jahr­zehn­ten in sei­ner Roman-Tetra­lo­gie »Die Kin­der des Sisy­fos« ein unver­gleich­li­ches Denk­mal setz­te – ver­gleich­bar allen­falls mit Peter Weiss’ »Ästhe­tik des Wider­stands«. Der Autor die­ser Zei­len darf sich glück­lich schät­zen, die Ent­ste­hung die­ses Roman-Zyklus zu Beginn der 2000er Jah­re ein gutes Stück mit­le­send beglei­tet zu haben. Dar­in ent­wirft Eras­mus Schö­fer ein pral­les Pan­ora­ma des west­deut­schen Wider­stands seit Ende der 1960er Jah­re in all sei­nen Facet­ten: gegen die Not­stands­ge­set­ze, die Sprin­ger­pres­se, den Viet­nam­krieg, gegen Atom­kraft­wer­ke und die Start­bahn West, gegen Berufs­ver­bo­te und die Rake­ten­auf­rü­stung. »Prall« ist die­ses Zeit­mo­nu­ment des­halb, weil das Wider­stän­di­ge in den Roman­fi­gu­ren mit all sei­nen Bre­chun­gen leben­dig wird. Schö­fer erzählt das Zeit­ge­sche­hen stets aus der Per­spek­ti­ve lin­ker Demo­kra­ten, Leh­rer, Fach­ar­bei­ter, Betriebs­rä­te, Sozi­al­hel­fer, pri­va­te Geschich­te und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen sind untrenn­bar inein­an­der ver­wo­ben, eben­so wie klei­ne Erfol­ge und gro­ße Nie­der­la­gen. Ist der Fels müh­sam ein Stück den Hang hin­auf geschleppt, rollt er auch schon wie­der hin­un­ter. Und den­noch: Zwar emp­fin­den Schö­fers Prot­ago­ni­stin­nen und Prot­ago­ni­sten das Unrecht, gegen das sie sich wen­den, immer auch als pri­va­tes Unglück, sie schöp­fen aus dem Kampf dage­gen aber stets auch Lebens­freu­de und Glück – und erwei­sen sich eben dar­in als »Kin­der des Sisyfos«.

Eras­mus Schö­fer: Die Kin­der des Sisy­fos. Gesamt­aus­ga­be in 5 Bän­den inkl. Begleit­band »Quel­len des Wider­stands« (kom­men­tier­tes Sach- und Per­so­nen­re­gi­ster), Dittrich 2018, 24,90 .