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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Psychotherapie: Bald gefangen im Netz?

Ohne Ver­trau­en kein An-Ver­trau­en. Die Psy­cho­the­ra­pie und die Schwei­ge­pflicht – sie gehö­ren unbe­dingt zusam­men. Hat irgend­je­mand das jemals bezweifelt?

1999: Mit Erhalt mei­ner Appro­ba­ti­on als Psy­cho­the­ra­peu­tin mit tie­fen­psy­cho­lo­gi­scher Aus­rich­tung begin­ne ich, im Kas­sen­sy­stem zu arbei­ten. Zuerst im Job­sha­ring, seit 2002 mit eige­ner Kas­sen­zu­las­sung. Mit dem Psy­cho­the­ra­peu­ten­ge­setz wird eine psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung 100-pro­zen­ti­ge Kas­sen­lei­stung: eine gro­ße Errun­gen­schaft für das Nach­kriegs­deutsch­land, das an den Wun­den der Nazi­dik­ta­tur laboriert.

Ich erle­be tag­täg­lich, wie bit­ter not­wen­dig die Auf­ar­bei­tung der in uns allen leben­di­gen Aus­wir­kun­gen wie Auto­ri­täts­hö­rig­keit, Bereit­schaft zu Grau­sam­keit, Gewalt, Abstump­fung, zum Weg­se­hen, zur schul­ter­zucken­den Akzep­tanz von Zwangs­maß­nah­men und der sadi­sti­schen Freu­de am Leid ande­rer ist. Heu­te viel­leicht noch wich­ti­ger denn je!

In einer Psy­cho­the­ra­pie erfah­ren die Kli­en­tIn­nen, wie heil­sam es ist, mit einer/​m neu­tra­len Unbe­tei­lig­ten zu spre­chen. Mit der ver­trau­ens­vol­len Bezie­hung wächst der Mut, die Din­ge (wie­der) in die eige­nen Hän­de zu neh­men. Der Bedarf ist groß, die Zulas­sungs­zah­len stei­gen, die War­te­zei­ten auf einen The­ra­pie­platz sind lang.

Bei mei­nem Kli­en­tel geht es häu­fig um eine Mix­tur von: Erschöpfung/​Müdigkeit, psy­cho­so­ma­ti­schen Sym­pto­men, Schlaf­stö­run­gen, Unru­he und Angst, auch bei ver­meint­lich klei­nen Anfor­de­run­gen zu ver­sa­gen, feh­len­dem Zutrau­en in die eige­nen Fähig­kei­ten, Ver­lust an Ver­trau­en in ande­re, mensch­li­chen Enttäuschungen.

Dau­er­the­men in den The­ra­pien sind stän­di­ge Umstruk­tu­rie­run­gen und erhöh­ter Arbeits­druck, sinn­freie Ver­wal­tungs­an­for­de­run­gen, digi­ta­le Umstel­lun­gen und Neu­ein­füh­run­gen. Vie­le, sehr vie­le Kli­en­tIn­nen haben ihren Beruf vor­zei­tig ver­las­sen. Vie­le, sehr vie­le kom­men aus dem Gesundheitswesen.

Und nun rollt die Digi­ta­li­sie­rungs­wel­le ver­meint­lich unauf­halt­sam auf das Gesund­heits­we­sen selbst zu!

Tele­ma­tik-Infra­struk­tur (TI) ist das sper­ri­ge Zau­ber­wort, das den schnel­len Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen ver­heißt: Alle in einem Netz – klingt das nicht nach gren­zen­lo­sen Mög­lich­kei­ten und kusche­li­ger Gemein­schaft? Nein, in mei­nen Ohren klingt es nach Gefan­gen­schaft, ich sehe zap­peln­de Fische vor mir und all die gestran­de­ten Erschöpf­ten, die durch mei­ne Pra­xis getau­melt sind.

Und ich sehe die Schwei­ge­pflicht in Gefahr, unser höch­stes Gut. Digi­ta­le Anbin­dung heißt: Jeder­zeit ist Zugriff auf die von mir erho­be­nen und gespei­cher­ten Daten möglich.

Das The­ma geht jede/​n an, egal, ob im Gesund­heits­we­sen tätig oder als Ver­si­cher­te: Künf­tig wer­den wir uns nicht mehr ent­schei­den kön­nen, ob die beim Arzt, in der Kli­nik und bald auch in der Apo­the­ke erho­be­nen Daten ins Netz kom­men: Sie sind und blei­ben gespei­chert. Die Phar­ma-, Wer­be- und IT-Bran­chen rei­ben sich schon die Hän­de ange­sichts der unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten, schließ­lich ist der Gesund­heits­markt Deutsch­lands größ­ter Wirtschaftsfaktor.

Die digi­ta­le Auf­rü­stung mei­ner klei­nen Pra­xis mit dem Risi­ko, dass Daten mei­ner Kli­en­tel unkon­trol­lier­bar in das geplan­te umfas­sen­de Netz wan­dern, war und ist für mich jeden­falls unvor­stell­bar. Juri­stisch und tech­nisch bin ich als Pra­xis­in­ha­be­rin die Ver­ant­wort­li­che für das, was mit den Daten geschieht. Bit­ter, wie jüngst die Arzt­pra­xen, die an dem gro­ßen Gesund­heits­da­ten­skan­dal betei­ligt waren, an den Pran­ger gestellt wur­den. Die angeb­li­che Sicher­heit ist ein ein­zi­ger Witz, schon ange­sichts der Viel­zahl der Zugriffs­be­rech­tig­ten – von 200.000 ange­schlos­se­nen Insti­tu­tio­nen ist die Rede. Da soll es kei­ne unwäg­ba­ren Sicher­heits­ri­si­ken geben? Es wird immer feh­ler­haf­ten Umgang mit tech­ni­schen Syste­men geben. Wer das leug­net, ist rea­li­täts­fremd. Daten von psy­chisch Kran­ken in den fal­schen Hän­den? Unverantwortbar.

Ich will nicht mit müden Augen und inner­lich ange­spannt in der Pra­xis sit­zen und gleich­zei­tig den Pati­en­tIn­nen nahe­le­gen, bes­ser auf ihre Selbst­für­sor­ge zu ach­ten. Wie soll ich ein offe­nes Ohr behal­ten für ihre Nöte, wenn ich selbst eine hoch risi­ko­rei­che und inhalt­lich über­flüs­si­ge Tech­nik ein­set­zen soll? Wie soll ich den Rücken stär­ken für Aus­ein­an­der­set­zun­gen, wenn ich sel­ber nicht den Mumm habe, Nein zu sagen und für mei­ne Mei­nung einzutreten?

Wie wol­len wir den Kli­ma- und Wer­te­wan­del hin­krie­gen, wenn ener­gie­in­ten­si­ve Tech­ni­ken immer wei­ter aus­ge­baut wer­den? Inne­hal­ten, Nach­den­ken und Ver­zicht sind das Gebot der Stun­de, nicht Wachs­tum um den Preis unse­rer schö­nen Welt. Es wird immer wie­der bahn­bre­chen­de Erfin­dun­gen geben, die sich irgend­wann in den All­tag ein­rei­hen. Das wird mit der Digi­ta­li­sie­rung nicht anders sein. Auch die­ser Hype wird abebben.

Bis­lang kann ich zusi­chern: Was in der Pra­xis gespro­chen wird, bleibt in der Pra­xis. Die the­ra­peu­ti­sche Schwei­ge­pflicht schafft einen Schutz­raum, in dem auch schwie­ri­ge, scham- und schuld­be­setz­te The­men und Gefüh­le Platz haben. Ich habe kei­nen Inter­net­an­schluss in der Pra­xis. Wozu auch? Ich habe trotz ein­dring­li­chen Fra­gens und viel Lek­tü­re noch kein ein­zi­ges Argu­ment gefun­den, das mich vom Vor­teil der TI-Ein­füh­rung in mei­ner Pra­xis überzeugt.

Auf mich kämen nur nutz­lo­se Mehr­ar­beit und gefähr­li­che Risi­ken zu. Ganz zu schwei­gen von den Kosten. Ich betrach­te es als Ver­rat an der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft, dass ihre Gel­der in Mil­li­ar­den­hö­he in die TI flie­ßen, ohne dass dar­über infor­miert und umfas­send dis­ku­tiert wur­de. Geld, das für die Behand­lun­gen feh­len wird. Und dass wir Behand­le­rIn­nen nicht ein­be­zo­gen wur­den und wer­den in Ent­schei­dun­gen, die unse­re Arbeit in ihrem Kern tref­fen, empört mich immens.

Aber: Wie weh­ren gegen die Zwangs­an­bin­dung? Das erste, wich­tig­ste und nahe­lie­gen­de ist: beim Nein blei­ben. Die Zah­len sind unge­nau, aber zwi­schen 20 und 50 Pro­zent der Behand­le­rIn­nen neh­men Hono­rarab­schlä­ge in Kauf und ver­wei­gern den Anschluss. Vie­le, die sich zunächst haben anschlie­ßen las­sen, haben es mit Bauch­weh getan und ste­hen nicht dahin­ter. Ärz­tIn­nen wie Zahn­ärz­tIn­nen wie The­ra­peu­tIn­nen. Stecker zie­hen geht zwar noch, aber die Kosten wer­den im Fall eines Rück­zugs wohl bei den Bestel­le­rIn­nen hän­gen­blei­ben. Im Schnitt über 3000 Euro pro Anschluss.

Angst, irgend­wann abge­hängt zu wer­den oder die Zulas­sung zu ver­lie­ren, habe ich nicht. Wir wer­den gebraucht, das Gesund­heits­we­sen ächzt unter dem Exo­dus der qua­li­fi­zier­ten Kräfte.

Ent­schei­dend für den wei­te­ren Wider­stand ist unser per­sön­li­ches Enga­ge­ment. Die Kri­ti­ker der Digi­ta­li­sie­rung schlie­ßen sich der­zeit zusam­men, es exi­stie­ren Listen mit Ver­wei­ge­rern: https://kollegennetzwerk-psychotherapie.de/telematikgegner. Im Kol­le­gen­netz­werk Psy­cho­the­ra­pie infor­miert ein wöchent­li­cher News­let­ter über den aktu­el­len Stand der Din­ge: newsletter@kollegennetzwerk-psychotherapie.de

Und zum guten Schluss zwei ganz aktu­el­le, kon­kre­te Mög­lich­kei­ten des Han­delns: www.gesundheitsdaten-in-gefahr.de/ sam­melt bis Ende Okto­ber Unter­schrif­ten für eine Bun­des­tags­pe­ti­ti­on, www.umfrage-patientenakte.de/ unter­sucht den Kennt­nis­stand zur elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­ak­te und die Ein­stel­lung zur Digi­ta­li­sie­rung des Gesundheitswesens.

Am 30. Novem­ber wird es ein Ver­net­zungs­tref­fen aller Initia­ti­ven der TI-Geg­ne­rIn­nen in Frank­furt am Main geben. Wei­te Infor­ma­tio­nen sie­he unter: https://ddrm.de/vernetzungstreffen-der-kritikerinnen-der-zwangs-digitalisierung-im-gesundheitswesen-am-30-november-in-frankfurt/. Am 26. Okto­ber hält Hil­de­gard Husch­ka einen Vor­trag auf dem DDPP-Sym­po­si­um in Ber­lin mit dem Titel »Ika­ria«. Tagungs­the­ma ist »Manie«. Nähe­res unter: www.ddpp.eu/.