Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Pandemie entblößt Kapitalismus

Nie­mand woll­te die Pas­sa­gie­re an Land las­sen, Kuba schon. Die kuba­ni­sche Regie­rung erteil­te einem nor­we­gisch-bri­ti­schen Kreuz­fahrt­schiff die Erlaub­nis, einen kuba­ni­schen Hafen anzu­lau­fen, um die Pas­sa­gie­re nach Aus­bruch des Coro­na­vi­rus an Bord zu eva­ku­ie­ren. Der Insel­staat folg­te damit einer Bit­te der bri­ti­schen Regie­rung, nach­dem ande­re Kari­bik­staa­ten dem Schiff das Anlau­fen nähe­rer Häfen unter­sagt hat­ten. Die MS Bra­emar lief unter Applaus der Bevöl­ke­rung, nicht unter Abwehr, im Hafen von Mari­el ein, wo die »kuba­ni­schen Behör­den mit stren­gen, jedoch freund­lich ange­wen­de­ten, sani­tä­ren Iso­lie­rungs­maß­nah­men die Pas­sa­gie­re zum Flug­ha­fen von Havan­na trans­por­tier­ten und mit Char­ter­flü­gen nach Groß­bri­tan­ni­en beför­der­ten«, so Fre­de­r­i­co Füll­graf in sei­nem Arti­kel »Die Armee der wei­ßen Kit­tel« (www.nachdenkseiten.de).

 

WHO: Kuba­ni­sches Gesund­heits­sy­stem Vor­bild für die gan­ze Welt

Im Zuge der Coro­na-Kri­se ringt die EU um medi­zi­ni­sches Mate­ri­al, Schutz­aus­rü­stung, Inten­siv­bet­ten und Beatmungs­ge­rä­te, andern hel­fen tut sie kaum, im Gegen­teil, sie kon­fis­ziert sogar Schutz­mas­ken für EU-Län­der. Kuba aber zeigt inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät und hat 52 Ärzt*innen und Krankpfleger*innen nach Ber­ga­mo in Ita­li­en gesen­det. Eben­so tra­fen Hilfs­trup­pen kuba­ni­scher Ärz­te in Vene­zue­la ein, um eine Aus­brei­tung der Covid-19-Atem­wegs­er­kran­kung zu ver­hin­dern. Kuba hat mit 8,19 Ärzt*innen pro 1000 Einwohner*innen die höch­ste Ver­sor­gungs­ra­te der Welt. In Deutsch­land sind es mit 4,33 etwa die Hälf­te, berich­tet der Stern am 9. April. Im Jahr 2014 bezeich­ne­te die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO das kuba­ni­sche Gesund­heits­sy­stem als Vor­bild für die gan­ze Welt.

 

EU-Kom­mis­si­on for­dert Kür­zun­gen bei Gesundheitsausgaben

Die EU setz­te in den letz­ten gut zehn Jah­ren schnell und hart Spar­maß­nah­men in Süd­eu­ro­pa durch, mit Aus­wir­kun­gen auch auf die Gesund­heits­sy­ste­me dort. Nun fühlt sie sich nicht zustän­dig. Laut einem im ver­gan­ge­nen Monat ver­öf­fent­lich­ten Bericht hat die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on min­de­stens 63 For­de­run­gen an die Mit­glied­staa­ten gestellt, die Aus­ga­ben in der Gesund­heits­ver­sor­gung von 2011 bis 2018 zu kür­zen, um die will­kür­li­chen Schul­den- und Defi­zit­zie­le des Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakts zu erfül­len. Die­se Regeln haben die öffent­li­chen Dienst­lei­stun­gen in ganz Euro­pa aus­ge­höhlt, ein­schließ­lich der Gesund­heits­dien­ste, berich­tet Mick Wal­lace, Abge­ord­ne­ter des Euro­päi­schen Par­la­ments der Frak­ti­on der Ver­ein­ten Euro­päi­schen Linken/​Nordischen Grü­nen Lin­ken (GUE/​NGL).

Wäh­rend sich bei Redak­ti­ons­schluss Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier Boris John­son in »exzel­len­ter« Betreu­ung im besten Spi­tal befin­det, müs­sen in Groß­bri­tan­ni­en Züge ange­hal­ten und umge­rü­stet wer­den, um aus­rei­chend Bet­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len. In Ita­li­en, Frank­reich, Spa­ni­en, Groß­bri­tan­ni­en und vie­len ande­ren Län­dern war und ist es nicht mehr mög­lich, allen Infi­zier­ten, bei denen die Erkran­kung kei­nen mil­den Ver­lauf nimmt, best­mög­lich zu hel­fen. Man­chen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wur­de sogar die Behand­lung ver­wei­gert, weil die Kapa­zi­tä­ten der Inten­siv­sta­tio­nen erschöpft waren. Die Regie­run­gen die­ser Län­der sind jah­re­lang den Emp­feh­lun­gen von »Exper­ten« gefolgt, denen es nicht um ein gutes, öffent­li­ches Gesund­heits­sy­stem geht, das allen Men­schen unab­hän­gig von den finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten zugäng­lich ist, son­dern um maxi­ma­le Pro­fi­te durch Kür­zun­gen und Pri­va­ti­sie­rung. Wäh­rend sich Poli­ti­ker, Aktio­nä­re und Indu­stri­el­le in ihre Palä­ste zurück­zie­hen, kämp­fen Land- und Industriearbeiter*innen, Intel­lek­tu­el­le und Behör­den­an­ge­stell­te, Ärz­te und medi­zi­ni­sches Per­so­nal um Nah­rung, Medi­zin, Trans­port, Rei­ni­gung, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Ener­gie und not­wen­di­ge Güter, um das Leben auf­recht zu erhal­ten. Auf der ande­ren Sei­te spe­ku­lie­ren die Ange­hö­ri­gen der herr­schen­den Klas­sen, nut­zen die Pan­de­mie, um Prei­se zu erhö­hen, ver­stecken Pro­duk­te, um künst­li­che Knapp­heit zu erzeu­gen, nut­zen die Kri­se, um ihre Pro­fi­te zu erhöhen.

 

Risi­ko­ana­ly­se bereits 2012

Bereits im Jahr 2012 mach­te sich die Bun­des­re­gie­rung über Risi­ko­sze­na­ri­en Gedan­ken und infor­mier­te den Bun­des­tag über eine mög­li­che »Pan­de­mie durch Virus ›Modi-SARS‹« (Bericht zur Risi­ko­ana­ly­se im Bevölkerungsschutz, Bun­des­tags­druck­sa­che 17/​12051, S. 55 ff.). Das Risi­ko­sze­na­rio 2012 hat vie­le Ähn­lich­kei­ten mit dem aktu­el­len Coro­na-Pro­zess. Das betrifft die Aus­brei­tung der Erkran­kung, eben­so die Fol­gen für Betrie­be und Men­schen. Schon damals wur­de fest­ge­stellt, dass das Gesund­heits­sy­stem an sei­ne Gren­zen sto­ßen wird. Es ist zu fra­gen, war­um auf­grund der Ana­ly­se nichts gesche­hen ist, war­um kei­ne Vor­sor­ge getrof­fen wur­de – im Gegen­teil, das Gesund­heits­sy­stem wur­de wei­ter run­ter­ge­fah­ren. Ohne die­se Risi­ko­ana­ly­se könn­te man anneh­men, dass sich nie­mand das Aus­maß so eines Desa­sters vor­stel­len konn­te. Mit dem Bericht aus 2012 emp­feh­len sich ande­re – kei­ne pro­fit­ori­en­tier­ten – Schlussfolgerungen.

 

Gesund­heits­we­sen – pro­fi­ta­bler Wirtschaftszweig

Auch in deut­schen Kran­ken­häu­sern herrscht per­ma­nen­te Kri­se, obwohl sie im Ver­hält­nis zu süd­eu­ro­päi­schen Län­dern bei­spiels­wei­se mit Inten­siv­bet­ten noch erheb­lich bes­ser aus­ge­stat­tet sind. Haupt­ver­ant­wort­lich dafür sind die dia­gno­se­be­zo­ge­nen Fall­pau­scha­len, die in den 2000er Jah­ren von Rot-Grün als Finan­zie­rungs­sy­stem ein­ge­führt wur­den. Durch den enor­men Kosten­druck sind Per­so­nal­schlüs­sel, Bet­ten- und Labor­ka­pa­zi­tä­ten sowie Lager­be­stän­de dra­stisch ver­knappt wor­den. Was geschieht, wenn eine Pan­de­mie dazu­kommt, sieht man aktu­ell. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und die Mini­ster­prä­si­den­ten der Län­der beschlos­sen daher am 12. März, dass alle plan­ba­ren Ein­grif­fe in Kli­ni­ken ver­scho­ben wer­den sol­len, soweit medi­zi­nisch ver­tret­bar. Dafür wur­de den Kran­ken­häu­sern ein Schutz­schirm in Aus­sicht gestellt, der die wirt­schaft­li­chen Ver­lu­ste aus­glei­chen soll. Zahl­rei­che, vor allem pri­va­te Kli­ni­ken, ope­rier­ten den­noch wei­ter. Neue Knie­ge­len­ke brin­gen Pro­fit, leer­ge­räum­te Bet­ten nicht. Um das Ver­spre­chen des Schutz­schirms ein­zu­hal­ten, hät­ten die Fall­pau­scha­len außer Kraft gesetzt, bes­ser noch: abge­schafft wer­den müs­sen. Denn eine Finan­zie­rung nach dem tat­säch­li­chen Bedarf kennt das Fall­pau­scha­len­sy­stem nicht. Das Ende März beschlos­se­ne Covid-19-Kran­ken­haus­ent­la­stungs­ge­setz geht aber die­sen Schritt nicht. Zwar sol­len die Kran­ken­häu­ser mit finan­zi­el­len Anrei­zen dazu gebracht wer­den, Ope­ra­tio­nen zu ver­schie­ben und mehr Plät­ze auf den Inten­siv­sta­tio­nen zu schaf­fen, um die Kapa­zi­tä­ten zur Behand­lung von Covid-19-Pati­en­ten zu erhö­hen. Jedoch will Gesund­heits­mi­ni­ster Spahn an der Finan­zie­rung via Fall­pau­scha­len fest­hal­ten, die die Spi­tä­ler auch in Kri­sen­zei­ten zwingt, betriebs­wirt­schaft­lich abzu­wä­gen, so Stef­fen Stier­le in der jun­gen Welt vom 26. März.

Das Gesund­heits­we­sen hat sich in Deutsch­land zu einem gro­ßen Wirt­schafts­zweig ent­wickelt, in dem 5,5 Mil­lio­nen Erwerbs­tä­ti­ge mehr als elf Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts erwirt­schaf­ten. Es geht um wirt­schaft­li­che Inter­es­sen. Vor einem hal­ben Jahr ver­öf­fent­lich­te die Ber­tels­mann-Stif­tung eine Stu­die, nach der die Ver­sor­gung der Pati­en­ten in Deutsch­land angeb­lich erheb­lich ver­bes­sert wer­den könn­te, wenn mehr als jedes zwei­te Kran­ken­haus geschlos­sen wür­de. Die ver­blei­ben­den 600 Super­kli­ni­ken könn­ten dem­nach deut­lich mehr Per­so­nal und eine bes­se­re Aus­stat­tung erhalten.

Die Deut­sche Kran­ken­haus­ge­sell­schaft DKG sieht sol­che Über­le­gun­gen kri­tisch. »Die der­zei­ti­ge Situa­ti­on macht deut­lich, wie wich­tig eine flä­chen­decken­de Kran­ken­haus- und Not­fall-Ver­sor­gung ist«, sag­te DKG-Prä­si­dent Gaß der FAZ. Seit zwei Jahr­zehn­ten feh­le aber das Geld, »um auf dem aktu­el­len und besten Stand« zu sein. In erster Linie sei das Auf­ga­be der Län­der, doch soll­te sich auch der Bund mit sei­nen beab­sich­tig­ten Kon­junk­tur­sprit­zen betei­li­gen, for­der­te Gaß.

Der Deut­sche Städ­te- und Gemein­de­bund monier­te, die Kli­nik­pla­nun­gen ori­en­tier­ten sich aus­schließ­lich an der Wirt­schaft­lich­keit. Viel zu wenig wür­den Pan­de­mie­ge­fah­ren und die Not­wen­dig­keit berück­sich­tigt, zusätz­li­che Behand­lungs­plät­ze auch in den Regio­nen vor­zu­hal­ten. »Der oft beklag­te ›Bet­ten­berg‹ ist im Ernst­fall unver­zicht­bar, um die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Gesund­heits­we­sens zu gewähr­lei­sten«, sag­te Haupt­ge­schäfts­füh­rer Lands­berg der FAZ. Auch er ver­lang­te, aus­rei­chen­de Mit­tel zur Ver­fü­gung zu stellen.

Die pri­va­ti­sie­rungs­kri­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on Gemein­gut in Bür­ge­rIn­nen­hand for­dert neben einem sofor­ti­gen Stopp von Kran­ken­haus­schlie­ßun­gen die Abschaf­fung des Fall­pau­scha­len­sy­stems. Sie bat anläss­lich des Welt­ge­sund­heits­ta­ges Bür­ge­rIn­nen und Bür­ger, sich mit ent­spre­chen­den Mails an Bun­des­ge­sund­heits­mi­ni­ster Jens Spahn zu wen­den und star­te­te eine Foto­ak­ti­on (www.gemeingut.org).

 

Feu­er­wehr wird auch nicht nach Brän­den bezahlt

Die Vor­sit­zen­de der Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund, Susan­ne Joh­na, sag­te, eine »Just-in-time-Ver­sor­gung« funk­tio­nie­re im Gesund­heits­we­sen nicht: »Die Feu­er­wehr wird ja auch nicht nach Brän­den bezahlt und schafft sich erst dann Feu­er­wehr­au­tos an, son­dern wir brau­chen und finan­zie­ren sie vor­sorg­lich.« Eine genü­gen­de Bet­ten­zahl in der Flä­che sei auch des­halb nötig, um den Spe­zi­al­kli­ni­ken für schwe­re­re Erkran­kun­gen den Rücken frei­zu­hal­ten. Den­noch könn­ten in der Coro­na-Kri­se die Kapa­zi­tä­ten aus­ge­schöpft wer­den, dann müss­ten Ein­grif­fe wie Hüft­ope­ra­tio­nen abge­sagt werden.

Coro­na zeigt den Kapi­ta­lis­mus in sei­ner gan­zen erschrecken­den inhu­ma­nen Nackt­heit. Im Gesund­heits­sy­stem steht nicht die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung im Mit­tel­punkt, son­dern der Höchst­pro­fit. Dass das kein Natur­ge­setz ist, zeigt das sozia­li­sti­sche Kuba.

Auch in Deutsch­land sind die 5,5 Mil­lio­nen Gesund­heits­ar­bei­te­rIn­nen eine star­ke Macht, wenn sie sich orga­ni­siert wehren.

 

Der 82-minü­ti­ge Film »Der markt­ge­rech­te Pati­ent« von Les­lie Fran­ke und Her­dolor Lorenz (Kern­film) infor­miert über die Fol­gen des Fall­pau­scha­len­sy­stems (https://der-marktgerechte-patient.org).