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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Querschüsse

Quer­schüs­se

Spa­ni­en hat eine Koali­ti­ons­re­gie­rung, ein Novum für das Land. Nie zuvor wur­de ein spa­ni­scher Mini­ster­prä­si­dent mit gera­de ein­mal 167 Ja-Stim­men ins Amt gewählt. 165 Abge­ord­ne­te stimm­ten gegen den Kan­di­da­ten, 18 Abge­ord­ne­te ent­hiel­ten sich ihrer Stim­me. Das Wahl­er­geb­nis spie­gelt die extre­me Frag­men­tie­rung des Par­la­ments wider, in dem 15 Par­tei­en ver­tre­ten sind.

Bis zum Ende der Wahl am 7. Janu­ar muss­te Pedro Sán­chez um sei­ne Wie­der­wahl zit­tern. Abge­ord­ne­te sei­ner Par­tei Parti­do Socia­li­sta Obre­ro Espa­ñol (PSOE) hat­ten per E-Mail Dro­hun­gen und Beschimp­fun­gen erhal­ten. Die kon­ser­va­ti­ve Tages­zei­tung El Mun­do for­der­te in einem Leit­ar­ti­kel die Abge­ord­ne­ten auf, nur auf ihr Gewis­sen zu hören und wegen der sich abzeich­nen­den Kon­zes­sio­nen der neu­en Regie­rung an die Unab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter in Kata­lo­ni­en Pedro Sán­chez ihre Stim­me zu ver­wei­gern. Gro­ße Wel­len schlug der Fall des Abge­ord­ne­ten Tomás Guit­ar­te. Der ein­zi­ge Abge­ord­ne­te der Regio­nal­par­tei Teruel Exi­ste ist ein Sán­chez-Unter­stüt­zer und bekam vor der Abstim­mung eine Flut von Dro­hun­gen und Beschimp­fun­gen. Tomás Guit­ar­te blieb stand­haft, damit war die knap­pe Mehr­heit für Pedro Sán­chez gerettet.

Das raue poli­ti­sche Kli­ma, das der­zeit in Spa­ni­en herrscht, macht deut­lich, wie schwie­rig die kom­men­de Legis­la­tur­pe­ri­ode für Pedro Sán­chez sein wird. Sei­ne Koali­ti­ons­frak­tio­nen umfas­sen nur 155 der 350 Abge­ord­ne­ten im Cor­tes, dem spa­ni­schen Par­la­ment. Zehn wei­te­re Abge­ord­ne­te klei­ner Regio­nal­par­tei­en unter­stüt­zen Sán­chez über sei­ne Wie­der­wahl hin­aus. Das Züng­lein an der Waa­ge sind die 13 Abge­ord­ne­ten der Esquer­ra Repu­bli­ca­na de Catalunya (ERC). Bereits bei sei­ner Wahl war Sán­chez auf deren Ent­hal­tung ange­wie­sen. Im Gegen­zug for­dert die ERC von Sán­chez einen Dia­log zu Kata­lo­ni­en und zu den im Okto­ber 2019 ver­ur­teil­ten Poli­ti­kern, dar­un­ter der ERC-Vor­sit­zen­de Ori­ol Junqueras.

Die Unab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter Carles Puig­de­mont und Toni Comín, im Mai 2019 ins EU-Par­la­ment gewählt, kön­nen nach einer Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs (EuGH) ihr Man­dat wahr­neh­men, bekom­men auch ihre Diä­ten und Auf­wands­ent­schä­di­gung von ins­ge­samt 70.000 Euro für die Zeit, wo sie nicht im Par­la­ment saßen, nach­ge­zahlt. Wäh­rend der ein­sti­ge kata­la­ni­sche Prä­si­dent Puig­de­mont und sein Gesund­heits­mi­ni­ster Comín (bei­de Junts per Catalunya, JxCat) sich einer Haft in Spa­ni­en durch ihre Flucht nach Bel­gi­en ent­zo­gen, war das dem im Mai auch ins EU-Par­la­ment gewähl­ten ehe­ma­li­gen kata­la­ni­schen Vize­prä­si­den­ten Ori­ol Jun­que­ras nicht mög­lich. Der Ober­ste Gerichts­hof Spa­ni­ens wies die Ent­schei­dung für Jun­que­ras zurück, erlaub­te ihm nicht, das Gefäng­nis zu ver­las­sen. Nach Auf­fas­sung des Gerichts in Madrid kann ein rechts­kräf­tig Ver­ur­teil­ter wäh­rend der Ver­bü­ßung sei­ner Frei­heits­stra­fe kein Wahl­amt aus­üben. Inzwi­schen hat die spa­ni­sche Wahl­kom­mis­si­on Jun­que­ras das EU-Man­dat ent­zo­gen, was ihm der EuGH samt Immu­ni­tät zuge­stan­den hat­te. Der EU-Par­la­ments­prä­si­dent David Sas­so­li fühlt sich ver­pflich­tet, der natio­na­len spa­ni­schen Justiz­be­hör­de Fol­ge zu lei­sten, und geht damit wohl den Weg des gerin­gen Widerstands.

Unbe­kannt ist der­zeit, wie lan­ge Puig­de­mont und Comín in Straß­burg EU-Abge­ord­ne­te blei­ben kön­nen. Am 13. Janu­ar traf beim EU-Par­la­ments­prä­si­den­ten David Sas­so­li ein Schrei­ben des Prä­si­den­ten des Ober­sten Gerichts­hofs Spa­ni­ens ein, der dar­um bat, die Immu­ni­tät von Puig­de­mont und Comín auf­zu­he­ben, da gegen die bei­den Kata­la­nen in Spa­ni­en ein Ver­fah­ren lau­fe, in Bel­gi­en außer­dem ein Aus­lie­fe­rungs­an­trag vor­lie­ge. Die­ser wur­de bereits von der Justiz in Bel­gi­en außer Kraft gesetzt, so dass Puig­de­mont und Comín noch immer ihre vol­le Immu­ni­tät besit­zen. Von dem neu­en spa­ni­schen Ersu­chen wird David Sas­so­li den Rechts­aus­schuss des EU-Par­la­ments infor­mie­ren. Wie der ent­schei­den wird, ist noch nicht bekannt. Aus Straß­burg wur­de aller­dings Spa­ni­en bereits vor­ge­schla­gen, für Jun­que­ras einen neu­en Kan­di­da­ten zu benennen.

Der­weil steht seit dem 12. Janu­ar Pedro Sán­chez‘ Kabi­nett mit 22 Mini­stern, davon die Hälf­te weiblich.

Karl-H. Walloch