Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Union der harten Hand

Inzwi­schen ist bekannt: In Austra­li­en gab es unge­fähr seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts staat­li­che Ent­füh­run­gen. Die Urein­woh­ner, die Abori­gi­nes, wur­den – damals von der bri­ti­schen Regie­rung – in staat­li­che Reser­va­te gepresst, die Behör­den ent­zo­gen Kin­der ihren Eltern, um sie der eige­nen Kul­tur zu ent­frem­den und wie Wei­ße zu erzie­hen. Spä­ter, im 20. Jahr­hun­dert, wur­de die­ses Vor­ge­hen ideo­lo­gisch unter­füt­tert von der soge­nann­ten Ras­sen­leh­re und der Euge­nik. Die Kin­der kamen zu christ­li­chen Mis­sio­na­ren, zu Pfle­ge- und Adop­tiv­el­tern. Die­se bizar­re Poli­tik wur­de bis in die 1970er Jah­re hin­ein ver­folgt, aber erst im Febru­ar 2008 sprang die austra­li­sche Regie­rung über ihren dunk­len Schat­ten und ent­schul­dig­te sich offi­zi­ell bei den Abori­gi­nes und den geraub­ten Kindern.

Wenig bis nichts ist dage­gen hier­zu­lan­de bekannt über den Kin­der­raub in »Got­tes eige­nem Land«, in den USA. Hier­zu­lan­de berich­ten die Medi­en lie­ber mit gro­ßer Regel­mä­ßig­keit über »poli­tisch moti­vier­te Adop­ti­on« in der DDR »im Kon­text der Auf­ar­bei­tung von SED-Unrecht«, wie es in einer »Vor­stu­die im Auf­trag des Bun­des­mi­ni­ste­ri­ums für Wirt­schaft und Ener­gie« vom Febru­ar 2018 heißt. Oder man blickt zurück nach Rumä­ni­en auf die Wai­sen­häu­ser der Ceau­çes­cu-Zeit und das Schick­sal der dort ein­ge­sperr­ten, oft behin­der­ten Kinder.

»Das histo­ri­sche Trau­ma, mit dem die Nati­ves bis heu­te leben, war kein selbst­ge­wähl­ter Pfad. Von 1819 bis 1934 wur­den india­ni­sche Kin­der syste­ma­tisch aus ihren Fami­li­en her­aus­ge­ris­sen und in Inter­nats­schu­len gesteckt. Dort wuch­sen sie auf wie Kriegs­ge­fan­ge­ne, wur­den bestraft, wenn sie ihre Mut­ter­spra­che spra­chen, wur­den bestraft, wenn sie mit ihren Geschwi­stern rede­ten, sofern sich ihre Wege kreuz­ten. Ein­hun­dert­fünf­zehn Jah­re lang erleb­ten Kin­der nicht mit, wie Eltern Kin­der groß­zie­hen. […] Dann wur­den sie heim­ge­schickt in die neu geschaf­fe­nen Reser­va­ti­ons­sy­ste­me, wo es bis in die spä­ten 1960er Jah­re gän­gi­ge Pra­xis der für Coun­ty oder Staat täti­gen Sozi­al­ar­bei­ter war, India­ner­kin­der ein­fach zu ver­schlep­pen und in wei­ßen Pfle­ge- oder Adop­tiv­fa­mi­li­en auszusetzen.«

Lan­des­weit sol­len bis zu 35 Pro­zent »der Ein­ge­bo­re­nen­kin­der ver­schleppt und in nicht-india­ni­sche Haus­hal­te oder Ein­rich­tun­gen ver­frach­tet« wor­den sein.

Die hier zitier­ten Zei­len ste­hen im Nach­wort des in die­sem Früh­jahr im Argu­ment Ver­lag in Ham­burg erschie­ne­nen Kri­mi­nal­ro­mans »Am roten Fluss«. Die Autorin Mar­cie Ren­don ist Ange­hö­ri­ge der Anis­hina­be White Earth Nati­on, »mit über 125 Stäm­men eins der größ­ten India­ner­völ­ker Nord­ame­ri­kas aus der Regi­on rund um die Gro­ßen Seen mit Aus­brei­tung in die kana­di­schen Prä­rie­pro­vin­zen und Nörd­li­chen Plains (= Ebe­nen; Anm. K. N.) der USA«. Erich Fromm, so steht zu lesen, hat die Fischer, Jäger und Bau­ern einst den »nicht­de­struk­tiv-aggres­si­ven Gesell­schaf­ten« zuge­ord­net (in »Ana­to­mie der mensch­li­chen Destruktivität«).

In Far­go am Red River, dem Roten Fluss, an der Gren­ze von Nord­da­ko­ta zu Min­ne­so­ta, mit­ten im ame­ri­ka­ni­schen Wei­zen­gür­tel, voll­zieht sich die Hand­lung. Wir schrei­ben das Jahr 1970, Nixon sitzt noch fest im Sat­tel. In Viet­nam ster­ben Tau­sen­de, wie die Nach­rich­ten all­abend­lich mel­den. Es ist Ern­te­zeit. Eine gute Zeit, um sich bei Far­mern für die Arbeit auf den Fel­dern zu ver­din­gen, so wie die 19-jäh­ri­ge Cash als Fah­re­rin rie­si­ger Trak­to­ren und Erntemaschinen.

Und dann geschieht ein Mord. Ein india­ni­scher Wan­der­ar­bei­ter liegt ersto­chen auf einem Feld. Der ört­li­che She­riff, der sei­ne Hand seit ihrer Kind­heit schüt­zend über Cash hält, bit­tet sie um Mit­hil­fe. Er darf nicht in die Red-Lake-Reser­va­ti­on hin­ein, von wo der Tote kommt. Cash aus der benach­bar­ten White-Earth-Reser­va­ti­on ist es erlaubt.

Der She­riff kennt auch Cashs Geheim­nis­se. Sie neigt zu »außer­kör­per­li­chen Erfah­run­gen«, in der india­ni­schen Reli­gio­si­tät und Kul­tur nicht unüb­lich. Dahin­ter steht die Vor­stel­lung, dass Geist oder See­le den Kör­per ver­las­sen kön­nen. Und: Cash ist ein geraub­tes Kind, trau­ma­ti­siert, aber taff; wider­stands­fä­hig gewor­den auf dem Weg der Ernied­ri­gun­gen und Belei­di­gun­gen und Repressalien.

Sie macht sich auf den Weg ins Reser­vat, trifft dort auf die Hin­ter­blie­be­nen, auf die Ehe­frau des Toten und ihre sie­ben Kin­der. Cash weiß, wel­ches Schick­sal den India­ner­kin­dern bevor­steht, wenn die Beauf­trag­ten der United Sta­tes, der Uni­on der har­ten Hand, zugrei­fen. Weiß, dass ihr Feind im eige­nen Land steht, nicht in Viet­nam, und dass es für Min­der­hei­ten kei­nen für­sorg­li­chen Staat gibt. Sie tut ihr Mög­li­ches, um zu ver­hin­dern, dass die Kin­der die­sel­ben Erfah­run­gen wie sie machen müssen.

Aber da ist ja noch der Mord. Und den Mör­dern passt ihre Ein­mi­schung gar nicht.

»Zwar ist die­ses Buch Fik­ti­on, doch die Geschich­ten von Inob­hut­nah­men, Her­ze­leid, post­trau­ma­ti­schen Bela­stungs­stö­run­gen und Genera­tio­nen­trau­ma, die Cash hier erlebt, sind alle nur zu wahr«, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort.

Eine span­nen­de Geschichts­lek­ti­on, die ganz ohne Gräu­el á la Fit­zek auskommt.

 

Mar­gie Ren­don: »Am roten Fluss«, deutsch von Lau­dan und Szelin­ski, Ari­ad­ne im Argu­ment Ver­lag, 220 Sei­ten, 13 €