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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Recht so?

Die Erkennt­nis ist zwei­fel­los nicht neu, dass unse­re Gerich­te gele­gent­lich durch Ent­schei­dun­gen über­ra­schen, die eher Unver­ständ­nis erwecken als Zustim­mung. So ent­schied das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg in einem Beschluss vom 25. März 2020 (Az.: (1) 53 Ss 126/19-(74/19)), dass der soge­nann­te »schlam­pi­ge Hit­ler-Gruß« (ange­win­kel­ter rech­ter Arm mit aus­ge­streck­ter rech­ter Hand schräg nach hin­ten) nicht dem Hit­ler-Gruß, als »Gruß­for­mel« im Sin­ne von § 86a Abs. 2 Satz 2 StGB zum Ver­wech­seln ähn­lich ist und des­halb eine Straf­bar­keit nicht begrün­den kön­ne. Hin­zu käme, dass ein von einem Schü­ler im schu­li­schen Sport­un­ter­richt gezeig­ter Hit­ler-Gruß nicht öffent­lich erfol­ge, wenn die Sport­hal­le von außen nicht ein­seh­bar ist. Auch stel­le der Sport­un­ter­richt kei­ne »Ver­samm­lung« im Sin­ne der gesetz­li­chen Rege­lung dar.

Was war gesche­hen? Ein Schü­ler eines Ober­stu­fen­zen­trums trat wäh­rend des Sport­un­ter­richts »vor sei­ne Schul­klas­se und imi­tier­te mit Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger der lin­ken Hand den bekann­ten Schnurr­bart von Adolf Hit­ler und hob gleich­zei­tig den rech­ten Arm, zeig­te also höchst­wahr­schein­lich den soge­nann­ten ›Hit­ler-Gruß‹«. Das OLG Bran­den­burg ver­nein­te eine Straf­bar­keit die­ses Ver­hal­tens, weil die Wahr­neh­mung der Tat­hand­lung »durch unbe­stimmt vie­le Per­so­nen, mit­hin durch einen grö­ße­ren nicht beschränk­ten Per­so­nen­kreis« vor­aus­set­ze. Die Wahr­nah­me sei viel­mehr auf »bestimm­te ein­zel­ne Per­so­nen bzw. auf einen enge­ren, unter­ein­an­der ver­bun­de­nen Per­so­nen­kreis beschränkt« gewe­sen. Zudem stel­le der Schul­un­ter­richt kei­ne Ver­samm­lung dar. Eine sol­che sei näm­lich nicht schon in jeder räum­lich ver­ei­nig­ten Per­so­nen­mehr­heit zu sehen. Dies wur­de unter ande­rem damit begrün­det, dass der Schul­un­ter­richt nicht, »die Sin­gu­la­ri­tät, die eine Ver­samm­lung kenn­zeich­net«, besit­ze. Jeder Schü­ler ver­fol­ge – mit dem Besuch der Schu­le – indi­vi­du­el­le Zwecke. Des­halb feh­le es bereits an einer »gemein­sa­men Zweckverfolgung«.

Nun ist das Abklop­fen von For­mal­vor­aus­set­zun­gen nach dem Gesetz und stän­di­ger Recht­spre­chung zwei­fel­los Kern jeder Urteils­fin­dung. Den­noch erweist sich das Ergeb­nis nicht immer als ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar oder gar mora­lisch ver­tret­bar. Spä­te­stens hier soll­te eine Aus­ein­an­der­set­zung über die fal­schen Signa­le, die von wenig akzep­ta­blen Urtei­len aus­ge­hen, ein­set­zen. Es mutet selt­sam an, wenn Schü­ler im Sport­un­ter­richt den Hit­ler-Gruß zei­gen, und wirft auch Fra­gen auf, was sie damit bezwecken wol­len und wel­che Wir­kun­gen es bei den Mit­schü­lern aus­löst. In jedem Fall ist eine damit ver­bun­de­ne Ver­harm­lo­sung der faschi­sti­schen Dik­ta­tur ver­bun­den, auch wenn dies – in Abhän­gig­keit vom Alter des Schü­lers – nicht immer von die­sem in ihrer gan­zen Trag­wei­te erkannt wird. Die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung zur Unter­bin­dung sol­cher Ver­hal­tens­wei­sen – gera­de in der Schu­le, wo der Erzie­hungs- und Bil­dungs­auf­trag im Vor­der­grund ste­hen soll­te – liegt gera­de­zu auf der Hand. Wenn die Justiz sol­ches Ver­hal­ten eines Schü­lers letzt­lich als nicht straf­recht­lich rele­vant ein­stuft, kann dies weder för­der­lich für den han­deln­den Schü­ler noch für des­sen Mit­schü­ler, Leh­re­rin­nen und Leh­rer sein. So erscheint es mehr als not­wen­dig, dass im Blick­punkt der Bewer­tung auch über die Fol­gen und Aus­wir­kun­gen des Han­delns nach­ge­dacht wer­den muss und jede nur kasu­isti­sche Hand­ha­bung dem Zweck des Schut­zes des Rechts­frie­dens und des demo­kra­ti­schen Rechts­staats zuwi­der­lau­fen kann. In einer Zeit, da Rechts­ra­di­ka­lis­mus bedau­er­li­cher­wei­se einen gewis­sen Auf­wind erlebt, erscheint dies mehr als geboten.