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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sturmreif, also kriegsbereit

Irgend­wann hat­te ich mich an einer elek­tro­ni­schen Abstim­mung betei­ligt. Das führ­te augen­schein­lich zur Spei­che­rung mei­ner Mail-Adres­se, wes­halb ich nun im 24-Stun­den-Takt um die Beant­wor­tung einer Fra­ge gebe­ten wer­de. Es genügt, eine der fünf Optio­nen anzu­klicken, die rei­chen von »Ja, auf jeden Fall« bis zum abso­lu­ten Gegen­teil. Da es schnell geht, lässt man sich dar­auf ein.

Das Insti­tut, das die­se Online-Umfra­gen zur »Mei­nungs- und Markt­for­schung« vor­nimmt, wur­de in der Ver­gan­gen­heit gele­gent­lich von Kon­kur­renz­un­ter­neh­men kri­ti­siert, weil es sich um »nicht­pro­ba­bi­li­sti­sche Stich­pro­ben« han­de­le, wel­che – im Unter­schied zu »Zufalls­stich­pro­ben« – »will­kür­li­che oder syste­ma­ti­sche Stich­pro­ben« dar­stell­ten. Ver­ste­he die­sen Quark, wer will, ich jeden­falls tue es nicht, wobei ich wohl auch nicht zur Grup­pe gehö­re, die mit die­sem Fach­chi­ne­sisch kom­mu­ni­ziert. Ich las­se mich ledig­lich von den Umfra­ge­re­sul­ta­ten amü­sie­ren oder ärgern. Zudem bin ich weit davon ent­fernt, den Über­brin­ger der Nach­richt zu attackie­ren. Er kann am wenig­sten dafür, ob das Resul­tat nun erfreu­lich oder nie­der­schmet­ternd ist. Schließ­lich bil­det die Bot­schaft nur das Urteils­ver­mö­gen der Befrag­ten ab. Und da es sich immer um eini­ge Tau­send Men­schen han­delt, wie man stets in Echt­zeit sieht, kann man den Befund durch­aus reprä­sen­ta­tiv nennen.

So wur­de ich bei­spiels­wei­se am Nach­mit­tag eines ziem­li­chen trü­ben Febru­ar­sonn­tags um die Beant­wor­tung der Fra­ge gebe­ten, ob ich mei­ne, »dass Russ­land unter Wla­di­mir Putin eine Gefahr für Deutsch­land« dar­stel­le. Nun hät­te man mich auch fra­gen kön­nen, ob ich den­ke, dass es auf der Erde stin­ken wür­de, wenn der Mond aus Käse wäre, oder ob Joe Biden die 100 Meter in 9,8 Sekun­den lau­fen könn­te oder nicht. »Mei­nen« kann man alles, es ist für den Gang der Geschich­te gott­lob unerheblich.

Aller­dings scheint es nicht uner­heb­lich, wenn bei der Beant­wor­tung exi­sten­ti­el­ler Fra­gen wie die von Krieg und Frie­den eine Stim­mung sicht­bar wird, die einem schier den Atem stocken lässt. Denn auf die erwähn­te Putin-Fra­ge ant­wor­te­ten 34,4 Pro­zent der bis dahin über fünf­tau­send befrag­ten Men­schen mit »Ja, auf jeden Fall«. Nahm man noch die 16,0 Pro­zent dazu, die mit »Eher ja« reagiert hat­ten, hieß das, inzwi­schen fürch­tet sich die Hälf­te der deut­schen Bevöl­ke­rung vor »dem Rus­sen«, weil er ja eine Gefahr für Deutsch­land sei, also unser demo­kra­ti­sches Gemein­we­sen bedrohe.

Das also ist das Resul­tat der seit Mona­ten andau­ern­den Kriegs­hy­ste­rie, die in deut­schen Medi­en Tag um Tag geschürt wird. Bra­vo, ihr Stahl­hel­mer aus ARD, ZDF und den ande­ren Medi­en, die einen Kon­flikt mit der Ukrai­ne, mit dem Bal­ti­kum und an der pol­ni­schen Gren­ze her­bei­sch­rei­en. Die ihr in Talk­shows und Dis­kus­si­ons­run­den dum­mes Gefühls­ge­döns über die ver­meint­li­che Aggres­si­vi­tät von Per­so­nen und gan­zen Völ­ker­schaf­ten ver­brei­tet, die ihr Äng­ste schürt und zugleich ver­harm­lost, indem ihr über Krie­ge schwa­dro­niert wie über Apfel­stru­del mit Vanil­le­sauce. Die­se Saat ist auf­ge­gan­gen, jeder zwei­te Deut­sche hat sich von der Kriegs­hy­ste­rie bereits infi­zie­ren las­sen. (Soll­te man nicht auch die­se Inzi­denz­zah­len täg­lich vermelden?)

Übri­gens, die nach­ge­scho­be­ne Fra­ge lau­tet immer: »Wen wür­den Sie wäh­len, wenn am Sonn­tag Bun­des­tags­wahl wäre?« Die gering­ste Zustim­mung von allen Par­tei­en erhielt hier die Lin­ke mit 5,8 Pro­zent. Die Zei­ten schei­nen erkenn­bar vor­über, als sie mal als kon­se­quen­te Frie­dens­par­tei galt. Denn das Umfra­ge­er­geb­nis zeigt doch auch: Fast jeder zwei­te Bun­des­bür­ger glaubt eben nicht an eine ver­meint­li­che Bedro­hung aus dem Osten. Das ist doch ein Poten­ti­al, aus der sich die unter­ge­gan­ge­ne Frie­dens­be­we­gung neu erhe­ben könn­te und müss­te! Erhe­ben wie Phö­nix aus der Asche.

Statt­des­sen rie­selt die­se Asche aus dem öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sen­der Phö­nix und trübt den Blick für die wah­ren Kriegstreiber.