Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nicht irgendeiner

Die Nach­richt löste eine hef­ti­ge Dis­kus­si­on in der Redak­ti­on aus, die vor gerau­mer Zeit ihren Titel auf zwei Buch­sta­ben ver­kürzt und die Unter­zei­le »Sozia­li­sti­sche Tages­zei­tung« gleich mit getilgt hat­te. Sie fei­er­te soeben ihren 75. Geburts­tag, offen­bar woll­ten sich doch noch eini­ge ihrer Wur­zeln erin­nern. Die Kon­tro­ver­se hat­te sich an der Fra­ge ent­zün­det, ob man der Leser­schaft mit­tei­len müs­se, dass Pro­fes­sor M. M. 98-jäh­rig in Ber­lin ver­stor­ben sei und man ihm eini­ge ehren­de Wor­te im Blatt nach­ru­fen soll­te. Die jün­ge­ren Redak­teu­re waren dage­gen, und eine Kol­le­gin – so um die vier­zig, die den Namen offen­bar noch nie gehört und sich dar­um per Goog­le kun­dig gemacht hat­te – begrün­de­te ihre kate­go­ri­sche Ableh­nung mit der Bemer­kung, der sei doch nur ein Uro­lo­ge, der zudem seit über drei­ßig Jah­ren nicht mehr prak­ti­ziert habe. Da genü­ge ein Schulterzucken.

In die­ser Debat­te wur­de ein­mal mehr offen­bar, wie mit der Zeit die kol­lek­ti­ve Erin­ne­rung ver­blasst und das kol­lek­ti­ve Unwis­sen wächst, weil auch das World Wide Web wei­te Maschen hat.

Natür­lich war M. M. ein Uro­lo­ge, der in Mos­kau sein Medi­zin­stu­di­um fort­ge­setzt hat­te, nach­dem er es hat­te unter­bre­chen müs­sen – nach dem Über­fall sei­ner Lands­leu­te, die ihn und sei­ne jüdi­sche Fami­lie bereits Anfang der drei­ßi­ger Jah­re aus Deutsch­land ver­trie­ben hat­ten. Er mel­de­te sich damals frei­wil­lig zur Roten Armee und erleb­te sei­ne Feu­er­tau­fe Ende 1941 an der Wolo­ko­lams­ker Chaus­see. Drei­ßig Kilo­me­ter vor Mos­kau brach­te die Rote Armee die Wehr­macht zum Ste­hen. Das war die über­haupt erste Nie­der­la­ge der faschi­sti­schen Arme­en seit dem 1. Sep­tem­ber 1939.

M.M. kämpf­te bis 1945 an der Front und ret­te­te die Ehre Deutsch­lands inso­fern, als auch er bewies, dass nicht alle Deut­schen Nazis waren. Aller­dings muss man ein­räu­men, dass er damit zu einer ver­schwin­den­den Min­der­heit gehörte.

Im Juni 1945 sah der nun­meh­ri­ge Gar­de­ober­leut­nant die Trüm­mer Dres­dens. Er war auf der Durch­rei­se. Das Ende des Krie­ges hat­te er in Mäh­ren erlebt, nun wur­de er nach Asi­en umge­setzt, um – das hat­te Sta­lin Roo­se­velt zuge­si­chert – den USA bei der Nie­der­rin­gung des japa­ni­schen Faschis­mus bei­zu­ste­hen. M. M. kam mit der 53. Armee in die Mon­go­lei und im Novem­ber 1945 per Befehl zur Mili­tär­ver­wal­tung in die sowje­tisch besetz­te Zone in Deutsch­land. Dort war er zwei Jah­re lang in der Poli­ti­schen Abtei­lung im Regie­rungs­be­zirk Hal­le-Mer­se­burg tätig.

24-jäh­rig kehr­te er im Früh­jahr 1947 nach Mos­kau zurück. Es folg­ten die Fort­set­zung des Stu­di­ums und Pro­mo­ti­on und schließ­lich Ende der fünf­zi­ger Jah­re die Über­sied­lung in die DDR. Als Uro­lo­ge arbei­te­te M. M. in der Ber­li­ner Cha­ri­té. Als Medi­zi­ner mach­te er sich in der Nie­ren-For­schung einen Namen, er war eine Kory­phäe. Er gehör­te der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR und der UdSSR und nach deren Ende auch der Rus­si­schen Aka­de­mie der Medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaf­ten an.

Aber M. M. war eben nicht nur Wis­sen­schaft­ler, son­dern zeit­le­bens auch ein poli­tisch akti­ver Mensch. So lei­te­te er bei­spiels­wei­se die DDR-Sek­ti­on der Inter­na­tio­nal Phy­si­ci­ans for the Pre­ven­ti­on of Nuclear War (IPPNW), der Ärz­te gegen den Atom­krieg. Seit Beginn der sieb­zi­ger Jah­re saß er im Zen­tral­ko­mi­tee der SED. Berühmt wur­de er mit sei­nem dor­ti­gen Auf­tritt am 18. Okto­ber 1989. Er hat­te als Ein­zi­ger der mehr als zwei­hun­dert anwe­sen­den Mit­glie­der und Kan­di­da­ten des ZK nach dem Sturz Hon­eckers und der Wahl von Krenz selbst­kri­tisch von sei­nem Platz aus erklärt, dass er den Mut, den er einst vor dem Feind bewie­sen hät­te, hier habe ver­mis­sen las­sen. Er habe geschwie­gen und tra­ge dar­um die vol­le Ver­ant­wor­tung für das Schei­tern mit.

In den neun­zi­ger Jah­ren schloss sich M. M. jenen Per­sön­lich­kei­ten an, die einen Älte­sten­rat ins Leben rie­fen, wel­cher die PDS-Füh­rung bera­ten soll­te. Sei­ne in fast fünf­zig Jah­ren als Mit­glied der KPdSU und der SED gemach­ten Erfah­run­gen leg­ten es nahe, ein Gre­mi­um zu schaf­fen, das der Selbst­ge­fäl­lig­keit und Selbst­über­schät­zung, zu der Par­tei­füh­run­gen nei­gen, aktiv ent­ge­gen­wir­ken sollte.

Wir sahen uns oft auf Ver­an­stal­tun­gen in der rus­si­schen Ver­tre­tung, die die Vete­ra­nen des Gro­ßen Vater­län­di­schen Krie­ges regel­mä­ßig ein­lud. Ihre Rei­hen lich­te­ten sich mit den Jah­ren. Unse­re letz­te Begeg­nung fand in sei­ner Woh­nung am Mär­ki­schen Ufer statt, in der er seit 2015, seit dem Tod sei­ner Frau Son­ja, allein leb­te. Wir spra­chen über sei­nen Bei­trag für eine zum Druck vor­be­rei­te­te Bio­gra­fie sei­nes ehe­ma­li­gen Chefs, des sowje­ti­schen Kul­tur­of­fi­ziers Ser­gej Tul­panow, einer bis heu­te unter­schätz­ten Schlüs­sel­fi­gur der sowje­ti­schen Nach­kriegs­po­li­tik in Deutsch­land, einem Juden und fein­sin­ni­gen, kul­ti­vier­ten Kom­mu­ni­sten, wie er selbst einer war. Unser mehr­stün­di­ges Gespräch kam immer wie­der auf die Mut­fra­ge zurück – Mut vorm Feind und Mut vorm Freund, also Zivil­cou­ra­ge. Ein sehr aku­tes The­ma, wie er fand.

Ende April ist Moritz Mebel verstorben.

Von wegen: Uro­lo­ge, der nicht mehr prak­ti­ziert und uns nichts zu sagen hatte.