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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mehr als nur Zeitungspapier

Gele­gent­lich dient es zum Ein­wickeln oder Aus­stop­fen, meist wan­dert es – gele­sen – nach ein paar Tagen in die Alt­pa­pier­ton­ne: Zei­tungs­pa­pier. Dass die Aus­ga­be einer Tages­zei­tung etwas Beson­de­res, Behü­ten­swer­tes ist, kommt wahr­schein­lich nicht all­zu oft vor.

Eine grü­ne Schmuck­map­pe liegt geöff­net auf dem Tisch. Zu sehen ist brü­chi­ges, an den Rän­dern ein­ge­ris­se­nes, bräun­lich schim­mern­des, ver­gilb­tes Zei­tungs­pa­pier. Der Satz ist in roter Far­be aus­ge­führt, alles eng bedruckt. Klei­ne Buch­sta­ben erschwe­ren das Lesen.

Erschie­nen ist die Zei­tung in Köln am Sams­tag, dem 19. Mai 1849. Die Neue Rhei­ni­sche Zei­tung, das »Organ der Demo­kra­tie« erschien als Num­mer 301 an die­sem Tag zum letz­ten Mal als gedruck­te Tages­zei­tung. Das fünf­stro­phi­ge Gedicht von Fer­di­nand Frei­li­grath »Abschieds­wort der Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung« ist unter dem Titel platziert.

Karl Marx hat­te die Zei­tung seit dem 1. Juni 1848 her­aus­ge­ge­ben. Mög­lich gewor­den war das nach Auf­he­bung der Pres­se­zen­sur in Fol­ge der März­re­vo­lu­ti­on 1848 in Preu­ßen. Nach­dem die letz­ten Auf­stän­de der März­re­vo­lu­ti­on im Rhein­land nie­der­ge­schla­gen waren, ver­wie­sen die Herr­schen­den Karl Marx sowie sei­ne Mit­strei­ter Ernst Dron­ke und Georg Weerth als Nicht­preu­ßen des Lan­des. Gegen wei­te­re Redak­ti­ons­mit­glie­der waren Gerichts­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Karl Marx emi­grier­te erneut. Mit dem Ende der revo­lu­tio­nä­ren Auf­stän­de ende­te auch die Exi­stenz der Tages­zei­tung unter sei­ner Regie.

Ein­hun­dert­sieb­zig Jah­re spä­ter liegt die bewahr­te letz­te Aus­ga­be der Zei­tung auf dem Tisch im Haus von Gün­ter und Mar­got Pappenheim.

Gün­ter Pap­pen­heim erzählt: Sein Vater, Lud­wig Pap­pen­heim, am 17. März 1887 in Esch­we­ge gebo­ren, trat bereits als Lehr­ling am 1. Mai 1905 in die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands ein und gehör­te zu jenen, die den Auf­trag erhiel­ten, in Schmal­kal­den einen Orts­ver­ein der Par­tei zu bil­den. Pap­pen­heim wur­de Vor­sit­zen­der einer erfolg­reich agie­ren­den Wahl­kreis­or­ga­ni­sa­ti­on in Schmal­kal­den. Er gehör­te zu den Par­tei­mit­glie­dern, die Karl Lieb­knecht unter­stütz­ten, als der gegen die Bewil­li­gung von Kriegs­kre­di­ten gestimmt hat­te. Als Sol­dat zunächst in Ost­preu­ßen, spä­ter an der West­front ver­fass­te er unter dem Ein­druck des Krie­ges Flug­blät­ter gegen den Krieg. Fol­ge­rich­tig unter­stütz­te er aktiv die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on von 1918 und ent­schied sich end­gül­tig für die poli­ti­sche Arbeit in Schmal­kal­den, wur­de Stadt­rat und Redak­teur, geriet mit den Herr­schen­den in Konflikt.

Ab 1923 ver­hei­ra­tet, hat­te er mit sei­ner Frau Frie­da, eben­falls enga­gier­te Sozi­al­de­mo­kra­tin, drei Kin­der. Aus einer vor­ehe­li­chen Bezie­hung hat­te Frie­da die Toch­ter Erna. Die Ehe­leu­te stell­ten sich den poli­ti­schen Fra­gen der Zeit und leg­ten gro­ßen Wert auf die huma­ni­sti­sche Erzie­hung ihrer Kinder.

Als 1933 den deut­schen Faschi­sten die Macht über­ge­ben wur­de, gehör­te der ent­schie­de­ne Geg­ner der Nazis zu den Ersten, gegen die sich Hass und Gewalt rich­te­ten. Lud­wig Pap­pen­heim wur­de bereits am 23. März 1933 unter Ver­let­zung sei­ner Immu­ni­tät als Par­la­men­ta­ri­er in »Schutz­haft« genom­men. Denun­zia­ti­on und faden­schei­ni­ge Sach­ver­hal­te soll­ten zu einer Ver­ur­tei­lung füh­ren. Schließ­lich wur­de er, nach­dem er in den Poli­zei­ge­fäng­nis­sen Suhl und Kas­sel inhaf­tiert wor­den war, im Juli 1933 in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Brei­ten­au und von dort im Okto­ber in das KZ Neu­sustrum gebracht. In der Nähe des KZ wur­de er am 4. Janu­ar 1934 ermor­det, nach­dem die Nazis ihn miss­han­delt hatten.

Frie­da Pap­pen­heim hat­te umsich­tig wich­ti­ge Unter­la­gen der Fami­lie in Sicher­heit gebracht. Ver­nich­tet hat­te sie nur die Mit­glie­der­li­sten der Par­tei, die den Nazis auf gar kei­nen Fall in die Hän­de fal­len soll­ten. Bei mehr­ma­li­gen Haus­durch­su­chun­gen, die anfangs noch von Poli­zei­be­am­ten durch­ge­führt wur­den, die selbst der SPD ange­hör­ten bezie­hungs­wei­se ange­hört hat­ten, wur­de nie Bela­sten­des gefunden.

Zu den sicher ver­steck­ten Din­gen gehör­ten das Exem­plar der Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung, meh­re­re Aus­ga­ben des Kom­mu­ni­sti­schen Mani­fests, Pro­to­koll­bän­de von Par­tei­ta­gen der SPD sowie ein gro­ßes Por­trät von August Bebel.

In den 1950er Jah­ren arbei­te­te Gün­ter Pap­pen­heim haupt­amt­lich im Par­tei­ap­pa­rat der SED. Zu die­ser Zeit über­gab sei­ne Mut­ter jene wert­vol­len Mate­ria­li­en an ihn in der Über­zeu­gung, dass sie bei ihm am besten und sicher­sten bewahrt würden.

Gün­ter Pap­pen­heim nahm die Zei­tung viel­fach mit, wenn er öffent­lich über das Leben sei­nes Vaters und über sein eige­nes Erle­ben als ehe­ma­li­ger Häft­ling des KZ Buchen­wald sprach. Geschich­te ließ sich so anschau­lich ver­mit­teln. In sei­nem Fun­dus hat­te Gün­ter vie­le Doku­men­te, die ihm als Anschau­ungs­ma­te­ri­al dien­ten. Ein jedes hat­te sei­nen Platz und war griff­be­reit abgelegt.

Neue Möbel mach­ten es irgend­wann erfor­der­lich, dass das vie­le gesam­mel­te Mate­ri­al umge­la­gert wer­den muss­te. Und die Zeit brach­te es mit sich, dass sich die öffent­li­chen Auf­trit­te von Gün­ter Pap­pen­heim ver­rin­ger­ten. So wur­de auch die Neue Rhei­ni­sche Zei­tung nicht mehr so häu­fig bemüht.

Bei einem Gespräch mit Freun­den erwähn­te Gün­ter Pap­pen­heim die Exi­stenz des ein­zig­ar­ti­gen Doku­ments, ging ziel­si­cher an den Schrank, in dem er es auf­be­wahrt zu haben glaub­te, und erschrak. Die Zei­tung war nicht am ver­mu­te­ten Ort. Sie konn­te nicht ver­lo­ren wor­den sein. Es ließ sich nicht genau bestim­men, wann er sie zum letz­ten Mal in der Hand gehabt hat­te. War es ein Vor­trag vor jun­gen Leu­ten gewe­sen, hat­te er sie lie­gen las­sen? Könn­te sie mit­ge­nom­men wor­den sein? Der Ver­dacht wäre unge­heu­er­lich. Gün­ter Pap­pen­heim fühl­te eine rie­si­ge Last auf sei­nem Her­zen. Nur – die Zei­tung war nicht zu fin­den. Will­kür­lich zu suchen, erwies sich als wenig zielführend.

Über einen län­ge­ren Zeit­raum such­te ein Freund systematisch.

An einem Spät­som­mer­tag ent­nahm der Freund einem Schrank eine alte Map­pe aus rotem Kunst­stoff. Sie fühl­te sich kleb­rig an, die Weich­ma­cher waren aus dem Mate­ri­al ent­wi­chen, hat­ten es ver­formt. An der Unter­sei­te der roten Map­pe kleb­te eine grü­ne Kunst­le­der­map­pe. Wie eine Kra­ke hat­te der rote Kunst­stoff die grü­ne Map­pe umschlos­sen, so dass sie sich nicht öff­nen ließ. Nach­dem bei­de Map­pen vor­sich­tig von­ein­an­der gelöst waren und die grü­ne Map­pe geöff­net wer­den konn­te, erschien die rot gedruck­te ein­hun­dert­sieb­zig Jah­re alte Neue Rhei­ni­sche Zei­tung.

Gün­ter fühl­te sich an dem Tag nicht wohl. Schwä­chen des Alters sind manch­mal schwer zu ertra­gen. Als ihm die Zei­tung gezeigt wur­de, atme­te er lan­ge geräusch­voll aus. Der Stein, der auf ihm gela­stet hat­te, war sehr schwer gewe­sen, beson­ders des­halb, weil die Gefahr fal­scher Ver­däch­ti­gung so rie­sig und bedroh­lich über allem schwebte.

Nun gilt es zu über­le­gen, wie am besten eine Kon­ser­vie­rung des wert­vol­len Stückes erfol­gen und das Ori­gi­nal bewahrt wer­den kann.