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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Tucholsky und das Kabarett

»Wir leben in einer merk­wür­di­gen Zei­tung«, behaup­te­te einst Tuchol­sky. Ob er damit sei­ne eige­ne Lebens- und Schaf­fens­pe­ri­ode ins Visier rücken oder bereits pro­phe­tisch auf die coro­na­be­la­ste­te Jah­res­ta­gung 2020 der Kurt Tuchol­sky-Gesell­schaft »Tuchol­sky und das Kaba­rett gestern und heu­te« zie­len woll­te, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Zutref­fend wäre beides.

Nicht zum ersten Male wid­me­te sich unser Ver­ein dem Kaba­rett, einer laut Tuchol­sky »unglück­li­chen Lie­be«. Unter dem Mot­to »Tuchol­sky und das Kaba­rett gestern und heu­te« soll­te dies­mal die Kaba­rett-Histo­rie in West und Ost den Kon­fe­renz­in­halt bil­den. Und dazu hät­te der Vor­stand kei­nen wür­di­ge­ren Ort aus­wäh­len kön­nen als das alt­ehr­wür­di­ge Mainz am Rhein. Hier ent­stand im »Alten Pro­vi­ant­ma­ga­zin« einst das Deut­sche Kaba­rett-Archiv, das den Ver­such wag­te, sich an die inzwi­schen 100-jäh­ri­ge Geschich­te des deut­schen Kaba­retts seit Ernst von Wolzo­gen und sei­nem »Über­brettl« her­an­zu­ta­sten, Mate­ria­li­en zur Kaba­rett­ge­schich­te zu sam­meln und zu archi­vie­ren und die Geschich­te die­ser eigen­wil­li­gen thea­tra­li­schen Gat­tung für die Mit- und Nach­welt zu doku­men­tie­ren. Rein­hard Hip­pen und sei­nen Amts­fol­gern kommt damit das Ver­dienst zu, etwas Ein­ma­li­ges geschaf­fen und aus­ge­stal­tet zu haben und Kaba­rett-For­ma­tio­nen wie der »Lach- und Schieß-Gesell­schaft«, der »Schau­büh­ne«, den »Sta­chel­schwei­nen«, den »Wühl­mäu­sen« oder den »Insu­la­nern« sowie Per­sön­lich­kei­ten wie Hanns Die­ter Hüsch, Fried­rich Hol­la­en­der, Blan­di­ne Ebin­ger, Diet­rich Kitt­ner, Kurt Tuchol­sky, Erich Käst­ner, Georg Kreis­ler, Clai­re Wal­doff, Rudolf Plat­te, Ursu­la Her­king, Wolf­gang Neuss, Die­ter Hil­de­brandt, Vol­ker Kühn, dem Ehe­paar Lorentz, Wolf­gang Gru­ner, Harald Juhn­ke, Gün­ter Neu­mann, Die­ter Hal­ler­vor­den, Die­ter Süver­krup und vie­len ande­ren eine anre­gen­de Platt­form sowie eine blei­ben­de Erin­ne­rung geschaf­fen zu haben.

In der DDR hat­te sich par­al­lel Bern­burg an der Saa­le zu einem Kaba­rett­zen­trum ent­wickelt, in dem sich Pro­fis und Ama­teu­re der Ost-Sze­ne zu Work­shops mit Fach­leu­ten tra­fen, gegen­sei­tig berie­ten und Erfah­run­gen und Tex­te aus­tausch­ten. Gise­la Oechelhae­u­ser, Rai­ner Otto, Peter Ensi­kat, Wolf­gang Hüb­ner, Wolf­gang Schal­ler, Fritz Decho und Edgar Külow waren begehr­te Gesprächs­part­ner, und die Fach­zeit­schrift Poin­te mit Tex­ten von Frank Klein­ke und ande­ren bot man­che Anre­gung. In Bern­burg tra­fen Fach­leu­te der »Distel«, der »Pfef­fer­müh­le«, der »Aka­de­mi­xer« und der »Her­ku­les­keu­le« auf Ama­teu­re der unter­schied­lich­sten Berufsbereiche.

Nach der Ver­ei­ni­gung ent­wickel­te sich das Schloss Bern­burg an der Saa­le zu einer Depen­dance der Main­zer Zen­tra­le. Und das war gut so, denn eine Zen­tra­le hat ja immer so recht. Aber auch das hat­ten wir einst schon von Tuchol­sky gehört. In Mainz also soll­te die Tagung statt­fin­den, und dass die Stadt der Geburts­ort von Anna Seg­hers war, mach­te die Sache noch poli­ti­scher und attraktiver.

So jeden­falls war es vor­ge­se­hen, aber das Leben ist, wie der­sel­be Tuchol­sky fest­stell­te, gar nicht so, son­dern halt ganz anders. Die Main­zer Zen­tra­le sag­te kurz­fri­stig ab, da sie die not­wen­di­gen coro­na­ge­schul­de­ten Rege­lun­gen nicht gewähr­lei­sten konn­te, und brach­te Vor­stand und Ver­ein in eine arg bedräng­te Situa­ti­on. Wenn es die Musik­bren­ne­rei Rheins­berg da nicht geben wür­de, die just zum vor­ge­se­he­nen Tagungs­zeit­punkt stolz ihrem fünf­jäh­ri­gen Bestehen ent­ge­gen­fie­ber­te, hät­te die Kon­fe­renz wohl auf den St.-Nimmerleinstag ver­scho­ben wer­den müs­sen. Ihre Betrei­ber, der Kom­po­nist Hans Kar­sten Raecke und die Kaba­ret­ti­stin Jane Zahn boten der mini­mier­ten Teil­neh­mer­zahl nicht nur ein atmo­sphä­ri­sches und freund­schaft­li­ches Domi­zil, son­dern durch ein Solo-Kon­zert von Hans Kar­sten mit eige­nen Kom­po­si­tio­nen und das neue Kaba­rett-Pro­gramm von Jane »Am Arsch vor­bei gibt‘s auch kein Leben« einen künst­le­ri­schen Rah­men, mit dem nicht ein­mal das Main­zer Archiv hät­te auf­war­ten kön­nen. Und dar­über hin­aus hat­te der ver­än­der­te Tagungs­ort ja auch ein wenig mit dem jugend­li­chen Tuchol­sky und sei­nen Eska­pa­den zu tun. Da konn­te »die Milch der guten Den­kungs­art« bei­lei­be nicht sau­er wer­den (vgl. Kurt Tuchol­sky, Schnip­sel, Rowohlt Taschen­buch, Auf­la­ge 1995, S. 54).

Der Bericht wäre unvoll­stän­dig, wür­de er nicht den sams­täg­li­chen Auf­takt mit den von Jo Faß über­mit­tel­ten »Rat­schlä­gen für einen schlech­ten Red­ner«, den von Frank-Burk­hard Habel vor­ge­tra­ge­nen Tagungs­bei­trag des an der Rei­se gehin­der­ten Lon­do­ner Vor­sit­zen­den Ian King sowie den Vor­trag von Kaba­rett-Histo­ri­ker Jür­gen Klam­mer über das Kaba­rett in der DDR als beson­de­re High­lights der Tagung bewerten.

Dass die Ver­an­stal­tung über­haupt und gera­de noch statt­fin­den konn­te, war der Ter­mi­nie­rung der neu beschlos­se­nen Coro­na-Beschrän­kun­gen zu ver­dan­ken, deren Gül­tig­keit just an dem Tage ein­setz­te, der auf die Kon­fe­renz­ta­ge folgte.

So viel Ein­füh­lungs­ver­mö­gen hät­te ich unse­ren Behör­den in unse­rer so merk­wür­di­gen Zeit(ung) gar nicht zugetraut.